Debatte um Outsider Art

Auftritt der Outsider

Gerade begeistern wieder sogenannte Outsider-Künstler Ausstellungsbesucher in Essen und Düsseldorf. Doch so eindrücklich ihre Werke sind, sie werden die Gegenwartskunst nicht retten. Ein Kommentar von Ludwig Seyfarth.

Als Kurator Massimiliano Gioni auf seiner Venedig Biennale 2013 die Werke zahlreicher, oft  weitgehend unbekannter "Outsider" in seine Ausstellung integrierte, war der Trend endgültig offenbar. Die oft skurrilen Welten, die Künstler ohne akademische Ausbildung und jenseits avantgardistischer Diskurse erschaffen, scheinen das einzige Elixier zu sein, das einem in ewigen Wiederholungen ermüdeten Kunstgeschehen noch neues Leben einhauchen kann.

Wenn das Vokabular des Konstruktivismus und des Informel wie ein Puzzlespiel immer wieder zu leicht variierten Mustern zusammengestellt und als kritische Auseinandersetzung mit dem Erbe des Modernismus verkauft wird; wenn die Errungenschaften der Konzeptkunst und der Minimal Art in manierierten Rearrangements ausgedünnt und mit bedeutungsvollen, aus der Anschauung der Werke kaum nachvollziehbaren Referenzen aufgeladen werden; wenn jede Akkumulation von Alltagsgegenständen, die das Angebot heimischer Kaufhäuser übersteigt, als komplexer Ausdruck der Globalisierung ausgegeben werden kann, können neue Impulse offenbar nur noch von außerhalb des Kunstbetriebs kommen.

Zeichnung: Sohyun Jung
Ludwig Seyfarth ist freier Autor und Kurator und lebt in Berlin. 2007 erhielt er den Preis des ADKV für Kunstkritik.

Die Idee ist alles andere als neu. Die Sehnsucht nach einer ursprünglichen Kreativität, die von einer überzüchteten und fehlgeleiteten Zivilisation nur verschüttet wurde, zieht sich spätestens seit dem 18. Jahrhundert wie ein roter Faden durch die europäische Kulturgeschichte. Künstler suchten Inspiration in geografisch entfernten "primitiven" Kulturen, so wie Paul Gauguin, der 1891 nach Tahiti auswanderte. Oder man richtete den Blick auf die Bildwelten von Kindern oder von Menschen, die als psychisch krank gelten. Hans Prinzhorn veröffentlichte 1922 ein einflussreiches Buch über die "Bildnerei der Geisteskranken", die er auch sammelte und die heute noch in einem dem Universitätsklinikum Heidelberg angegliederten Museum zu sehen ist.

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Eine aktuelle Sonderausstellung dort widmet sich einem Besuch, den Jean Dubuffet 1950 der Sammlung Prinzhorn abstattete (siehe Bildergalerie). Der von einem radikal "antikulturellen" Impuls geleitete französische Künstler prägte in den vierziger Jahren den Begriff der "Art Brut", deren Ausdrucksmittel ohne alles zivilisatorisch Erlernte auskommen – ein Ideal, das Dubuffet auch in seinen eigenen Werken zu verwirklichten suchte. Schon die so genannte "Naive Malerei" schien im kulturell verdorben. Als der englische Kunsthistoriker Roger Cardinal 1972 sein Buch "Outsider Art" veröffentlichte, bürgerte sich außerhalb des französischen Sprachraums vor allem dieser Begriff ein. Im gleichen Jahr prägte Harald Szeemann auf der Documenta 5 das Schlagwort der "Individuellen Mythologien", das eine Brücke zwischen den Phantasiewelten professioneller Künstler und denen der "Outsider" spannte.

Wir wollen wissen, ob Künstler es ernst meinen

"In gesellschaftlichen Krisen wächst regelmäßig das Interesse an Outsider-Kunst", schreibt nun Christian Saehrendt, der uns in seinem aktuellen Buch "Gefühlige Zeiten" eine "zwanghafte Sehnsucht nach dem Echten" diagnostiziert. Aber hat sie nicht auch ihre Berechtigung nach den vielen Anführungszeichen, Uneigentlichkeiten und Metaebenen der Postmoderne? Wir wollen doch wissen, ob ein Künstler es ernst meint oder ob er ein Dauerironiker ist, der seine Kunst nur strategisch einsetzt, um den Markt zu bedienen. Bei den Outsidern sind wir auf der sicheren Seite. Schon durch ihre psychische Konstitution sind sie Überzeugungstäter, die gar nicht anders können.

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Das gilt auch für die Künstler, die im 20. Jahrhundert im "Schatten der Avantgarde" standen und im Essener Folkwang Museum derzeit neben dem berühmten "Naiven" Henri Rousseau gezeigt werden (siehe Bildergalerie). Ihnen gelangen beeindruckende Bildfindungen, etwa die farbenprächtigen, sich wie ornamentale Strukturen ausbreitenden Bäume der in ländlichem Milieu als Putzfrau arbeitenden Séraphine Louis. Ähnlich eindringlich sind die tunnelartigen Raumgebilde, die der gebürtige Mexikaner und in den USA als Eisenbahnarbeiter tätig gewesene Martin Ramirez auf große Papierbögen zeichnete. Beide Künstler, die nie eine akademische Ausbildung erfuhren, verbrachten ihre späteren Lebensjahre in psychiatrischen Anstalten. Ihre kraftvollen Werke können gleichrangig neben denen anerkannter Künstlern der Avantgarde bestehen, was in Essen durch ergänzend ausgestellte Werke von Gauguin, Delaunay oder Mondrian anschaulich vorgeführt wird.

Der Schatten der Avantgarde

noch bis 10. Januar 2016 im Folkwang Museum in Essen

Mehr Anerkennung hätten aber die Outsider-Künstler verdient, deren Werke kürzlich in der Kunsthalle Düsseldorf in der Ausstellung "Avatar und Atavismus – Outside der Avantgarde" zu sehen waren. Der Schwerpunkt der Schau lag dagegen auf im Kunstbetrieb längst anerkannten Namen wie Maria Lassnig, Mike Kelley, Sarah Lucas oder Jonathan Meese, die mit Ausdrucksmitteln arbeiten, die denen von Kindern oder psychisch Kranken ähneln. Die kleinformatigen Werke der "Outsider" waren in ein seitliches Kabinett verbannt, wo sie in Petersburger Hängung so gezeigt wurden, wie Museen die Resultate ihrer Kindermalschulen vorführen. Die von der Gesellschaft in die Psychiatrie verwiesenen Outsider wurden so gleichsam zum Beleg für die überkommene These, dass auch "richtige" Künstler psychische Grenzgänger sind.

Veit Loers, Kurator der Ausstellung, ist ein bekannter Spezialist für dieses Thema. Schon 2008 feierte er in einer gleichnamigen Publikation die "Psychonauten", die wie von einem inneren Zwang zu ihrer Kunst getrieben werden: "Gregor Schneider muss seine Räume bauen, Jonathan Meese muss seine Parolen kritzeln und Spartacus Chetwynd muss das Ritual ihrer Performances durchführen ...".

Nicht in das irrationale Gewäsch des Expressionismus zurückzufallen

Vom Outsider zum Insider
art sprach mit Bea Gellhorn, Geschäftsführerin der ersten Online-Galerie für "Insider Art", über die Stigmatisierung der "Outsider Art" und erweiterte Perspektiven