Hamburg - Fleetinsel Rundgang

Die Romy, der Lifestyle und das Chaos

Von konkreter Kunst bis Glamour-Fotografie, von Chaos-Installation bis Retro-Surrealismus – im kleinen, aber exklusiven Hamburger Kunstquartier auf der Fleetinsel wird ein breites Spektrum präsentiert

Es regnete nicht an diesem Abend in Hamburg, das musste ein gutes Omen sein. Spätsommerlich warm wurde es zwar auch nicht gerade, im Innenhof des Galerienhauses in der Admiralitätsstraße 71 mussten Heizstrahler aufgestellt werden – aber der Stimmung tat dies keinen Abbruch. Der Eröffnungsrundgang im Hamburger Kunstquartier auf der Fleetinsel hat zwischen Kunstgespräch und Party längst seine eigene Betriebstemperatur gefunden.
Die Hamburger Szene ist klein. Während man in Berlin oder London an einem solchen Abend eher durch die Galerien hetzt, wird auf der Fleetinsel gemütlich geschlendert. Für Gespräche nimmt man sich durchaus Zeit, das Publikum ist gemischt: hanseatisch gediegene graumelierte Herren und Damen treffen auf Szene-Protagonisten wie den Musiker-Schriftsteller King Rocko Schamoni. Der einstige Hamburger Underground hat sich hier am Fleet ganz gut eingerichtet: Maler wie Daniel Richter oder Christian Hahn, Musiker wie Ted Gaier von den „Goldenen Zitronen“ oder den „Blumfeld“-Sänger Jochen Distelmeyer sieht man gelegentlich im Fleet-Lokal „Marinehof“ speisen.
Der Rundgang beginnt im Westwerk. Direkt von der Straße aus zugänglich, präsentiert die Galerie diesmal Archive aller Art. Von der klassischen Sammelmappe über digitale Datenbanken bis zum VHS-Archiv wurden verschiedene Archivsysteme vorgestellt; das alles wirkt ein wenig schnell hingestellt; doch beiläufig vermittelte sich auf diese Weise der Zweck der Sammlung „Bildwechsel“: Sie widmet sich den Frauen in der Kunst, zum Beispiel enthält ein Videoarchiv Interviews mit bedeutenden Performance-Künstlerinnen der sechziger und siebziger Jahre. Nebenan bietet die Editionen-Galerie Multiple Box eine schöne Mischung aus Nostalgie und Glamour: Schwarz-Weiß-Porträts von Romy Schneider, zum 25. Todestag.
Die Galerie Sfeier-Semler bespielt gleich zwei Räume; im Erdgeschoss wird Stephan Mörsch ausgestellt, der Miniaturmodelle von verfallenen oder beschädigten Gebäuden an die Wände hängte. Die Häuser tragen Spuren von Krieg und Elend im Libanon oder der Türkei, und die künstlerische Absicht ist schnell zu durchschauen: Die Niedlichkeit der Skulpturen soll das Elend umso stärker wirken lassen – was nur bedingt gelingt. Im ersten Stock waren Bilder von Barbara Tucholski zu sehen, mit Interieurs, die zunächst einfach, auf den zweiten Blick aber um so vertrackter wirken: Der Betrachter sieht die Räume von oben in Fischaugen-Optik, und mit jedem Gegenstand scheint die Perspektive zu wechseln.

Die Party war kurz, aber intensiv

Um optische Illusionen ging es auch bei Jürgen Albrecht, dessen langgezogene Guckkasten-Skulpturen bei Dörrie * Priess das Publikum faszinierten. Bei Jürgen Becker konnte man einen umfassenden Einblick in das Werk des Fluxus-Veteranen Ludwig Gosewitz bekommen – fast schon eine Retrospektive. Karin Guenther zeigte surrealistische Zeichnungen von Thorsten Slama, die an Fantasy-Welten erinnern, und oft nahe an der Banalität liegen.
Die Galerie für Landschaftskunst stellte das Projekt „Elbegas“ des Künstlers und Architekten Peter Fend vor: Durchaus trockener Stoff an so einem Eröffnungsabend, trotzdem setzten sich viele Besucher bereitwillig mit dem Projekt der Biogasgewinnung aus der Elbe auseinander. Einen kleinen Gag über Joseph Beuys „Fettecke“ hatte Fend untergebracht, um die Kunstgemeinde nicht ganz ohne vertraute Referenzen dastehen zu lassen.
Großformatige Malerei präsentierte die Produzentengalerie: Die Bilder Yesim Akdeniz Graf zeigen in grober Anti-Malerei Szenen aus zeitgenössischen urbanen Lifestyle-Welten, die allerdings merkwürdig gebrochen und fremd wirken. Einen ähnlichen Effekt erzielte Thorsten Brinkmann bei Artfinder mit seinen Installationen aus alten Möbeln, Haushaltegegenständen und Fotografien; aus Flohmarktfunden baut er merkwürdig surreale Räume. Den üppigsten und buntesten Anblick bot die raumgreifende Großinstallation von Oliver Ross im jüngsten Neuzugang der Fleetinsel, der Galerie White Trash Contemporary im dritten Stock. Soviel beherztes, planvolles Chaos hat man seit Jonathan Meese nicht gesehen – es scheint keinen Gegenstand zu geben, den Ross nicht verwendet für seine übermütige Kunst-Geisterbahn.
Die anschließende Party im Fleetstreet-Theater fiel dann unter das Motto „kurz, aber intensiv“. Schon gegen ein Uhr beschwerten sich Anwohner, der Discjockey fürchtete die Beschlagnahmung seiner Anlage, und so wurde es relativ schnell wieder relativ leise. Das Kunstquartier ging gedämpft, aber weiterhin ohne einen Tropfen Regen, ins Wochenende.