Rufino Tamayo - New York

Das Geheimnis im Wandschrank

Eine New Yorker Schriftstellerin entdeckte das Gemälde "Tres personajes" von Rufino Tamayo im Straßenmüll. Das vor 20 Jahren gestohlene Gemälde wird jetzt für rund eine Million Dollar versteigert

„Nennen Sie mich ganz einfach Mystery-Woman“, hatte die geheimnisvolle Frau am Telefon gesagt. Und August Uribe, Auktionator bei Sotheby’s New York, empfing sie im Konferenzraum des ehrwürdigen Auktionshauses. Sie kam, eine beachtliche Frau, blonde Mähne, entschlossener Blick, im Schlepptau einen Priester aus ihrer Gemeinde als Zeugen – zu wichtig war das, was sie Uribe anvertrauen wollte: In einen Duschvorhang verpackt, hinter einer doppelten Wand ihres Kleiderschranks war ein Meisterwerk verwahrt. Rufino Tamayos „Tres personajes“, gestohlen vor 20 Jahren, von FBI und Interpol vergeblich gesucht, heute rund eine Million Dollar wert. Und von Elizabeth Gibson, so der echte Name von Mystery-Woman, in einem Müllberg an der 72. Straße in Manhattan gefunden. Als sie sich ihren Morgenkaffee holen wollte.

„Das Bild übte einen seltsamen Sog auf mich aus“, sagt Gibson. „Es war überwältigend.“ Drei Personen, gemalt in lodernden Farben, glühendem Orange, vibrierendem Gelb und tiefdunklem Purpur. „Ich habe keine Ahnung von moderner Kunst“, erzählt sie – und wenig Platz in ihrem winzigen Upper-West-Side-Apartment. „Ich überlegte hin und her, ob ich es mitnehmen sollte, oder nicht, es ist ja ziemlich groß.“ Sie tat es, 20 Minuten später war die Müllabfuhr da und das Bild an Gibsons Wohnzimmerwand.

Irgendwann entdeckte sie eine Signatur – „Tamayo“ – am unteren Bildrand und ging, ganz Schriftstellerin, denn das ist ihr Beruf, in die Bibliothek. Sie lieh sich die Tamayo-Monografie von Emily Genauer aus, die 1974 in den Handel kam. Rufino Tamayo, 1899 geboren, 1991 gestorben, las sie da, der wichtigste Wegbereiter der mexikanischen Moderne. Auf dem Buchcover: die „Tres personajes“, das Bild, das bei ihr daheim über dem Sofa hing.

Elizabeth Gibson begab sich ins Internet und baute eine doppelte Wand in ihren Kleiderschrank ein. Dahinter verwahrte sie von nun an das Bild. Sie fand die „Tres personajes“ auf der Website von „Antiques Roadshow“, einer Kunstsendung auf dem Fernsehkanal PBS. August Uribe sprach über das Bild, war betrübt über sein Verschwinden vor 20 Jahren und hielt eine Replik in die Kamera. Da wusste Gibson endgültig, dass ihr Findelbild das vermisste Meisterwerk war. Sie machte Uribe bei Sotheby’s ausfindig, prüfte ihn hinsichtlich seiner Seriosität und nahm ihn mit in ihr Apartment.
Gemeinsam entfernten sie die doppelte Wand und den Duschvorhang. „Als ich nur die erste Ecke des Bildes sah, wusste ich, dass es der Tamayo war. Die Farben und die Oberfläche sind einzigartig“, erzählt August Uribe überwältigt.

Das Gemälde war einem Houstoner Ehepaar vor 20 Jahren gestohlen worden. Aus einem Lagerhaus, worin es während eines Umzugs verwahrt werden sollte. Es blieb bis jetzt spurlos verschwunden, der Ehemann ist mittlerweile gestorben. Die Gattin versteigert jetzt das Werk, das ihr von ihrem Mann einst zum Geburtstag geschenkt worden war. 55 000 Dollar hat er in den siebziger Jahren dafür bezahlt. Auf eine Million Dollar wird es nun bei Sotheby’s geschätzt.
15 000 Dollar soll Elizabeth Gibson erhalten, die ehrliche Finderin, die das Geheimnis im Wandschrank gelüftet hat.