Ronald Lauder - Interview

Adele lässt bitten

Mit einer Werkschau zu Gustav Klimt (1862 bis 1918) eröffnete die „Neue Galerie” für deutsche und österreichische Kunst 2001 in New York. In ihrer aktuellen Klimt-Ausstellung sind nun 120 Zeichnungen und acht Gemälde aus Sammlungen Ronald S. Lauders und Serge Sabarskys zu sehen. Darunter das berühmte Bild „Adele Bloch-Bauer I“ (1907), das die jüdische Erbin Maria Altmann nach einem Jahre dauernden Restitutionsstreit 2006 von der österreichischen Regierung zurückerhielt. Für den damaligen Rekordpreis von 135 Millionen Dollar kaufte der Sammler und Kosmetik-Unternehmer Ronald S. Lauder die „Goldene Adele“, der Kunstmäzen nennt das Bild die „Mona Lisa“ seines kleinen Privatmuseums auf der Fifth Avenue. art-Korrespondentin Claudia Bodin traf den 63-jährigen Ronald S. Lauder zum Interview

ART: Wollen Sie mit dieser Ausstellung eine neue Ära für Ihre Gustav-Klimt-Bilder einläuten?

Ronald Lauder: Als ich anfing, Kunst zu sammeln und für das Geld, das ich zu meiner Bar-Mizwa bekommen hatte, meine erste Arbeit von Klimt kaufte, war ich 13 Jahre alt. Im Alter von 20 hatte ich bereits eine beachtliche Sammlung. Doch wenn ich mich damals über Künstler wie Klimt, Ernst Ludwig Kirchner oder Max Beckmann unterhalten wollte, konnte in New York niemand etwas damit anfangen. Ich hatte eine Marktnische gefunden und kaufte, was immer ich finden konnte, zu günstigen Preisen. Ich erinnere noch, dass mir ein Händler ein wundervolles Aquarell von Kandinsky einfach in einen Umschlag steckte und mit der regulären Post schickte. Diese Ausstellung erzählt von meiner persönlichen Reise als Sammler im Laufe der letzten 50 Jahre mit all den Höhepunkten und Tiefpunkten. Denn schließlich habe ich manche Arbeit, die ich besitzen wollte, nicht bekommen. Die Werke aus der
Sammlung von Serge Sabarsky (der mit Lauder das Museum gründete und 1996 starb), vollenden die Ausstellung. Für mich ist es ein sehr emotionales Ereignis.

Sie haben eine recht persönliche Beziehung zu Ihrer „Goldenen Adele“.

Als Teenager reiste ich nach Wien. Gleich am ersten Morgen ging ich in die Galerie Belvedere, um das Bild zu sehen. Es fühlte sich an, als ob ich die wirkliche Person treffen würde, über die ich so viel gelesen hatte.

Was meinen Sie, woher Ihre Passion für Kunst aus Österreich und Deutschland rührt?

Ich weiß es selbst nicht. Das Wien der zwanziger Jahre faszinierte mich ebenso wie Berlin. Deshalb fing ich mit zwölf Jahren an, Deutsch zu lernen und las viel in Büchern über diese Zeit.

Ihre Eltern sind emigrierte Juden aus Ungarn. Was sagten sie zu Ihrer Faszination für deutsche Kultur?

Sie konnten es nicht fassen und fragten sich, warum ich nicht wie andere Kinder sein konnte und mich für Long Island oder Florida begeisterte oder für Baseball interessierte. Es ist doch so: Die meisten jungen Leute wollen sich wie andere ihres Alters fühlen. Doch ich war mein ganzes Leben lang genau das Gegenteil. Seit frühester Zeit bin ich ein leidenschaftlicher Sammler, ob nun von Toulouse-Lautrec-Postern oder Waffen aus dem 16. Jahrhundert.

Haben Sie sich schlecht dabei gefühlt, den Österreichern ihre geliebte „Goldene Adele“ zu entführen?

Absolut nicht. Auf eigenartige Weise hat es ihnen die Bedeutung dieses Werkes bewusst gemacht. Ähnlich sieht es mit der „Berliner Straßenszene“ von Kirchner aus, die im Brücke-Museum hing und die ich gekauft habe. Wenn Adele heute leben würde, wäre sie garantiert in New York. Die Kunstwelt ist global geworden, New York stellt die perfekte Plattform dar. Wer hier Galerien besucht, sieht internationale Kunst. Ob ein Künstler aus Frankreich oder Deutschland stammt, interessiert in New York niemanden. Sondern es wird in erster Linie über die Kunst gesprochen. New York ist wesentlich offener als Europa.

Welche zeitgenössischen Künstler interessieren Sie?

Das kann ich Ihnen nicht verraten, weil ich gerade dabei bin, all ihre Arbeiten zu kaufen. Allerdings bin ich kein großer Käufer von zeitgenössischer Kunst – ich erwerbe lediglich an die 40 Werke pro Jahr. Vor wenigen Jahren kaufte ich für 5000 Dollar die Arbeiten eines Künstlers, die inzwischen 500 000 Dollar kosten. Ich habe eine gute Nase oder bin, besser gesagt, mit einem guten Auge gesegnet.

Glauben Sie wie viele andere, dass der Kunstmarkt demnächst einbrechen wird?

Die Auktionen in London liefen gut. Ich zum Beispiel habe versucht, zehn Arbeiten zu ersteigern und für kein einziges den Zuschlag bekommen. Sicher wird es Veränderungen geben. Es kann nicht sein, dass der Wert für ein Werk von 50 000 auf eine Million Dollar abhebt und dort oben bleibt. Doch grundsätzlich wird der Markt durch Angebot und Nachfrage bestimmt. Mehr und mehr Menschen wollen Kunst, aber es gibt nur eine bestimmte Anzahl an wirklich guten Arbeiten. Ich unterscheide zwischen drei Kategorien: Die Oh!- , die Oh-ja!-Arbeiten und die Oh-mein-Gott!-Werke, die jeder haben will. Wenn mich ein Künstler interessiert, kaufe ich mir alle Bände über ihn und schaue mir stundenlang immer wieder die Bilder an, ohne die Titel zu beachten oder wo sich die Arbeiten befinden. Nach einer Weile fühlt man, was gut, sehr gut oder herausragend ist. Dann erst überprüfe ich, welche Werke aus privaten Sammlungen stammen und damit vielleicht zur Verfügung stehen. Reichen diese nicht an die besten Arbeiten heran, sammle ich den Künstler nicht.

Sie setzen sich verstärkt für die Rückführung von Nazi-Raubkunst sein, sitzen seit 30 Jahren im Verwaltungsrat des Museum of Modern Art und betreiben neben Ihrer beachtlichen Privatsammlung Ihr eigenes Museum. Gibt es da nicht manchmal Interessenkonflikte?

Keineswegs, das MoMA ist sehr zufrieden, ich habe dem Museum viel gegeben. Nächste Woche treffe ich mich wieder mit dem Direktoren Glenn Lowry.

Was halten Sie davon, private Sammlungen zu dokumentieren und öffentlich zu machen, um die Aufklärung der Restitutionsfälle zu vereinfachen?

Nichts, weil es sich um Privatsammlungen handelt. Eine Vielzahl der Arbeiten wurde auf Auktionen erworben, es existieren also öffentliche Dateien. Außerdem gibt es keine großen Geheimnisse. Bei den meisten Bildern wissen wir doch sowieso, wo sie sich befinden. Ich persönlich verleihe Werke aus meiner Sammlung an Institutionen in der ganzen Welt. Was ich habe, ist in dieser Ausstellung zu sehen. Ich verstecke nichts. Um auszuschließen, dass Raubkunst darunter ist, ließ ich meine Sammlung zehnmal überprüfen. Über die Jahre habe ich einige Werke an ihre rechtmäßigen Eigentümer zurückgegeben. Und natürlich mache ich dies gern.

Was sagen Sie zu dem neuesten Restitutionsfall, der Ihren Bruder Leonard Lauder betrifft? Das Klimt-Bild „Blühende Wiese“ wird von einem Erben in Montreal zurückgefordert.

Viele der Restitutionsforderungen sind nicht korrekt. Bei anderen gibt es keine Aufzeichnungen. In diesem Fall allerdings sind Aufzeichnungen vorhanden, die belegen, dass das Bild aus einer anderen Sammlung stammt. Klimt hat viele blühende Wiesen gemalt, doch dieses spezielle Bild stammt mit 99-prozentiger Sicherheit nicht aus dem Besitz der Familie, die nun Anspruch erhebt. Sonst wäre es doch wahnsinnig, es nicht zurückzugeben.