Matthias Grünewald - Karlsruhe / Colmar

Raschelnde Falten, Kadaver am Kreuz

Die Kunsthalle Karlsruhe und das Musée d'Unterlinden in Colmar stellen Matthias Grünewald als Magier der Farbe heraus und liefern neue Bausteine zur Rekonstruktion einer rätselhaften Künstlerfigur

Wenig ist über sein Leben bekannt. Umso mehr erzählen seine Altarbilder und Zeichnungen vom Temperament einer der schillerndsten Figuren der altdeutschen Malerei: Matthias Grünewald, eigentlich Mathis Gothart Nithart (1475/80 bis 1528), schildert eine Passionszene wie die „Kreuztragung Christi“ als Akt eines fürchterlichen Dramas. Der Querbalken des Kreuzes betont die Diagonale, von links und rechts prügeln bewaffnete Männer auf den Heiland ein.

Die monumentale Tafel des „Tauberbischofsheimer Altars“ gehört der Kunsthalle Karlsruhe und wird dort seit rund drei Jahren restauriert – bei der Freilegung von abgedunkelten Farbschichten ist immer noch kein Ende abzusehen.
Die „Kreuztragung“ bildet mit ihrer im 19. Jahrhundert abgetrennten Rückseite, der „Kreuzigung“, das Zentrum der Ausstellung „Grünewald und seine Zeit“. 160 Werke versammelt sie insgesamt, unter ihnen Gemälde und Zeichnungen von Albrecht Dürer, Hans Baldung Grien und Lucas Cranach.

Von den 60 überlieferten Werken Grünewalds ist etwa ein Viertel in Karlsruhe zu sehen. Sein Hauptwerk, der „Isenheimer Altar“, befindet sich weniger als zwei Autostunden entfernt im Musée d’ Unterlinden im französischen Colmar, das parallel zur Großen Landesausstellung in Baden-Württemberg die neuesten Erkenntnisse zu Grünewalds Meisterwerk vorstellt.

In Colmar wie in Karlsruhe erlebt der Besucher, wie alte biblische Themen in der Zeit nach 1500 neu gestaltet wurden. Affektstudien von Grünewald, Zeichnungen, die meist vom Berliner Kupferstichkabinett ausgeliehen wurden, machen deutlich, wie sehr dem Künstler daran gelegen war, sein Publikum mitzureißen. Der Leib Christi am Kreuz verwandelte sich unter den Händen des Malers in einen Kadaver, der Mitleid erzeugt und Schmerz nachvollziehbar macht. „Wir haben es hier mit einer Zeit zu tun, in der man über das Leid Jesu Christi erfahren hat“, erläutert Dietmar Lüdke, Oberkonservator für Alte Meister der Staatlichen Kunsthalle, die Frömmigkeit der Reformationszeit.

Grünewald erweist sich in Karlsruhe nicht nur als Magier der Farbe, sondern auch als Meister der Grisaille, der grauen Ton-in-Ton-Malerei, die allein mit Lichtabstufungen arbeitet. „Man hört es rascheln“, sagt Lüdke über die feinen, plissierten Falten, die der Maler einer Heiligen Märtyrerin und einer Heiligen Elisabeth gemalt hat. Diese beiden unteren Standtafeln des Heller-Altars werden in der Ausstellung erstmals seit ihrer Trennung im 18. Jahrhundert mit ihren oberen Pendants, den im Frankfurter Städel aufbewahrten Darstellungen eines „Cyriakus“ und eines „Laurentius“ in ihrer ursprünglichen Anordnung gezeigt.

Die Ausstellungen liefern eine Fülle neuer Bausteine zur Rekonstruktion einer rätselhaften Künstlerfigur. So stieß das Karlsruher Team auf einen Stich des Niederländers Dirck Vellert, der Grünewald als Vorlage zu seiner dramatischen „Kreuztragung“ gedient haben muss. Da Vellert seine Stiche datierte, ist jetzt klar, das Grünewalds Tafel nach 1525 entstanden sein muss. Deutlich wird aber auch, dass es selbst für Meister wie Grünewald durchaus üblich war, Vorlagen anderer Künstler zu benutzen.

"Grünewald und seine Zeit"

Staatliche Kunsthalle Karlsruhe und Musée d'Unterlinden Colmar, 8. Dezember bis 2. März 2008. Der Katalog ist im Deutschen Kunstverlag erschienen und kostet 32 Euro.
http://www.matthias-gruenewald.com/