Kunst-Tour - Bremen

Affen, Algorithmen und Anamorphoten

Bisher kannte ich von Bremen nur die Stadtmusikanten, Werder und Murat Kurnaz. Deshalb stellte ich mir die Frage: Kann man in dieser Stadt fünf Stunden nur mit Kunst verbringen? Ein Kunstmarathon und Testbericht
Fünf Museen in fünf Stunden:Ein Besuch in der Kunsthalle, Weserburg und GAK

John Isaacs, "Say it isn't so", 1994

Hauptbahnhof Bremen, 10 Uhr, es regnet. Egal. Die Frisur sitzt. Und das Wetter will mich förmlich ins Museum drängen. Ich hole mir bei der Touristeninfo einen Stadtplan für 50 Cent – und suche die Kunsthalle Bremen (Am Wall 207). Dort gibt es gerade zwei Ausstellungen: „Ex Machina – Frühe Computergrafik bis 1979. Die Sammlung Franke und weitere Stiftungen in der Kunsthalle Bremen. Herbert W. Franke zum 80. Geburtstag“ (noch bis 26. August) und „William Kentridge – What Will Come (has already come)” (noch bis 23. September).

Ob die Besucher wohl den Titel "What Will Come (has already come)" verstehen? Ich muss dabei sofort an den Ex-Slogan der Parfümeriekette Douglas denken: „Come in and find out“. Da stellte sich auch erst nach einer Umfrage heraus, dass viele Kunden dachten, der Slogan würde „Kommen Sie rein und finden Sie wieder raus“ heißen. Die Kunsthalle spielt mit dem Titel auf ein Sprichwort aus Ghana an: "Was kommen wird, ist schon gekommen." Auch ich komme zehn Minuten später an – ein idyllischer Weg entlang der Weser führt direkt zu dem wuchtigen, massiven Bau mit monumentaler Sandsteinfassade. Über den beiden Eingangssäulen ist „Den Bildenden Künsten geweiht“ in Stein gemeißelt. In der rechten Eingangsnische steht die Video-Skulptur „Nische für Bremen“ von Nam June Paik, dem Vater der Videokunst – und in der linken Ecke versteckt sich die Statue „Der Genius des Friedens“ von Carl Steinhäuser. Dazwischen liegen über 100 Jahre – und die Eingangstür. Und dahinter geht es direkt in die Ausstellung von William Kentridge.

Der südafrikanische Künstler studierte Politik, Afrikanistik, Kunst und Film in Südafrika und Europa und nahm bereits zweimal bei der Documenta (1997, 2002) und der Biennale in Venedig (1993, 2005) teil. Leider ist die Ausstellung enttäuschend klein. Lediglich zwei Räume zeigen seine neuesten Arbeiten: zwei Rhinozeros-Wandzeichnungen, sechs Stereoskop-Bilder, zwölf Zeichnungen, vier Zerrbilder und, der Höhepunkt, ein anamorphotischer Film. Auf runden Metalltischen liegen verzerrte Kohlezeichnungen. Bilder, wie bei einem Blick aus dem Fenster, wenn man im ICE gerade mit 300 km/h durch die Landschaft fliegt. Erst ein gewölbter Spiegel in der Mitte des Tisches lässt das Bild entstehen. Dann gibt es Köpfe, die wie siamesische Alienzwillinge von HR Giger aussehen – und auch hier entzerrt erst der Spiegel das Bild.

„Ist das etwa ein Kuli, mit dem Sie sich da Notizen machen?“ Eine Museumsaufsicht schreckt mich auf. Ich: „Ja. Wieso?“ Sie: „Das ist nicht erlaubt! Sie könnten ja irgendwo in der Ausstellung etwas anmalen, und dann kann man es nicht mehr entfernen!“ Sie lässt mich verdutzt stehen – und bringt mir kurz darauf einen Bleistift. Kurz überlege ich, ob ich mit dem Bleistift etwas anmale, aber der nächste Tisch gewinnt doch meine Aufmerksamkeit zurück: Wie kleine Ufos stehen über den Zeichnungen dort sechs Stereoskope. Durch diese optische Apparatur gewinnen die Bilder eine räumliche Tiefenwirkung.

Der Höhepunkt der wenigen Werke ist sicherlich der erste anamorphotische Film der Kunstgeschichte. Der Film dauert ingesamt 8 Minuten und 40 Sekunden, kombiniert Kentridges gezeichnete Motive und wird verzerrt projiziert. Erst durch das Spiegeln im inneren Metallzylinder wird der Film für den Betrachter sichtbar. Der Animationsfilm besteht aus unzähligen verzerrten Einzelbildern und thematisiert Kolonialismus, Tyrannei, Faschismus und Apartheid. Das Rad der Geschichte dreht sich, wechselt die Richtung, stoppt und beschleunigt sich – und was kommen wird, ist sowieso schon da. Musikalisch wird der Film von italienischen Marschliedern der Faschisten, Kirmesgeräuschen und Angstlustschreien auf der Achterbahn untermalt. Ein groteskes Sehkarussell, denn jeder Blickwinkel verändert den Film, und die Projektion wird zur umgehbaren Skulptur. Der Pressetext verrät: „Der Titel der Ausstellung widmet sich nicht nur historisch, sondern auch ganz formal einer Kritik unseres Schauens auf die Welt und der Kreisförmigkeit von Zylinderanamorphose und Erkenntnisweisen.“ Leider wird mir schnell schwindelig. Und die übrigen Werke erinnern eher an müde Op-Art-Tricks und das Spiegelkabinett auf dem Rummelplatz. Deshalb, und weil mein Kuli geklaut wurde, nur Fazit: Note 3.

Die perfekte Ausstellung für alle Mathe-Nerds, Computerfreaks und Algorithmus-Fetischisten

Bei der Ausstellung „Ex Machina“ geht es um Kunst und Computer. Am Eingang steht ein ZUSE Graphomat Z64, einer der ersten vollautomatischen Zeichentische. Und die Schau ist dem „Pionier der Computerkunst“, Science-Fiction-Autor („Flucht zum Mars“, „Cyber City Süd“) und Höhlenforscher Herbert W. Franke zum 80. Geburtstag gewidmet. Er selbst hat sich eher nicht als Künstler gesehen, erklärt mir ein Plakat, sondern „als jemand, der die technischen Möglichkeiten für die Kunst erforscht und nutzbar macht“.

Die Keimzelle der Bremer Sammlung ist übrigens das Kupferstichkabinett. Mit über 200 000 Handzeichnungen und grafischen Blättern ist sie eine der umfangreichsten Deutschlands. Und jetzt soll wohl die moderne Gattung der Computergrafik dieses Kupferstichkabinett erneuern. Schon jetzt rühmt sich die Kunsthalle mit der „wahrscheinlich weltweit größten und umfassendsten Kollektion früher Computergrafiken“. Und das vermittelt die Ausstellung. Über 300 Mal Daten, Pixel, Punkte, Kurven, Spiralen und Wellen. Digital inspiriert und analog ausgeführt – oder umgekehrt. Technikexerimente treffen auf Pixelwüsten. Die Werke heißen „Matrizenmultiplikation“ (Frieder Nake) – und sehen auch so aus. Ich muss immerzu an Tetris, Halma-Spielbretter oder meinen Windows-Screensaver denken. Sinus, ick hör dir trapsen.

Wirklich beeindrucken mich die auf Endlospapier gedruckten, Computergedichte des Germanisten Gerhard Stickel. Um diese zu generieren, hat er einen Computer so programmiert und mit Wörtern gefüttert, dass er gedichtähnliche „Autopoeme“ ausspuckt. Eine Kostprobe: „Die froehlichen Traeume regnen. Das Herz kuesst den Grashalm. Das Gruen verstreut den schlanken Geliebten. Fern eine Weite und melancholisch. Die Fuechse schlafen ruhig. Der Traum streichelt die Lichter. Traumhaftes Schlafen gewinnt eine Erde. Anmut friert, wo dieses Leuchten taendelt. Magisch tanzt der schwache Hirte.“ (Autopoem Nr. 121, Januar 1966).

Der Katalog bringt es auf den Punkt: „Was Physiker und Mathematiker bis dahin imaginierten, konnte nun visualisert werden“. „Ex Machina“ ist die perfekte Ausstellung für alle Mathe-Nerds, Computerfreaks und Algorithmus-Fetischisten. Und damit nichts für mich. In einem Raum haben sich Besucher zu einer „Kunstpause“ versammelt. Theresa Knapstein, Verwalterin des Kupferstichkabinetts, erklärt gefühlten dreißig Seniorinnen das Werk „Lepus europaeus Dürer“ von Herbert W. Franke. Dazu verfremdete Franke das Albrecht-Dürer-Aquarell „Junger Feldhase“ am Computer. 1975 war das natürlich noch eine Revolution, denn es gab damals keine Bildbearbeitungsprogramme wie Photoshop. Heute macht jeder Jugendliche solche Experimente mit wenigen Klicks. Frau Knapstein schwärmt für Computergrafik und erklärt, welche Rolle diese geradezu „proexemplarisch“ für Künstler wie Yves Netzhammer hatte. Dann zaubert sie noch einen roten Plastikhasen aus einer Box („Habe ich aus meinem Garten mitgebracht“) und kommt auf die Bedrohung der Feldhasen zu sprechen. Der Hasen-Monolog führt bei mir zu Hungergefühlen – und ich beschließe, erst einmal eine Mittagspause einzulegen. Fazit: Note 4

Kommentar auf die Vergänglichkeit von Wissen und die museale Ideologie

Um 13 Uhr bin ich auf der Werderinsel und betrete das Weserburg Museum für Moderne Kunst. Das Museum besteht aus vier ehemaligen Speichergebäuden, und zeigt auf 6000 m² internationale Gegenwartskunst aus mehreren privaten Sammlungen. Ich bekomme die Pressemappen zu den beiden Ausstellungen: „Say it isn’t so. Naturwissenschaften im Visier der Kunst“ (bis 16. September) und „Jörg Immendorff. Werke aus Bremer Sammlungen und Skulpturen im öffentlichen Raum“ (bis 16. September).

Ich beginne mit den Naturwissenschaften. Diesmal erwarten mich – glücklicherweise – keine Sinuswellen oder Algorithmen, sondern Installationen, Foto- und Videoarbeiten, Archivierungen und Versuchsanordnungen. Auffällig viele Künstler scheinen sich mit den Naturwissenschaften zu beschäftigen. „Sie botanisieren Pflanzen, typisieren Kuhbefleckungen, bauen Beobachtungsstationen für Insekten, versuchen in offenen Laborsituationen mit Fröschen zu kommunizieren oder bei Probanden in Experimentalanordnungen Glücksgefühle zu erwecken“, erklärt der Pressetext. Die Kuratoren Peter Friese (Weserburg), Guido Boulboullé (Universität Bremen) und Susanne Witzgall (Akademie der bildenden Künste München) haben über drei Jahre an dem Konzept gearbeitet – und eine wirklich gelungene, multimediale Ausstellung produziert.

Gleich am Anfang steht das Kuriositätenkabinett des US-Künstlers Mark Dion. „The Museum of Ruins“ zeigt ausgestopfte Vögel, Krokodilschädel und die trümmerhaften Überreste einer ethnografischen Sammlung. Der Staub ist fühlbar – und man hat sofort das Gefühl, dieses Relikt der Vergangenheit wurde einfach nur übersehen und in der Ecke vergessen. Dion gelingt damit ein intelligenter Kommentar auf die Vergänglichkeit von Wissen und die museale Ideologie an sich.

Im nächsten Raum zieht die Skulptur "Say it isn’t so" von John Isaacs die Aufmerksamkeit auf sich. Nach ihr ist die Ausstellung auch benannt. Ein Forscher hält triumphierend ein Reagenzglas in seiner rechten Hand – und streckt seinen linken Mittelfinger in die Höhe. „Der Titel der Arbeit impliziert eine zweifelnde, skeptische bis ablehnende Geisteshaltung, die sich mit dem augenscheinlichen Befund, also einer sich im Kopf der Wissenschaftlers andeutenden Katastrophe nicht ohne weiteres arrangieren möchte. So gesehen bezieht sich Isaacs Werk auch auf bestehende Diskurse der Gegenwart, auf Gedanken, Texte, Sprechweisen, auf Zweifel und Kritik – also Verständigungsformen, welche es in Hinblick auf Naturwissenschaften und ihre Protagonisten seit geraumer Zeit gibt“, erklärt der Kurator Peter Friese. Genauer sollte man sich auch die grandiose Lichtmaschine „Light Perpetual“ von Conrad Shawcross, den Klassiker „3 Stoppages étalon“ von Marcel Duchamp oder den Blumen-Schrein „Itamaraty“ von Olaf Nicolai anschauen: Durchdacht, faszinierend, erhellend, deshalb das Fazit: Note 1,5.

Einen Stock höher wartet die Ausstellung „Jörg Immendorff. Werke aus Bremer Sammlungen und Skulpturen im öffentlichen Raum“ (bis 16. September) – ungewollt die erste Präsentation des Werkes nach Immendorffs Tod. Der eigentliche Anlass war die Errichtung der „Affentor“-Skulptur vor der Stadtsparkasse Bremen, sponsored by Sparkasse. Die Ausstellung ist aber absolut sehenswert und kombiniert Werke aller Schaffensperioden: erste Arbeiten, wie das zwei Meter große Sperrholzbaby „Lidlbaby mit Blumen“ (1967), zahlreiche neuere Bilder („Surrealistisches Pferdepaar“, 2003, „Jörg“, 2004) und einige goldene Affen-Skulpturen. Für die kleine Sitzpause bieten sich die Filme „Durch die Nacht mit Jörg Immendorff" von Christopf Schlingensief und zwei weitere Dokumentationen über Leben und Werk Immendorffs an. „Jetzt sind wir allein. Immendorff fehlt. Er hinterläßt eine Lücke. Einen abgründigen Spalt. Einen tiefen Raum. Den Raum der Kunst, die Ernst macht mit der Wirklichkeit. Es muss neu besetzt werden“, philosophiert Carsten Ahrens, Direktor des Weserburg-Museums, im Vorwort des Katalogs. Und hat Recht. Deshalb, Fazit: Note 2.

Eine Stunde später betrete ich die direkt gegenüberliegende Gesellschaft für aktuelle Kunst (GAK). Die Ausstellung „Straße ist Straße und keine Konzeptkunst“ zeigt einige Videoarbeiten des in Berlin lebenden Ulf Aminde. Zu sehen sind Straßenmusikanten, die nur einen einzigen Ton spielen, Obdachlose, die in die Kunsthalle kriechen oder Schulkinder, die über jede Bemerkung der Lehrerin laut loslachen. Das Prädikat "Besonders wertvoll" verdient der nur wenige Sekunden kurze Loop über zwei junge Vorstadtproleten, die scheinbar im Museum eingesperrt sind und immer wieder laut und angriffslustig gegen die Scheibe klopfen. Eine unglaublich komische Szene, bis der Film zu wirken beginnt: Rein oder raus, ein- oder ausgesperrt sind hier die Fragen. Aminde hat alle improvisierten Szenen situativ in Bremen gedreht. Und jeder Film thematisiert genau diese Fragen: Was genau passiert in einem Museum? Wer geht hinein und wer bleibt draußen und warum? Wer interessiert sich überhaupt für Kultur? Und so wird das Museum plötzlich selbst zur Bühne. Bevor ich gehe, verzaubert mich noch ein weiterer Film: Eine Kassiererin der Bremer Kunsthalle sitzt vor ihrem Tresen, hat die Augen geschlossen – und schnarcht ganz leise vor sich hin. Ein besseres Schlusswort hätte es nach einem solchen Kunstmarathon nicht geben können. Danke – und das Fazit: Note 1.

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