Thomas Hirschhorn - Ausstellungsboykott

Ich werde wieder in meinem Land ausstellen

Nach der Abwahl des Rechtspopulisten Christoph Blocher hat Thomas Hirschhorn seinen Ausstellungsboykott beendet. In einer Stellungsnahme erklärt er, warum er nach über vier Jahren wieder in der Schweiz ausstellen will.
"Die Schweiz ist mein Land":Thomas Hirschhorn über seinen Ausstellungsboykott

Das neueste Werk aus diversen Materialen: "Stand-alone", 2007.

Seit dem 10.12.2003 habe ich nicht mehr in der Schweiz – meinem Land – ausgestellt. Mein damals getroffener Ausstellungsboykott hat mich was gekostet, denn er betrifft etwas, was ich am liebsten mache: meine Arbeit ausstellen! Das muss ein Boykott auch: denjenigen der ihn ausspricht zuerst selber treffen. Nun bin ich glücklich, dass ich wieder in meinem Land ausstellen werde – wenn man mich überhaupt noch dazu einlädt!

Ich bin glücklich, weil ein durchgehaltener Boykott immer erfolgreich ist, manchmal früher, manchmal später. Nun ist die vor vier Jahren abgehaltene Wahl zurückgenommen worden und das damals benutzte Argument "wir haben ihn lieber drinnen (in der Regierung) als draussen" hat offensichtlich ausgedient. Die Kurzsichtigkeit und Gefährlichkeit dieses Arguments ist bei den Wahlen in diesem Herbst nun offensichtlich geworden. Es wurde eingestanden, dass ein Schweizer Bundespräsident mit der Ideologie Blochers nicht vertretbar ist, dazu kommt, dass er im Bundesrat das – schon lange überfällige – Konkordanzprinzip noch vollständig ausgehöhlt hat.

In der Opposition sein ist o.k. – in der Regierung sein ist o.k. – beides zur gleichen Zeit am gleichen Ort geht nicht und "Konkordanz" ist mit Demagogen nicht möglich. Niemand kann doch Angst haben vor klaren Positionen und eindeutigen Argumenten. Niemand muss sich doch fürchten vor einer wirklichen politischen Auseinandersetzung. Einschüchterungen und Drohungen funktionieren doch nur wenn etwas faul ist, die Abwahl Blochers ist insofern ermutigend. Denn die Schweizer Demokratie darf nicht zur "heiligen Kuh", der alles geopfert wird, werden ohne zu merken, dass dabei zukunftsorientierte und innovative Entscheidungen unmöglich gemacht werden. Über alles und jedes soll "demokratisch" entschieden werden, aber ein "demokratisierter" Bürger ist kein wirklicher, freier Demokrat mehr, sondern ein mit dem Wort "Demokratie" domestizierter und anästhetisierter Interessenvertreter.

Ich lebe in Frankreich und trotzdem nehme ich wahr, dass in in der Schweiz – der es sehr gut geht – mehr und mehr Leute Angst vor dem Anderen haben, vor dem Fremden und allem "was nicht auf eigenem Boden gewachsen" ist. Die Politik der zunehmenden Abschottung – die Blocher propagiert – hat zu dieser Angst geführt, und ich schäme mich dafür, dass in meinem Lande Ressentiments und Fremdenfeindlichkeit offen propagiert werden können, wie das bei den letzten Wahlen der Fall war. Das Bild einer ängstlichen, abwehrenden und zugeknöpften Schweiz geht um die Welt. Und dieses Bild hilft niemandem im Lande, die anspruchsvollen Herausforderungen der heutigen Welt mit Mut, mit Vertrauen ins eigene Können und mit Kreativität anzupacken. Wir Schweizer/innen haben das doch: Mut, Vertrauen, Können und Kreativität!

Die Schweiz ist mein Land – die Schweiz ist auch mein Land und es bleibt mein Land, auf das ich stolz sein will, wegen der Errungenschaften und der Werte, die es sich erobert und erkämpt hat und die es heute weiterzuentwickeln und zu teilen gilt. Das Projekt "Schweiz" darf nicht auf Fremdenfeindlichkeit und Angst vor der Zukunft reduziert bleiben. Ich will versuchen wach zu bleiben und aufmerksam zu sein, ich will weiterarbeiten und glücklich sein, und ich werde mit Freude wieder in meinem Land ausstellen.

Thomas Hirschhorn, Paris, 14. 12. 2007

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