Cornel Wachter - Wallraf-Richartz-Museum

Ich hasste die Sonntagsausflüge ins Museum

Der Kölner Künstler Cornel Wachter installierte vor Edvard Munchs "Mädchen auf der Brücke" im Kölner Wallraf-Richartz-Museum ein fabrikneues Drehkreuz – um symbolisch den Zugang zur Kunst zu behindern. "Wir möchten mit dieser Installation unsere Besucher ermuntern, über ihre erste Begegnung mit der Kunst nachzudenken und, wenn sie möchten, ihre Erinnerung aufzuschreiben", erklärt Museumsdirektor Andreas Blühm. Bereits im Vorfeld haben Sammler, Kuratoren, Künstler und Kritiker intime Einblicke in ihr erstes Kunsterlebnis gegeben – art präsentiert die Texte von Frieder Burda, Marina Abramović, Thomas Böhm, Klaus Honnef und Dorothee Baer-Bogenschütz.
Mein erstes Kunsterlebnis:Frieder Burda und Marina Abramovic

Foto: Wallraf-Richartz-Museum

Frieder Burda, Sammler


"Meine erste Begegnung mit der Kunst? Das lässt sich bei mir nicht mit einem festen Ereignis oder einem Datum verbinden. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Wurzeln meiner Kunstbegeisterung in meinem Elternhaus gelegt wurden. Mein Vater war oft von Besuchen bei Kunden oder bei anderen Unternehmern nach Hause gekommen und erzählte erstaunt: "In diesem Haus hängt kein einziges Bild an der Wand, könnte ihr euch das vorstellen?!" So hätten meine Eltern Franz und Aenne Burda nicht leben können. Mein Vater pflegte den Abschluss eines guten Geschäfts mit dem Kauf eines Bildes zu feiern. Einem Macke, Kirchner oder einem Jawlensky. Das war die Kunst bei uns zu Hause. Sehr expressiv, was sicher damit zusammenhing, dass mein Vater als Druckereibesitzer stark von der Farbe angezogen war.

Natürlich ging es mir wie anderen Kindern und Jugendlichen auch. Ich hasste die Sonntagsausflüge ins Museum, die ich total langweilig fand. Und eine wirkliche Begeisterung für die Bilder zu Hause hatte auch nicht. Vielleicht mit einer Ausnahme: der Märchenerzähler von August Macke. Meine Mutter mochte diese Bild auch sehr, und ich selbst war von dieser Mystik des orientalischen Erzählers angezogen. Warum sitzt er auf dem Teppich, was ist das für ein Mensch? Ein Mann mit erhobenem Zeigefinger, großen Augen und einem Turban. Gegenüber ein Zuhörer mit einer Pfeife, der aufmerksam den Worten lauschte. Das faszinierte mich.

Heute ist klar, die Bilder im Elternhaus haben mich geprägt. Auch ich komme von der Farbe her, meine Sammlung ist sehr expressiv aufgebaut, und die Farbe zieht sich wie ein roter Faden durch die Sammlung, die heute rund 800 Kunstwerke umfasst. So war es dann auch mit meinem ersten Bild, das ich selbst erworben hatte. Es war 1968 auf der Documenta. Es war ein roter Fontana mit drei Schlitzen. Ehrlich gesagt, ich hatte keine Ahnung, wer dieser Künstler ist, aber mir hat das Bild unheimlich gut gefallen. Das war der Beginn meiner Sammlung. In der Zeit der 68er. Stolz zeigte ich die Neuwerbung meinem Vater, in der Erwartung, sein Urteil werde vernichtend ausfallen. Das war so etwas wie meine Revolution oder sollte es sein. Denn mein Vater sagte: "Na ja, gar nicht schlecht das Bild." Dabei wollte ich eigentlich zeigen, wie radikal ich bin.

Von den Expressionisten in meinem Elternhaus zu den deutschen Nachkriegsmalern wie Georg Baselitz, Gerhard Richter oder Sigmar Polke, aber natürlich auch zu den amerikanischen abstrakten Expressionisten in meiner Sammlung war es eigentlich nur ein kleiner Schritt. Es sind Bilder, die bei genauem Hinsehen durchaus miteinander zusammenhängen. Heute kaufe ich mit große Begeisterung Bilder von jungen Künstler. Und auch da sind es wieder die Farbe und Ausdruckskraft, die mich faszinieren. Das Kunstsammeln lässt mich nie mehr los. Sammeln kommt von innen heraus."

"Wir spielten Verlieren und Wiederfinden im Museum"

Marina Abramović, Performancekünstlerin


"Mit sieben Jahren sah ich zusammen mit meiner Mutter zum ersten Mal das Gemälde von El Greco. Lange Zeit war ich von El Grecos lang gestreckten, deformierten Figuren fasziniert. In allen Gemälden haben die Heiligen zwei zusammengewachsene Finger. Später erst habe ich in El Grecos Biografie gelesen, dass er zwei seiner eigenen Finger nicht spreizen konnte und dass er an Astigmatismus, der Stabsichtigkeit, litt. Daher diese Sicht auf den menschlichen Körper. Bevor ich mit Performance begann, malte ich ebenfalls. Ich habe auch Astigmatismus und sah den menschlichen Körper auf die gleiche Weise."

Thomas Böhm, Programmleiter des Kölner Literaturhauses


"Sie hatte kurze, blondgefärbte Haare, trug schwarze Rollkragenpullover, eine schwarze Hornbrille, wohnte mit ihren Eltern in einem Haus, das am Rande eines Stahlwerks in Duisburg-Walsum vergessen worden war. Ich konnte nicht glauben, dass sie etwas an mir fand, der ich so wenig kannte, wusste. Sie sagte zu mir: "Lass uns nach Köln fahren, da gibt es eine Duchamp-Ausstellung." Schachspiele, Fahrradreifen, Pissoir. Zu Neuem angeordnet. Requisiten einer Parallelwelt. Plötzlich meinte ich, auch so denken zu können. Wir spielten Verlieren und Wiederfinden im Museum. Ich zog meinen Schuh aus, ließ ihn an einer Ecke hervorschauen. Sie musste denken, ich stünde dort, schlecht versteckt.
Ich erwischte sie im Nacken. Ein wunderbarer Kuss folgte. Auf der Rückfahrt sagte sie: "Lass uns nach Paris fahren." Ich holte sie in dem Haus ab, in dem zwei Stockwerke vernagelt waren. Wir fuhren vom Duisburger Hauptbahnhof. Sechserabteil. Sie las "Die Erzählungen" von Kafka. Ich weiß nicht mehr, wann genau es geschah, vielleicht, als wir in Köln hielten. Sie schaute mich aus dem Buch heraus an. In ihren Augen sah ich, dass es vorbei war."

"Dass auch die Kunst fortan in mein Ressort fiel, konnte ich nicht ändern"

Klaus Honnef, Kurator


Bedaure – doch mit einem Erweckungserlebnis, das sich als Initiation in die geheimnisvolle Sphäre der Kunst ausgewirkt hat, kann ich nicht dienen. Als anno 1965 bei den "Aachener Nachrichten" plötzlich der Posten des Feuilleton-Chefs frei und mir angeboten wurde, habe ich einfach "ja" gesagt. Ich war Volontär im fünften Monat, allerdings mit Redakteursgehalt, entsprechend preiswert und ausgewiesen durch zahlreiche Filmkritiken sowie zwei Rezensionen von Aufführungen eines Studententheaters. Dass auch die Kunst fortan in mein Ressort fiel, konnte ich nicht ändern.

Endlose Diavorträge in den letzten Stunden des Samstags während meiner Zeit am Gymnasium als Einführung in die Kunstgeschichte und das Herdackeln hinter der Mutter meiner ersten Freundin Sonntagmorgens im muffigen Aachener Suermondt-Museum – was tut man nicht alles der Liebe halber – hatten mir jegliches Kunstverständnis ausgetrieben. So war ich auf meine künftige Aufgabe außerordentlich mangelhaft vorbereitet. Politik interessierte mich, mit den Wirtschaftswissenschaften war ich aufgrund meines Studiums der Soziologie in Köln vertraut, als Sportreporter genoss ich internationales Ansehen und schrieb für Fachzeitschriften, im Lokalen hatte ich meine journalistische Tätigkeit begonnen – in allen "klassischen" Ressorts der Zeitung wäre ich besser aufgehoben gewesen. Doch Chef ist Chef, also habe ich zugestimmt.

Der Rest sind Glück und intensive Arbeit. Glück, weil die dritte Kunstausstellung meines Lebens Karl Fred Dahmen bestritt. Ihm gefiel mein Bericht darüber. Er lud mich zu sich nach Hause ein, wo ich K. O. Götz, Winfred Gaul, Peter Brüning, Helmut Heißenbüttel, K. H. R. Sonderborg e tutii quanti kennen- und schätzen lernte, und wir freundeten uns an. Ich habe einfach die Ohren aufgesperrt und die Klappe gehalten – seinerzeit redeten die Künstler noch kompetent, leidenschaftlich und intensiv über Kunst – und ich habe mir nolens volens ihre Sicht angeeignet. Die Arbeit bestand in ausgiebigem Lesen vornehmlich angloamerikanischer Kunstliteratur und im Befolgen der Devise, die mein Mentor Fred Dahmen mir mitgegeben hat: schauen, schauen, schauen.

Dank der Künstler hat mich Kunst auf einmal brennend interessiert, und längst habe ich mich in das Abenteuer der Kunst vor Aufkommen der Moderne gestürzt – durch Sehen und Lesen –, so dass ich glaube, inzwischen ein wenig von der Sache zu verstehen. Den Prado suche ich mindestens einmal im Jahr auf. Mein aktuelles "Lieblingsbild": Tintorettos kühne Fußwaschung Jesu, auf dessen riesiger Fläche man den titelgebenden Christus suchen muss. Für dessen Ausstattung in der Scuola Grande di San Rocco hatte ich in Venedig diesmal keine Zeit. Schade. Und leider gehe ich nur noch selten ins Kino – zu faul, und die Kinos, die Filme zeigen, die ich gerne sehen würde, sind selten geworden und stoßen mich häufig auch ab. Ich bedauere es, denn der Film war für mich die Kunst des 20. Jahrhunderts. Und meine Frau Gabi hat immer behauptet: Tizian, Tintoretto, Velázquez, Zurbarán, Rubens, Rembrandt und die übrigen "Verdächtigen" wären heute Filmmeister. Der Umkehrschluss?"

"Ich litt mit Prometheus, grollte Polyphem"

Dorothee Baer-Bogenschütz, Kunsthistorikerin und Kulturjournalistin


"Eines Tages war ich auf der Akropolis angekommen. Dort saß ich und weinte. Vor Glück. Jetzt war ich den Göttern nah. Gedanklich freilich schon immer: Mein Schatz der Kindertage war Gustav Schwab. Die Sagen des klassischen Altertums waren meine Bibel. Über das Goldene Vlies kam ich zur Kunst. Der Band war ja illustriert: Ich hatte eine präzise Vorstellung meiner Helden. Ich lag auf Pferdekoppeln in der Sonne, in Wiesen und an Bächen, kletterte auf Bäume und Garagendächer, und immer waren sie an meiner Seite. Allen voran Odysseus. Daphne, die sich in Lorbeer verwandeln konnte, fand ich umwerfender als alles, was bei den Brüdern Grimm Tarnkappe trug. Ich las unendlich viel als Kind. Doch Schwabs Sagensammlung bewachte ich eifersüchtig. Mit den Argonauten war ich gut Freund, und meine Lieblingsgöttin war Athene, deren Geistesgegenwart, Geradlinigkeit, Gerechtigkeitssinn und Kopfschmuck mir mächtig imponierten – jüngst in der gefeierten Orestie am Schauspiel Frankfurt gefiel sie mir als Mann in Rosa und Hippiehaar allerdings auch sehr gut.

Ich litt mit Prometheus, grollte Polyphem. Wiederbegegnen – "in echt" – konnte ich den Olympiern bei Familienausflügen, wenn Schlösser besucht, auf Filzpantoffeln herumgerutscht und mythologische Wand- und Deckenmalerei erklärt wurde. Museen dagegen besuchte meine Familie (als mein Vater kürzlich ein Gespräch über Eva Hesse anfing, hätte ich erstaunter nicht sein können) selten. Was ich zutiefst bedauerte - weshalb ich, kaum kam ich klar mit der Straßenbahn, alleine hinging. Das Städel in Frankfurt war meine Bilderschule. Früh begann ich ins Ausland zu reisen, mit Rucksack und dicken Reiseführern. Zuerst natürlich nach Griechenland. Von Frankfurt nach Athen – mit dem Zug! Mit Keksen und Kamera. Ich bereiste auf eigene Faust kreuz und quer die Türkei und Italien, Holland und Schottland, war auf Malta, ägäischen Inseln und in Paris.

Irgendwann hatte ich Kindlers Malerei-Lexikon zu Weihnachten bekommen. Das besitze ich heute noch. Ich schlug dort nach, was ich mir ansehen wollte. Unlängst erwarb ich die Sagen des klassischen Altertums als Höredition auf 16 CDs. In der modernen Malerei sind es Wildlinge wie Courbet und Meese, Einzelgänger und Visionäre, die mich anziehen. Ich fürchte, die Argonauten sind schuld."

"Mein erstes Kunsterlebnis. Ein Projekt von Cornel Wachter im Wallraf"

Termin: bis 20. April, Wallraf-Richartz-Museum, Köln.
http://www.museenkoeln.de/wallraf-richartz-museum/default.asp?s=333&kontrast=&schrift=&abb=690