Eva Grubinger - Schirn/Frankfurt

Überwachen und Strafen

Eva Grubingers Ausstellung "Spartacus" verdichtet in raumgreifenden Installationen das Gefälle von Macht und Ohnmacht

Maschendrahtzaun umgibt das untere Stockwerk der Rotunde, aus deren Zentrum ein Beobachtungsturm herausragt. Auf dem eingezäunten Tisch stehen zwei Tribünen einander bedrohlich gegenüber. Gleißendes Scheinwerferlicht verstellt dem Besucher den Weg. Und auf dem Boden liegt „Dark Matter“ - ein riesiges Headset, aus dessen Ohrmuscheln diffuser elektronischer Sound wispert und summt. Daneben, auf Menschenmaß geschrumpft, ein Kernreaktor, ein Kühlturm, ein Bürohochhaus und ein Kontrollturm. Die schwarze Oberfläche macht die Objekte unheimlich und fremd, wie Meteoriten wirken sie, hereingeschleudert aus einer dunklen Welt.

Auch in „Spartacus“ geht es der 1970 in Salzburg geborenen und seit 1989 in Berlin lebenden Künstlerin Eva Grubinger um Manifestationen von Macht und Ohnmacht, von Beobachten und Beobachtetwerden.

In ihren Installationen spielt Grubinger auf das das 'panoptische Architekturkonzept' des englischen Philosophen Jeremy Bentham (1748–1832) und den Foucaultschen Begriff der modernen Disziplinargesellschaft an:
Bantham hatte seine "Panopticon"-Idee zum Bau von Fabriken, Gefängnissen und staatlichen Anstalten entwickelt. Allen ist gemeinsam, dass von einem zentralen Punkt aus alle Fabrikarbeiter oder Gefängnisinsassen beaufsichtigt werden können. Mittig steht ein Beobachtungsturm, von dem die Zelltrakte abgehen. So kann der Wärter in der Mitte in die Zellen einsehen, ohne dass die Insassen den Wärter sehen können. Mithin wissen diese nicht, ob sie gerade überwacht werden. Im Ergebnis kann also mit geringem Aufwand eine große Zahl von Menschen permanent überwacht werden. Von diesem Konstruktionsprinzip erhoffte sich Bentham, dass sich alle Insassen jederzeit regelkonform verhalten, da sie stets davon ausgehen müssen, beobachtet zu werden.

Michel Foucault deutete dieses Prinzip in seinem Buch „Überwachen und Strafen“ als Symbol für das
Ordnungsprinzip moderner Gesellschaften. Der panoptische Turm hat die Benthamsche Architektur verlassen und in vielfältigen neuen Techniken – Kameraüberwachung, Handy, Internet, Satellitensysteme – massenhaft Verbreitung gefunden. Fremdbeobachtung führt zu Selbstdisziplinierung.

Grubinger verdichtet die Beziehung zwischen Beobachter und Beobachtetem in ihren verstörenden Arbeiten. Für die Ausstellung in der Schirn hat die Künstlerin drei raumbezogene Installationen im Innen- und Außenraum
geschaffen, die die disziplinierenden Funktionen öffentlicher Institutionen thematisiseren: Gefängnis, Sportarena oder Museum. Jeder dieser Orte stellt einen abgezirkelten Bereich mit gesonderten Regeln dar - die Architekturen hervorbringen, die auf das Individuum einwirken und sein Verhalten beeinflussen.

„EVA GRUBINGER: SPARTACUS“, SCHIRN KUNSTHALLE FRANKFURT

DAUER: 29. November 2007 – 17. Februar 2008. ÖFFNUNGSZEITEN: Di., Fr. – So. 10–19 Uhr, Mi. und Do. 10–22 Uhr
KATALOG: „Eva Grubinger: Spartacus“. Hg. von Matthias Ulrich und Max Hollein. Mit einem Text von Matthias Ulrich. Deutsch-englische Ausgabe, ca. 50 Seiten, fotografische Dokumentation der Schirn-Installation in zahlreichen farbigen Abbildungen, Softcover

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