Guy Ben-Ner
Interview
"ICH BIN EIN KANNIBALE"
Herr Ben-Ner, in vielen Ihrer Arbeiten spielen Ihre Kinder und Ihre Frau die Hauptrollen. Wie zum Beispiel bei Ihrer Arbeit "Stealing Beauty", die Sie in mehreren Ikea-Filialen gedreht haben. Wie kamen Sie auf die Idee mit Ihrer Familie zu arbeiten?
Guy Ben-Ner: Ich bin ziemlich obsessiv. Für die Arbeit "Stealing Beauty" (2007) waren wir fast achtzigmal bei Ikea. Ich habe mich vier Monate darauf vorbereitet. Ich wusste, dass ich meine Kinder kaum noch sehen würde, wenn ich in einem Studio arbeiten würde. Das war also mein Weg um zu Hause zu arbeiten.
Sie haben in vielen verschiedenen Städten gelebt. 1996 sind Sie von Israel in die USA gezogen, die letzten zwei Jahre haben Sie in Berlin gelebt. Auf welche Weise beeinflusst Sie eine Umgebung?
Meine Familie, also die unmittelbare Umgebung, ist mir an alle Orte gefolgt. Andererseits gab es natürlich große Veränderungen. Die Arbeit "Stealing Beauty" entstand, nachdem wir fünf Jahre lang in New York gelebt und dort mit Geldproblemen zu kämpfen hatten. Dieser Umstand hat die Arbeit beeinflusst. Berlin hat meine Arbeit bisher nicht wirklich inspiriert, dafür waren die zwei Jahre einfach zu kurz. Manchmal merke ich auch erst sehr viel später, wie mich eine bestimmte Umgebung geprägt hat. Ich gehe nicht an einen Ort und weiß dann sofort, dass ich etwas aus dieser Situation machen möchte.
Wie sieht Ihr Arbeitsprozess aus?
Oft entwickele ich ein Konzept, eine Art Mechanik für den Film, bevor ich den Film habe. Für "Stealing Beauty" war es Teil der Idee, dass wir in einer Ikea-Filiale ohne Erlaubnis drehen. Die Idee war, dass das Ikeapersonal, das uns ja immer wieder unterbrochen hat, den Film bestimmt. Wenn das Personal uns rauswarf, musste ich einen Schnitt machen. Auf diese Art und Weise wurde das Ikea-Personal zu eine Art Co-Produzent. Auch für die Arbeit "Second Nature" (2008) gab es eine Art Mechanismus, der mich interessierte: In der Fabel von La Fontaine "Der Fuchs und die Krähe", auf die ich mich beziehe, trainiert ein Tier ein anderes. In meinem Film trainieren Tiertrainer die Tiere, ich wiederum trainiere die Tiertrainer in meiner Rolle als Regisseur. Es ist also ein Austausch von Training. Dieser Mechanismus war da, bevor ich den Film gemacht hatte.
Wie sind Sie an die Tiere und ihre Trainer gekommen?
Der Film ist für die Biennale in Liverpool entstanden, deshalb hatte ich die Möglichkeit, durch England zu fahren und nach professionellen Tieren und Tiertrainern zu suchen. Die Firma, die Tiere für Harry Potter trainiert, war sehr nett und hat zugesagt. Die Krähe aus "Second Nature" hat übrigens bei Harry Potter 3 mitgespielt. Sie ist ziemlich berühmt. Die Tiertrainer musste ich erst überzeugen, sie hatten Angst davor gefilmt zu werden.
Sie trainieren die Trainer, indem Sie Ihnen Anweisungen in Form von Reimen geben. Warum gerade Reime?
Da sowohl die Tiere, als auch die Tiertrainer ihre Vorgaben hatten, wollte ich mich selbst auch einschränken. Es passte auch gut zu der Fabel. Einige der Reime habe ich vorher geschrieben, andere erst, während wir gedreht haben.
In der Arbeit "Second Nature" gibt es einen Verweis auf Samuel Becketts "Warten auf Godot". Auf welche Art und Weise nimmt Literatur Einfluss auf Ihre Arbeit?
Das sind Einflüsse, die eher unbewusst in die Arbeit mit einfließen. Meine Arbeiten entwickeln sich über einen relativ langen Zeitraum von ein bis eineinhalb Jahren. Alles was ich in dieser Zeit lese, höre und sehe, aber auch Erinnerungen nehmen Einfluss auf die Arbeit. Die Idee für eine Arbeit ist in meinen Kopf und funktioniert wie eine Art Magnet. Dann sortiere ich aus: Das nehme ich, das nehme ich nicht. Das ist auch der einzige Grund, warum ich gerne über einen langen Zeitraum hinweg an einem Konzept arbeite. Auch alte Erinnerungen kommen wieder und finden ihren Weg in ein neues Konzept.
Haben Sie einen Lieblingsautor oder einen Lieblingsphilosoph?
Nein, ich bin ein Kannibale, ich nehme von jedem.

