Saisonstart - Düsseldorfer Galerien

Flanieren durch die Parallelwelt

Die Saisoneröffnung der Düsseldorfer Galerien bietet kostbare Raritäten von August Macke bis Hanne Darboven. Unter dem Titel "Parallel" laden jetzt 46 Händler zum Galerienrundgang

Ein schöner Rücken kann auch entzücken, mögen sich Beck & Eggeling bei der Auswahl ihres jüngsten Ausstellungsmotivs gedacht haben. Die für ihr vorzügliches Angebot an Werken des deutschen Expressionismus geschätzte Galerie lockt mit einem weiblichen Akt auf rosa Grund in ihre Räume, und vermutlich findet nicht nur Michael Beck, dass die betörende Keuschheit dieses Bildes für seinen Schöpfer August Macke eigentlich "viel zu sexy" ist. Im Inneren setzt sich das Angebot deutlich züchtiger fort, bleibt aber insbesondere für Macke-Liebhaber gleichbleibend verführerisch: Zum 120. Geburtstag des Künstlers hat die Galerie über neunzig Werke aus allen Schaffensperioden zusammengetragen, darunter schwungvoll hingeworfene private Skizzen und zahlreiche Entdeckungen aus dem Besitz der Familie Macke. Auf den schlichten Gouachen, Aquarellen und Karikaturen findet sich dieselbe sinnliche Farbigkeit, derselbe sanfte Gestus wie auf den Ölgemälden, zugleich eröffnen diese Gelegenheitsarbeiten einen erhellenden Blick in die Werkstatt des künstlerischen Lebens. Leider unverkäuflich ist ein Schmuckstück dieser großzügigen Sammlung: Ein zweiseitig bemaltes Medaillon, das Macke für seinen Sohn Walter angefertigt hat (bis 13.10.).

Die gemeinsame Eröffnung der herbstlichen Saison hat in der Kunst- und Galerienstadt Düsseldorf bereits gute Tradition. Unter dem Titel "Parallel" laden die 46 teilnehmenden Händler zum ausgedehnten Spaziergang ein, der vor allem durch die angestammten Reviere rund um die Museumslandschaft führt, aber immer häufiger auch in die stetig wachsende Diaspora zwischen Flingern und Düsseltal. Hier residiert die Galerie Konrad Fischer, die mit zwei frühen Partituren Hanne Darbovens ebenfalls kostbare Raritäten einer anerkannten Größe präsentiert. Darbovens "24 Gesänge, opus 14, 15 a, b" (1984) werden zum ersten Mal außerhalb ihres eigenen Hauses gezeigt und von einer Auftragskomposition begleitet. Wie gewohnt begegnet diese zeitgenössische Donna Quichotte dem Vergehen der Zeit mit ihrer unermüdlichen Schreibarbeit und verwandelt die surreale écriture automatique in ihre ganz persönliche écriture systematique: Seite um Seite um Seite ziehen sich die rätselhaften Notate über das Papier, alte Glückwunschkarten bilden dazu die reizvollen Vignetten (bis 7.10.).


Zurück ins Zentrum des Kunstmarkts führen die "Wege der Abstraktion" aus dem Hause Ludorff. Die Galerie verfolgt die Entwicklungen der abstrakten Malerei während des vergangenen Jahrhunderts, nimmt dazu die Spur bei Alexej von Jawlensky und Ewald Mataré auf, um sie bis zu Gerhard Richter und Jerry Zeniuk zu verfolgen. Wäre die Galerie Ludorff ein Museum, müsste man den Kurator wegen etlicher Fehlstellen schelten, doch wen interessiert dergleichen, wenn er mit vorzüglichen Einzelstücken reich bedient wird? So zeigt Ludorff etwa drei vorzügliche Ölgemälde Emil Schumachers und dazu zwei handwerklich ungewöhnliche Emailarbeiten auf Terrakotta desselben Künstlers (beide 1974); mit dem kubistischen Lineal gezogen sind Lyonel Feinigers "Geheimnisvolle Inseln" (1933), die in einem nicht minder geheimnisvollen Gelbton schwimmen; und Gerhard Richter lässt einen faszinierenden Farbregen auf Malkarton niedergehen, in dem man einen späten Gruß an den Pointillismus erkennen kann (bis 30.11.).

Um die Stofflichkeit der Kunst geht es auch bei Sies + Höke, die eine Gruppenausstellung von "Filiaturen" präsentieren. Damit sind alle erdenklichen Textilien gemeint, die mal als Ready Made von der Wand hängen oder an anderer Stelle über einen Bildschirm flimmern. Von Sergej Jansen ist eine Art figurbetonter Farbfeldnäherei zu sehen, die Sackleinstücke zum "Last Hang Man" verbindet; Gyan Panchal lässt geflochtene Polyethylengewebe an den Rändern malerisch ausfransen, während Simon Denny einen bedruckten Plastikstoff mittels elektrostatischer Aufladung an die Wand klebt und mit einer am Boden liegenden Wolldecke kombiniert. Und da sage noch jemand, die zeitgenössische Kunst habe nichts mit dem alltäglichen Leben zu tun (bis 13.10.).


Einen Blickfang nicht nur, aber vor allem für männliche Kunden haben sich Bugdahn und Kaimer ins Schaufenster ihrer neuen Räume in der Mutter-Ey-Straße gestellt. Sarah McGinty malt großformatige Porträts blonder Kindfrauen, wie man sie aus den Fotostrecken der Modemagazine kennt, wobei die helle "Ausleuchtung" der beinahe fotorealistischen Gesichter diese in eine melancholische Innenwelt entrückt. Alles scheint mit Zuckerguss überzogen, die Augen wirken glasig, und schnell ist man mit Assoziationen geraubter Kindheit bei der Hand (bis 29.9.). Um verlorene Träume geht es auch bei Blaise Drummond, dessen subtile Stilcollagen in der Galerie Conrads zu sehen sind. Im Zentrum seiner Bilder stehen ausgewählte Bauwerke der Architekturmoderne, Le Corbusiers Villa Savoye oder Mies van der Rohes Haus Esters/Haus Lange, deren Umrisse Drummond aufs makellose Weiß der Leinwand setzt, um sie mit einer aus Versatzstücken zusammengesetzten Naturidylle zu umgeben. Pollock'sche Drippings summieren sich dabei zu einem Landschaftsgrün, aus dem einzelne, in realistischer Manier gemalte Naturdetails hervorstechen. Ein besonders schönes Beispiel für das Gegeneinander von gebauter Utopie und romantischer Natursehnsucht hat Drummond mit einem aus Konstruktionspapier geformten Bergmassiv ins Bild gesetzt (bis 20.10.).


Am Ende des Galerienspaziergangs kehren wir noch einmal zur Galerie Beck & Eggeling zurück. Deren Ableger für zeitgenössische Kunst liegt schräg gegenüber auf der anderen Straßenseite, was aber noch keine programmatische Aussage ist. Vielmehr trifft man bei Robert Lucander auf eine ausgeprägte Lust an der Farbe, die freilich weit stärker gebrochen wirkt als bei August Macke. Am bekanntesten sind Lucanders Porträts auf Holz, dessen Maserung zum kompositorischen Bestandteil des Bildes wird. Einen ähnlichen Verschmelzungseffekt zwischen Farbe und Leinwand versucht er nun mit einer aquarellistisch anmutenden Acrylmalerei zu erreichen. Die Idee dazu kam Lucander beim Betrachten einiger derzeit im Haupthaus ausgestellter Macke-Stücke. Manchmal sind die Wege der Kunst eben bezaubernd kurz (bis 25.10.).