Balthus - Köln

Vertreibung aus dem Paradies

Der französische Maler Balthus (1908 bis 2001) stellte sich seinen inneren Dämonen und hinterlässt uns mit seinen Liebeserklärungen an selbstvergessene Mädchen ein schweres Erbe. Das Museum Ludwig in Köln zeigt seine sublimierten Fantasien in einer großen Retrospektive

Um keinen heißen Brei wird in der Kunstgeschichte so schön herumgeredet wie um die aufreizenden Mädchenposen, die der französische Maler Balthus seinem Publikum servierte. Was wurde nicht schon alles unter den verführerisch verrutschten Röcken entdeckt: eine wehmütige Erinnerung der verlorenen Kindheit, der Übergang zwischen Unschuld und Reife, das Spiel von Blick und Begehren oder auch eine an der Tradition geschulte Könnerschaft, die sich den avantgardistischen Strömungen ihres Jahrhunderts mit der Geste aristokratischer Verruchtheit entzog. Nichts davon ist verkehrt, es führt uns vielmehr auf Umwegen zu der im Grunde offensichtlichen Erkenntnis, dass Balthus pädophile Fantasien inszenierte. In einem war der späte Vertreter des akademischen Malstils nämlich durchaus ein Zeitgenosse der Surrealisten: Er verschob das Erotische auf die Nachtseite unserer Vorstellungswelt und stilisierte sich mit freundlicher Nachhilfe seiner Bewunderer zum Gralshüter der letzten Tabus. Balthus’ Modelle adoleszent zu nennen, wie es auch in der Kölner Ausstellung „Balthus – Aufgehobene Zeit" geschieht, erscheint dabei angesichts seiner eindeutig verteilten Vorlieben seltsam spitzfindig.

Auf den im Museum Ludwig gezeigten Zeichnungen und Gemälden wird ein alter Bilderwitz lebendig: Die Lüsternheit beugt sich über die entblößte Unschuld und bewundert an ihr nicht das Fleischliche, sondern den virtuosen Schwung der Linien. Natürlich ist Balthus in seinen besten Momenten ein Meister feinsinniger Kompositionen, doch tut man seinem Werk keinen Gefallen, wenn man von dessen obsessiven Charakter absieht. Auf eine unheimliche Weise harrt Balthus, das künstlerische Ich Balthazar Klossowskis, noch der Entdeckung: als Maler, der sich seinen inneren Dämonen stellte und uns das schwere Erbe seiner sublimierten erotischen Fantasien hinterließ. Nicht nur die träumende Thérèse, die Balthus in der Pose eines Nymphchens verewigte, dürfte später schlagartig erwacht sein. Auch das Publikum muss sich vor diesen Bildern von der Vorstellung einer heilen Welt verabschieden. Die Kindheit wird mit einem Blick belegt, der das Paradies der Lüste beschwört (am deutlichsten in den Anspielungen auf den goldenen Regen, mit dem Zeus Danae befruchtete) und sich den Zutritt am Ende versagt. Das Puppenhafte von Balthus’ Figuren wirkt in dieser Perspektive ebenso sprechend wie die Traumschwere seiner in melancholische Fernen entrückten Genreszenen. Besonders verstörend sind einige Gemälde, auf denen Balthus Väter mit ihren Töchtern porträtiert und Erstere in eine erotische Komplizenschaft hineinzureißen scheint. Die forcierte Düsternis von „Joan Miró und seine Tochter Dolorès" (1937/38) kommt einer Anklage gleich, mit der Balthus auf den Malerkollegen zielt, um sich selbst zu treffen. Seine Werke sind Liebeserklärungen an selbstvergessene Mädchen, aber keine an deren Porträtisten. So viel immerhin sei zu Balthus' Ehrenrettung gesagt.

Ausstellung

"Balthus - Augehobene Zeit. Gemälde und Zeichnungen 1932 bis 1960", Museum Ludwig Köln, bis 4. November. Katalog: Schirmer/Mosel Verlag, 35 Euro, im Buchhandel 58 Euro.
http://www.museum-ludwig.de