Paradies der Kunst - Skulptur Projekte Münster

Im Paradies der Kunst

Die „Skulptur Projekte“ in Münster sind eine typisch deutsche Erfolgsgeschichte: Erst als auch das Ausland Beifall klatschte, verwandelte sich die anfängliche Empörung der Lokalbevölkerung in Akzeptanz und schließlich Stolz. Nun findet die größte Open-Air-Ausstellung Europas zum vierten Mal parallel zur Documenta statt – und das Bistum steht kopf

Das Erste, was einem auffällt, wenn man aus dem kleinen Münsteraner Hauptbahnhof kommt, ist ein großer, zweistöckiger Bau aus Glas. Er läuft auf einer Seite spitz zu und ist fast durchsichtig, die Glaswände werden nur von schmalen Stahlstreben gehalten. Auf die Frage, was das sei, sagt eine kleine drahtige Frau in Gore-Tex-Jacke und Mephisto-Schuhen, die über den Bahnhofsplatz marschiert: „Unsere neue Radstation! Die hat der Bundesverkehrsminister eingeweiht.“ Das war 1999, und der Mann hieß Franz Müntefering. Auf die gut 280 000 Münsteraner kommen doppelt so vie­le Fahrräder, also mehr als eine halbe Million. Es gibt Fahrradwege, Fahrradampeln, Fahrradparkplätze, eine Fahrradpolizei und wohl nirgends we­niger kaputte Rücklichter als hier im christlich-demokratisch regierten Bischofssitz. Bereits in den fünfziger Jahren wurden diese Weichen gestellt, als sich die Stadt dem autofreundli­chen Wiederaufbau-Trend widersetz­te und den komplett zerstörten Stadtkern originalgetreu rekonstruieren ließ. Mit anderen Worten: Vom Kleinkind bis zur Oma fährt hier jeder Rad – und alle zehn Jahre auch eine Gruppe weltberühmter Künstler.

Seit einigen Monaten ist es wieder so weit: Es radeln Größen wie Bruce Nauman, Rosemarie Trockel oder Guillaume Bijl durch die Straßen, auf der Suche nach geeigneten Orten für Kunstaktionen, denn ab 17. Juni finden wieder rund 100 Tage lang die „Skulptur Projekte“ statt. Und obwohl sich die Macher nach wie vor dem Begriff der kalkulierten Reihe verwehren, ist das Konzept fast dasselbe wie schon 1977, 1987 und 1997: Parallel zur Kassler Documenta werden ausgewählte internationale Künst­ler dazu eingeladen, sich vor Ort mit den architektonischen, historischen und sozialen Gegebenheiten der Stadt auseinanderzusetzen. Auch der Leiter ist noch derselbe: der gebürtige Münsterländer Kasper König – 1977 freier Ausstellungsmacher, 1987 Inhaber des Lehrstuhls „Kunst und Öffentlichkeit“ an der Kunstakademie Düsseldorf, 1997 Rektor der Frankfurter Städel-Schule, 2007 Direktor des Kölner Museums Ludwig, dazwischen Organisator diverser bedeutender Ausstellungen und die ganze Zeit über Oberhaupt des internationalen König-Clans.

1977 hieß das Projekt noch schlicht „Skulptur“ und folgte der Fragestellung, welche Art von Skulptur in einer Zeit möglich ist, die Reiterdenkmal und Zierbrunnen endgültig überwun­den hat. Der Begriff „Kunst im öffent­lichen Raum“ wurde damals geprägt. Im Nachhinein betrachtet, fallen dar­unter vor allem gefällige Plas­tiken, die etwa seit Ende der sechziger Jahre deut­sche Parks, Behör­denvorplätze, Sparkassen-Foyers und Krankenhausgärten über­schwemm­­ten. Skandale pro­duzierten nur die allerwenigsten dieser Werke, die nicht im Schutzraum eines Museums ausgestellt wurden, sondern draußen in der Stadt.

In Münster löste eine abstrakte kinetische Skulptur des US-Künstlers George Rickey Mitte der Siebziger den Protest der traditionell konservativen Münsteraner aus. Das brachte das Landesmuseum auf die Idee, eine Ausstellung zur modernen Skulptur zu erarbeiten. Betreut wurde das Projekt vom damaligen Kurator Klaus Bußmann.
Der ursprüngliche Plan war eine Museumsrückschau von Rodin bis dato, die nach und nach – in Zusammenarbeit mit Kasper König – um Projekte im Außenraum ergänzt wurde. Sie baten bedeutende zeitgenössi­sche Bildhauer, sich mit der Stadt aus­einanderzusetzen, um zu erforschen, was für einen Stellenwert und was für Möglichkeiten die Kunst im öffentlichen Raum überhaupt hat. Neun Arbeiten kamen ins Freie – und sorg­ten für ordentlich Furore in Westfalen: Claes Oldenburgs riesige Beton-Billardkugeln „Giant Pool Balls“, die bis heute am Aasee-Ufer liegen, brauch­ten vor 30 Jahren sogar Polizeischutz, weil ein entfesselter Mob sie ins Wasser rollen wollte. Damals schrieb eine Lokalzeitung: „Eine Clique mit schizophrenen Kunstvorstellungen provoziert die Mehrzahl unserer empfindenden Bürger.“ Und „Der Spie­gel“: „Die Partie zwischen Münster und der zeitgenössischen Kunst ist eröffnet.“ Joseph Beuys nahm sich einer „architektonischen Wunde“ an, einem toten Winkel unter einer Fußgängerüberführung. Er fertigte einen Abguss des Unorts aus 23 Tonnen Stearin und einer Tonne Rindertalg, der wochenlang erkalten musste. „Unschlitt“ liegt heute in sechs riesigen ranzig riechen­den Teilen im Hamburger Bahnhof in Berlin und ist eines der bedeutendsten Stücke der Sammlung Marx.

"Wir wollten den Skulptur-Begriff erweitern"

Anders als Volkes Stimme war die internationale Fachresonanz 1977 sehr positiv, König und sein Partner Klaus Bußmann – damals Referent, später Lei­ter des Westfälischen Landesmuseums – ernteten Respekt für ihre Open-Air-Aktion. „Das Lob hat uns natürlich beflügelt“, sagt König heute dazu, wie 1987 die Idee entstand, sich noch ein zweites Mal mit dem Thema zu beschäftigen. Diesmal brachten der Land­schaftsverband Westfalen-Lippe, das Land Nord­rhein-Westfalen, die Stadt Münster und Sponsoren ein Budget von insgesamt 1,5 Millionen Mark auf, fünf Mal so viel wie 1977. 64 Künstler nahmen teil, darunter Richard Serra, der zwei Stahlbögen vor die Barock-Architektur eines Adelspalais setzte („Trunk – Johann Con­rad Schlaun Recomposed“), und Keith Haring, der dem Zoo-Gründer einen feuerroten Stahlhund widmete („Red Dog for Landois“). Das Medien­echo war enorm, Münsters Renommee wuchs und – siehe da – ebenso die Akzeptanz der Bevölkerung. Leider war der Sommer 87 völlig verreg­net und die Werke lagen so weit auseinander, dass Kasper König den Be­griff „Ostereiersuchen“ für das Besichtigungserlebnis prägte.

Doch er und Bußmann lernten aus dem Fehler, als sie sich 1997 abermals dazu entschieden, ein Skulptur-Projekt zu veranstalten – diesmal gemeinsam mit Florian Matzner, damals Kurator am Landesmuseum Münster, heute Professor für Kunstgeschichte an der Akademie der Bildenden Künste in München. Das Triumvirat sorgte für Verdichtung, indem es die 74 Künstler-Interventionen auf Innenstadt, Schloss und Aasee konzentrierte – und erntete zum ersten Mal nicht nur Presse-Lob, sondern bereits im Voraus die euphorische Zustimmung der Münsteraner. Und auch das Wetter war fantastisch: Der Sommer 97 war einer der wärmsten überhaupt. Die „Süddeutsche Zeitung“ jubelte: „Die Skulptur-Projekte in Münster stehlen der documenta mit Phantasie und Witz die Schau.“ Besonders beliebt waren Nam June Paiks 32 silber­ne Oldtimer vor dem Schloss, die er von Sonnenuntergang bis fast Mitternacht mit Mozarts Requiem beschallen ließ („32 cars for the 20th century: play Mozart’s Requiem quietly“). Man­che Künstler, wie der Schotte Douglas Gordon, nahmen Bezug zu älteren „Skulptur Projekte“-Arbeiten: Gordon richtete in dem gottverlassenen Fußgängertunnel, der Beuys 20 Jahre zuvor zu „Unschlitt“ inspiriert hatte, ein Kino ein und projizierte zwei amerikanische Spielfilme („Der Exorzist“, „Das Lied von Bernadette“), in denen es um dämonische und religiöse Besessenheit geht, auf Vorder- und Rückseite einer Leinwand.

Nun findet der vierte Versuch statt, die Möglichkeiten von Kunst im öffentlichen Raum zu erproben – diesmal mit einem Budget von 5,25 Millio­nen Euro. Wieder ist Kasper König, 64, federführend, allerdings ohne Klaus Bußmann, der 2003 in Pension ging und nun in Paris lebt. Dafür sind zum ersten Mal zwei Frauen im Team: Brigitte Franzen, 41, Ku­ratorin für Gegen­wartskunst im Westfälischen Landesmuseum Münster, und Carina Plath, 41, Direktorin des Westfälischen Kunst­vereins in Münster. Es sind weit weniger Künstler als 1997 und 1987 dabei: 35. „Das war eine sehr bewusste Entscheidung“, sagt Brigitte Franzen, „Wir wollten das Erlebnis weiter verdichten und dabei den Skulptur-Begriff erweitern.“ Zum Beispiel mit Clemens von Wedemeyers Arbeit „Letz­ter Bahn­hof“: ein 40 bis 60 Minuten langer Film, der sich ohne lineare Handlung mit dem Hauptbahnhof und der besonderen Atmosphäre des Kommens, Gehens und Verweilens beschäftigt. Gezeigt wird der Film im „Metropolis“, einem leer stehenden Kino direkt am Bahnhofsplatz gegenüber der gläsernen Radstation.

An diesem frühlingshaften Märztag sind die Dreharbeiten in vollem Gang. Headquarter der Crew ist das heruntergekommene Kino-Foyer. Dort wuseln gut aussehende junge Leute herum, sie telefonieren, diskutieren, haben Listen vor sich, notieren darin die Details des Drehplans. Das Gravitationszentrum ist ein blasser junger Mann mit wirren, blonden Haaren und großer Brille: der Künstler. Etwas entrückt steht er da, möchte sich nicht interviewen lassen und gibt schließlich doch preis, was ihn am Bahnhof reizt: „Hier passieren Konflikte, weil Menschen mit unterschiedlichsten Ge­­schichten aufeinander treffen, die sich sonst niemals begegnen würden.“ Wäh­rend der „Skulptur Projekte“ wird der Film in Endlosschleife im großen leeren Kinosaal laufen, in dem es kein Gestühl mehr gibt. Das „Metropolis“ liegt günstig, weshalb es einer der Hauptanlaufpunkte werden wird. Hier gibt es Infos und Erfrischungen – und einen irritierenden neuen Blick auf den Ort, an dem viele Besucher gerade ihren Besuch gestartet haben.

Der organisatorische Aufwand, der hinter den „Skulptur Projekten“ steckt, ist gewaltig. Das Team versucht alles, um die Vorstellungen der Künstler um­zusetzen. So kann Bruce Nauman nach 30 Jahren endlich die umgekehr­te Pyramide realisieren, die er schon 1977 geplant hatte. Sie scheiter­te damals daran, dass kein geeigneter Ort gefunden werden konnte. Für Guillaume Bijls im Boden versenkten Kirch­­turm „Sorry-Installation (Archeological Site)“ mussten Maurer, Dachdecker und eine professionelle Baufirma mit Baggern und Betonmischern anrücken, für Mark Wallingers Arbeit „Münster Circle“ mussten 130 Genehmigungen eingeholt werden. „Dazu haben wir erst mal einen Info-Abend für alle Betroffenen veranstaltet“, erzählt Anna Schultz, die dieses Projekt betreut. Sie ist eine der fünf kuratorischen Assistenzen, die Kasper König, Brigitte Franzen und Carina Plath zur Hand gehen.

"Die Leute reagieren extrem empfindlich"

Wallinger wird eine 0,6 Millimeter dünne Angelschnur in einem Kreis mit fünf Kilometer Umfang in einer Höhe von mindestens viereinhalb Me­tern durch die Stadt spannen. „Das Schwierigste war, die Bereitschaft der Eigentümer zu wecken, denn der Faden muss an 60 Häusern befestigt wer­den. Die Leute reagieren extrem empfindlich, wenn man einen Dübel in ihre Hauswand schrauben möchte – da stößt man an echte Grenzen“, sagt Schultz. „Aber irgendwie ist das auch passend, denn um das Thema Grenze geht es ja bei dem Projekt.“ Sie hat sich so intensiv mit „Münster Circle“ beschäftigt, dass sie aus dem Stand eine wissenschaftliche Expertise zur Traglast von Angelschnüren unter Extremwetterbedingungen verfassen könnte – seit zwei Monaten überwacht sie den Test von sechs Fäden, die auf einer Strecke von 60 Metern in einem Hinterhof gespannt sind. „Es wäre doch schlimm, wenn der Kreis reißen würde“, sagt sie ernst, „so viele Bürger waren noch nie an einem Projekt beteiligt – denen sind wir doch auch verpflichtet.“

Wenige Kilometer entfernt dröhnt und schnaubt ein großer Bagger auf der Baustelle des belgischen Künstlers Guillaume Bijl, er schaufelt Erdreich um einen fünf Meter tiefen betonier­ten Schacht. Hier entsteht ein archäologischer Ausgrabungsort, ein Loch, aus dem eine Kirchturmspitze ragen wird. „Ich mache immer ein bisschen Theater“, sagt Bijl, der in Anzug und Sonnenbrille durch den Sand stapft. Mantel und Haar wehen im Wind, während er gegen den Bagger anredet: „Nur beim Theater weiß man, dass es fiktiv ist.“ Sein Mittel ist der Verfremdungseffekt: Er verändert die Wahrnehmung alltäglicher Dinge, indem er zum Beispiel einen Supermarkt samt Produktsortiment in eine Galerie verfrachtet oder eine Museumsausstellung zur Geschichte der Erotik konzipiert. „Muss ja jeder selber wissen, was er macht“, sagt einer der Bauarbeiter. Damit die Kirche im Loch auf den Besucher möglichst echt wirkt, hat Bijl den Ort so gewählt, dass er sich in die touristischen Attraktionen fügt: zwischen Planetarium, Zoo und Freilichtmuseum.

Etwas außerhalb des Zentrums ar­beitet Andreas Siekmann in einer alten Fabrikhalle an seinem Projekt „Trickle Down“, was so viel wie durchsickern heißt und sich auf eine Theorie bezieht, nach welcher der aus Wirtschaftswachstum resultierende Wohlstand die Gesellschaft von oben nach unten erfasst. Obwohl draußen die Sonne scheint, ist es drinnen feucht und kalt. Um einen gasbetriebenen Heizpilz stehen mehrere große Plastikfiguren in milden Joghurt-Gum-Farben: Kuh, Pferd, Löwe, Schwein, Elefant, Bär, Nashorn, Ratte, ein Radfahrer und ein Wasserträger. Es handelt sich um Maskottchen, die in den letzten Jahren alleine in Deutschland 600 Städte heimgesucht haben. „Dahinter steckt ein weltweites Marketing­kon­zept“, sagt der große, hagere Siekmann, während er wild gestikuliert und hustet. Er hat sich bei der Arbeit verkühlt, ist aber voll ungebremsten Elans. „Ich will auf die Privatisierung des öffentlichen Raums aufmerksam machen. Diese ,Urban Art‘ wird als komplettes Marketing-Konzept an Städte verkauft, gleich all inclusive von der Website über den Schlüsselan­hänger bis zum Gala-Abend. Die ganze Welt wird mit diesem Einheits-Look gebrandet und den Leuten als Kunst ver­kauft.“

In Münster wird er etwa 20 Figuren be­­malen, sie in einer Containerpresse zu­sam­menstampfen und die so neu trans­­formierte Skulptur samt Presse ausstellen. „Diese absurden Figuren, die den Menschen in den Städten als Kunst verkauft werden, sind doch nichts als Etikettenschwindel! Kunst im öffentlichen Raum darf heutzutage keine Konflikte mehr produzieren. Was alle zehn Jahre in Müns­ter passiert, das ist doch die Ausnahme, das ist doch quasi das Paradies der Kunst im öffentlichen Raum!“

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