Erwin Wurm - Deichtorhallen Hamburg

Kunstwitze mit Hintersinn

Skulpturale "Kunstwitze" sind das Markenzeichen des österreichischen Künstlers Erwin Wurm: Häuser und Autos, die wie aufgepumpt aussehen oder Menschen, die Gegenstände scheinbar verschluckt haben. Seine Themen sind: Schlankheitswahn und Fettsucht, Mode, Werbung und Konsumkult.

Es schien ein ganz normaler völlig überdrehter Nachmittag bei der zweiten Londoner Frieze-Kunstmesse 2004 zu werden. Nur mit einem hatte niemand, wahrscheinlich außer der Wiener Galeristin Ursula Krinzinger, gerechnet: mit Erwin Wurms großem Auftritt. Die Leute standen Schlange, um sich von dem Shooting-Star mit einer Sofortbildkamera ablichten zu lassen. In den eigentümlichsten Situationen, zu zweit in einem Pullover steckend oder am Boden liegend, mit dem Kopf unter den gegrätschten Beinen einer berockten Dame. "One Minute Sculptures" nennt der derzeit erfolgreichste österreichische Künstler diese eingefrorenen Augenblicke.

Wurm befinde sich gerade an einem Wendepunkt, meint Edelbert Köb, der Kurator des Wiener Museum moderner Kunst (Mumok). Er arbeite jetzt wieder bildhauerischer und realistischer. Nichts verdeutlicht das besser als eine der jüngsten lebensgroßen Skulpturen Wurms: Ein Mann mit riesigem kugelrunden Bauch steht verloren im Raum. Er wird wohl auch einsam bleiben, denn schließlich handelt es sich um "The artist, who swallowed the world". Diese skulpturalen "Kunstwitze" sind es aber auch, die Wurms Werk auf den ersten Blick oft platt erscheinen lassen. Wie zum Beispiel die täuschend echt nachgeformten Wurstsemmeln, die sich bei näherer Betrachtung als fleischige unbekannte Flugobjekte entpuppen, die gerade ihre Gangway ausgefahren haben. Dabei ist gerade das die Stärke, die Qualität von Wurms Arbeiten – immer stellen sie auch einen kritisch-ironischen Kommentar zu unserer Gesellschaft dar. Etwa Wurms vermenschlichte bürgerliche Statussymbole: das völlig aus dem Leim gegangene, fette Auto, das ebenso aufgedunsene Einfamilienhaus oder das zerfließende New Yorker Guggenheim Museum.

Die Wiener Ausstellung ist zur Zeit in den Hamburger Deichtorhallen zu sehen. "Wir hätten locker noch weitere fünf Stationen anschließen können", sagt Köb. Denn: "Alle wollen Wurm haben. Er trifft den Nerv der Zeit."

Termin: Erwin Wurm: Das lächerliche Leben eines ernsten Mannes. Das ernste Leben eines lächerlichen Mannes. Retrospektive 1986–2006. 27.4.–2.9.2007

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