Atelierreport - Junge Künstlerinnen

Die Monsterfrauen kommen

Weibliche Vampire, Comic-Amazonen, Ungeheuer im Mondlicht: Eine Generation von Künstlerinnen entdeckt die Unterwelten der Popkultur für sich – ihr neuer Surrealismus gibt sich schrill und träumerisch. Ein unheimlicher Report aus vier Ateliers
Traumwelten –:Inspirationsquelle für vier junge Malerinnen

folgt

Wenn die Künstlerin Jen Ray in ihrem Berliner Studio ihren Laptop aufklappt, sieht sie eine schöne blonde Frau, die sich über einen devot zurückgelehnten Mann beugt – in eindeutiger Absicht: Die Frau ist Vampirin. Gleich wird sie zubeißen und frisches Männerblut kosten. Das Bild stammt aus dem Film “Begierde” von Tony Scott. In der ästhetizistisch überdrehten Achtziger-Jahre-Produktion ist Catherine Deneuve eine über 1000-jährige Vampirfrau, die erst ihren Partner David Bowie überlebt und dann Susan Sarandon verführt. “Mein absoluter Lieblingsfilm”, strahlt Jen Ray. Schon als Kind habe sie Vampirgeschichten geliebt – auch wenn sie den erotischen Kitzel daran erst später verstanden hat. Heute ist es genau diese Verbindung von Märchenhaftem und Sexualität, die die fantastischen Tuschezeichnungen der 37-jährigen Amerikanerin ausmachen.

Jen Rays Bilder sind bevölkert von Amazonen mit futuristischen Waffen und nackten Brüsten, die schreckliche Löwen, Bären und Yeti-Monster mit einem eleganten Wink ihrer schlanken Finger unterwerfen. Ihre filigranen, sorgfältig kolorierten Tableaus feiern weiblichen Glamour, weibliche Macht und die dunklen Freuden der Dekadenz. Und noch hat Ray keine Vampire gemalt, aber sollte in ihren Bildern einmal jemand Blut saugen, so kann man jetzt schon sicher sein: Es wird ein weibliches Wesen sein.
Dabei sind es traditionellerweise die Frauen, die ihre weißen Hälse nach hinten biegen, um sich dem tödlichen Biss darzubieten. Andererseits ist eines der berühmtesten Wesen der Literatur- und Filmgeschichte von einer Frau geschaffen worden: Frankensteins Monster wurde von der Lord-Byron-Freundin und Feministinnen-Tochter Mary Wollstonecraft Shelley zu literarischem Leben erweckt. Und knapp zwei Jahrhunderte später scheint es, als seien junge Künstlerinnen in der weiten Welt der Fantasie sogar mehr zu Hause als die Männer: Die Frauen haben sich zu souveränen Regisseurinnen ihrer eigenen Traumwelten emanzipiert.

Alice hat es gut gefallen im Wunderland, und ihre Erbinnen probieren freiwillig die magischen Tränke und werfen sich in das Surreale. Sie bergen das Erbe der Romantik, spielen die Waldhexe, nehmen Caspar David Friedrich den Pinsel aus der Hand und balancieren in Flip-Flops über dem Abgrund. Und wenn sie ins Unbewusste herabsteigen, dann kommen sie nicht mit den Händen voller Schlamm und expressiver Gesten wieder hervor, wie ihre männlichen Generationsgenossen Jonathan Meese oder Tal R: Im neuen weiblichen Surrealismus äußert sich das Irrationale subtiler.

Die jüngeren Künstlerinnen, die jetzt die Szene betreten, nutzen die klassischen Chiffren der Romantik, des Geheimnisvollen und des Surrealen mit großer Freiheit – ohne dabei naiv zu werden. Susanne Kühn zum Beispiel. Die 1969 in Leipzig geborene Malerin hat direkt nach der Wende dort studiert und später einige Jahre in den USA verbracht, wo sie die konzeptionelle Herangehensweise an die Kunst kennen gelernt hat. Das Vertraute fremd machen, so könnte man ihre Bilder beschreiben. Großartige Wälder und Landschaften mit allen Versatzstücken romantischer Naturidyllen finden sich dort. Mitten in diesen zeitlosen Landschaften befinden sich Susanne Kühns Frauenfiguren: erkennbar Bewohnerinnen unserer urbanen Gegenwart, mit Hüfthosen und in Jogging-Pose oder eben in Flip-Flops über der Schlucht balancierend. “Interessant für mich sind da Lichtstimmungen, Sonnenaufgang, Sonnenuntergang, eine gewisse Räumlichkeit, die dadurch entsteht.” Das Wagnerianische, das manche darin sehen mögen, ist ihr jedoch fern – und das spürt man auch. Nicht zuletzt in den neueren Bildern, die erstmals auch Innenräume zeigen, mit Renaissance-Proportionen und nachdenklichen Frauen darin, die dem alten Dürer-Thema der Melancholie nachspüren.

Miriam Vlaming wird oft auf das Unheimliche in ihren Bildern angesprochen, doch sie fühlt sich dann sehr verstanden: “Für mich muss die Malerei Geheimnisse bergen, sie darf nicht alles aussprechen. Künstlich erzeugen kann man das allerdings nicht. In dieses Gefühl muss man sich hineinbegeben.” Auch die 1971 in Düsseldorf geborene Miriam Vlaming hat in Leipzig studiert; früh hat sie ihre Vorliebe für das Märchenhafte entdeckt. Dann hat sie begonnen, altes Fotomaterial abzumalen, vom Flohmarkt oder aus Büchern. Menschen aus der Vergangenheit tauchen in ihren weiten Farbräumen auf wie Schatten; wie ihr Leben verlief und wie es endete, liegt genauso im Ungewissen wie der Raum, aus dem sie zu uns blick

Die Topoi der Romantik sind heute nicht mehr denkbar ohne die Karriere, die sie in der Popkultur gemacht haben, im weiten Feld von Fantasy und Gothic, von Grusel-Metal und Splatter-Film. Auch hier sind die Frauen heute ganz selbstverständlich zu Hause – allen voran die Düsseldorferin Andrea Lehmann. Beim Besuch ist in ihrem Atelier gerade das fertige Material für die aktuelle Galerieausstellung aufgebaut: eine Folge von Tableaus, die einen ganzen Raum auskleiden. Eine Gruppe nahezu identischer schöner Frauen kontrolliert durch altmodische Telefonanlagen das Geschehen; sie tragen die schneewittchenschönen Züge der 33-jährigen Malerin selbst. Eine mädchenhafte Rothaarige blickt – Alice lässt grüßen – in einen Spiegel, der eine bizarre Wunderkammer enthüllt: ein Kalb und ein Babyskelett, jeweils mit zwei Köpfen, Föten in grünlicher Flüssigkeit. Und daneben sitzen die Rock-Größen Elvis, Johnny Cash und Glenn Danzig an einem langen Tisch, als hielten sie Gericht über diese irre Welt.

Bei Andrea Lehmann ist die Malerei Medium des Träumens. In dieser Traumwelt ist die Hierarchie zwischen High und Low aufgehoben, die Popkultur genauso integriert wie die malerische Tradition. Die Fantasiewelt der Kindheit hat dort ihren Platz neben Erotik, Sexualität, Tod. Mit bemerkenswerter Souveränität und ohne esoterische Flausen lassen die jungen Künstlerinnen diese Traumwelten aufsteigen in ihre Bilder, sie reflektieren sie und klopfen ihre ästhetischen Qualitäten ab. Sie stehen zu ihren Fantasien, jenseits der alten Grabenkämpfe zwischen Abstraktion und Figuration.