Zoe Leonard - Winterthur

Frau voller Gegensätze

Seit über 20 Jahren beschäftigt die Amerikanerin Zoe Leonard sich mit den Gegensätzen zwischen Natur und Zivilisation, Frau und Mann, Innen und Aussen, Wahrsein und Wahrnehmen. Auf der Documenta 9 sorgte die Mitbegründerin des Kollektivs „Fierce Pussy" mit Schwarzweiß-Fotografien weiblicher Genitalien für Aufsehen. Das Fotomuseum in Winterthur gibt nun einen Überblick über Leonards Werk

Zwei Paar braune Halbschuhe stehen auf blauen Plastikfetzen am Boden. Bei einem fehlen die Schnürsenkel, das andere hat einen Wasserfleck. Weiter hinten ragt die Spitze eines schwarzen Schuhs gerade soweit ins Bild, dass deutlich wird, dass hier jemand seine Schuhe zum Verkauf anbietet. Zoe Leonard hat die Szene 1999 auf dem Praga-Markt in Warschau fotografiert. Jede individuelle Kennzeichnung schließt sie aus. Ihr geht es um eine Situation, in der Menschen Notwendigstes auf dem Schwarzmarkt verkaufen.

Das Foto gehört zur Serie „Analog", an der die 1961 geborene New Yorkerin seit 1998 arbeitet. Zunächst in ihrer Umgebung in der Lower East Side in Manhattan, dann in Brooklyn und schließlich an vielen Orten in der Welt hat sie festgehalten, welche Zeichen die Globalisierung im Alltag derjenigen hinterlässt, die wohl zuletzt von ihr profitieren. Auf einem fotografierten Papierfetzen in einem Schaufenster steht geschrieben: „Must sell all make offer" („Muss alles verkaufen, bitte um Angebote"). Auf anderen Aufnahmen sind Metallrollos heruntergelassen. Wo geöffnet ist, wird von Kleidung bis Elektronik Ware angeboten, die ihre ersten Käufer nicht mehr wollten.

370 Abzüge dieser monumentalen Arbeit setzten diesen Sommer den Schlusspunkt des Documenta-Parcours im Aue-Pavillon und bilden nun den Höhepunkt des Rückblicks auf 20 Jahre Arbeit der Künstlerin im Fotomuseum Winterthur. Im Zentrum steht dabei nicht die Ethno- und Genderkritik, für die die Mitbegründerin des feministischen Kollektivs „Fierce Pussy" mit Arbeiten wie den frontal fotografierten, entblößten Vaginas ihrer Freundinnen in den neunziger Jahren stand. Kurator Urs Stahel rückt ihre Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten
und Grenzen des fotografischen Blicks ins Zentrum.

Skulpturale Wolkenformationen aus dem Flugzeugfenster, die Niagarafälle tief unten, eine weite Stierkampfarena voller Menschen mit dem kleinen Torero, die ausgeweideten Tiere der Jäger in Alaska, der Slip unterm Rock des Laufstegmodels vor einer Schar von Fotografen fächern ein weites Spektrum an Motiven auf, in denen die Welt bei Leonard Gestalt gewinnt, bevor sie in der Erinnerung versinkt. Am Ende bleibt der leere Spiegel, den sie ebenfalls fotografiert hat

Zoe Leonard – Fotografien

Die Ausstellung läuft bis 17. Februar 2008, im Steidl Verlag erscheint der Katalog dazu, deutsch und englisch, Preis: 65 Schweizer Franken

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