Jeff Wall - Berlin

Der gefrorene Moment

Pseudorealismus in Schwarzweiß: Der kanadische Fotkünstler Jeff Wall zeigt in der Deutschen Guggenheim einen neuen Werkzyklus
Deutsche Guggenheim:Fotokünstler Jeff Wall mit "Belichtung" in Berlin

Jeff Wall: "Tenants", Silbergelatine-Druck, 2007

Er ist der Meister der beiläufigen Inszenierung. Die Fototableaus des kanadischen Künstlers Jeff Wall, 61, scheinen auf den ersten Blick wie Dokumentaraufnahmen. In Wirklichkeit handelt es sich jedoch um minuziös geplante Bildkompositionen, die sich oft an historischen Gemälden etwa von Eugène Delacroix oder Édouard Manet orientieren. "A Sudden Gust of Wind", eines seiner bekanntesten Motive, zeigt eine Personengruppe auf einem freien Feld, denen der Wind die Hüte vom Kopf bläst, und ist einem Bild des japanischen Künstlers Hokusai nachempfunden. Bei „After Invisible Man“, einer surrealistischen Szene mit einem Mann unter Dutzenden von Glühbirnen, ließ er sich von dem gleichnamigen Roman von Ralph Ellison inspirieren.

13607
Strecken Teaser

Für die Ausstellung zum zehnjährigen Jubiläum der Deutschen Guggenheim in Berlin präsentiert Wall unter dem Titel „Belichtung“ neben älteren Fotografien und Leuchtkastenarbeiten aus den Jahren 2001 und 2002 auch einen neuen Werkzyklus. Diesmal sind die großformatigen Fotos schwarzweiß. Die brillanten Silbergelantinabzüge zeigen triste Alltagsszenen im neorealistischen Stil: Eine Gruppe Arbeitsloser wartet am Straßenrand auf einen Gelegenheitsjob, eine Frau kehrt in eine trostlose Mietskaserne zurück, Kinder spielen in einem desolaten Müllgelände Krieg. Zunächst wirken auch diese Bilder wieder dokumentarisch. Doch durch die Perfektion der Lichtführung und die Starre der menschlichen Gesten gefrieren die Szenen zu bedrückenden Bühnenbildern. Für die Realisierung solcher Aufnahmen beschäftigt Wall einen ganzen Stab von Mitarbeitern, castet Darsteller und probt die Posen wie für einen Kinofilm.

Dass Wall mit seinen Bildern nicht nur stumpfe Gesellschaftskritik im Sinn hat, sondern immer auch die eigene künstlerische Praxis und speziell das Medium Fotografie kommentiert, zeigt das vierte Bild der neuen Werkgruppe. „Cold Storage, Vancouver“ öffnet den Blick in einen kathedralenhaften, menschenleeren Kühlkeller, an dessen schmutziger Betondecke sich eine wolkenhafte Eisformation gebildet hat – ein mysteriöser Anblick zwischen frostiger Tristesse und sakraler Vision. Der eingefrorene Moment, den jede Fotografie ja darstellt, ist hier das bestimmende Bildmotiv. So kalt und doch so klar kann gute Kunst sein.

Jeff Wall: Belichtung

Termin: bis 20. Januar 2008, Deutsche Guggenheim
http://www.deutsche-guggenheim.de