Aernout Mik - Kunstverein Hannover

Kunst für den Ausnahmezustand

Der niederländische Künstler Aernout Mik versteht sich weder als Chronisten noch als Dokumentaristen. Seine Videos erinnern an reale Situationen, sind aber tatsächlich inszeniert.

Ein paar junge Leute hocken auf dem Boden im Freien, vielleicht in einer Sitzblockade. Männer, die nach Polizisten aussehen, streichen um sie herum und werfen kontrollierende Blicke. „Training Ground“ von 2006 könnte ein aktuelles politisches Stück des niederländischen Videokünstlers Aernout Mik sein, aber so einfach ist es bei ihm nie. Mik verrät in der Regel nicht, in welchem Zusammenhang seine Filmbilder stehen.

Dabei entstehen Lehrstücke in Gruppendynamik – gerade weil die Personen sich scheinbar ziellos in Raum und Zeit bewegen oder auch einfach nur stumm in der Ecke stehen. Erst einmal wirkt das grotesk. Auf den zweiten Blick aber kommentieren die Bildfolgen alltägliche Situationen: die Arbeit im Büro, das Gedrängel in einer Menschenmasse, die Hektik in Börsenhallen.

Dabei tendiert Mik zum latent Katastrophenhaften: Nicht nur angesichts der Freiluftszenen von „Training Ground“ fühlt man sich bei ihm in den Ausnahmezustand versetzt. Diesen Eindruck verstärkt der Künstler, indem er die Besucher seiner Schauen auf Bodenmatten oder in einer Art Gefängniszelle Platz nehmen lässt.
Stephan Berg, der scheidende Direktor des Kunstvereins Hannover, zeigt nun eine ältere und vier neuere Videoinstallationen des 45-Jährigen, darunter „Training Ground“ aus dem niederländischen Pavillon der diesjährigen Venedig-Biennale. In den großen Hannoveraner Hallen werden die Besucher mehr Platz als in Venedig haben, müssen aber mit labyrinthischer Wegführung rechnen.

Gemütlich geht es bei Mik nun einmal nicht zu. Seine Kunstwelt wirkt immer ein bisschen aus den Fugen geraten. Manchmal ist in seinen Schauen zu beobachten, wie sich das Gefühl der Desorganisation aus den Videos auf die Ausstellungsbesucher überträgt. Sie laufen dann ratlos und schweigend durcheinander, setzen sich auf die Matten und stehen abrupt wieder auf. Auch die Akteure auf den Leinwänden beziehen sich so gut wie nicht aufeinander. Jeder scheint für sich zu sein; Miks Gruppen sind keine Gemeinschaften, sondern Zwangsverbände.

"Aernout Mik – Shifting Shifting"

Kunstverein Hannover, 8. Dezember bis 10. Februar 2008. Der Katalog kostet 20 Euro.
http://www.kunstverein-hannover.de