Miroslav Tichý - Voyeurismus aus selbtsgebauten Kameras

Schatten der Vergangenheit

Als das Kunsthaus Zürich 2005 Fotografien Miroslav Tichýs zeigte, feierten die Medien die voyeuristischen Schnappschüsse als Entdeckung eines großen Erotomanen der Kunst des 20. Jahrhunderts. Drei Jahrzehnte lang war der 1926 geborene Künstler mit selbst gebastelten Kameras in seiner mährischen Heimatstadt Kyjov unterwegs gewesen. Unter dem Mantel hervor, durch Zäune und Gitter hat er abgedrückt, täglich 100 bis 200 Mal, immer in der Hoffnung, einen Blick auf eine Frau zu erhaschen. Von den Negativen hat er Tag für Tag vermutlich 50, 60 Abzüge entwickelt.
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Nun schießen die Preise für Tichýs Abzüge – verschwommen, fleckig, angerissen, überzeichnet – von Null auf 3000 bis 12 000 Euro in die Höhe. Galerien von Tokio und Shanghai bis New York zeigen das Werk. Das Museum für Moderne Kunst in Frankfurt hat 80 Fotografien und einige Zeichnungen erworben, die es ab März ausstellt, das Centre Pompidou in Paris plant für den Herbst eine große Retrospektive. Eine Traumkarriere für einen über 80-jährigen Künstler, die dennoch von Schatten überdeckt ist.

Sie liegen vor allem über der Herkunft der Fotografien. Entdeckt wurden sie von Roman Buxbaum, 51. Der Zürcher Psychiater, Künstler und Sammler hat Miroslav Tichý schon als Kind gekannt, bevor seine Familie 1968 in die Schweiz emigrierte. Bei einem Besuch 1981 sah er erstmals auch dessen fotografisches Werk und begann, was noch vorhanden war, sukzessive zu erwerben. Zwischen 2000 und 3000 Werke hat der Sammler nach eigenen Angaben zusammengetragen. Ein Teil kommt von Tichý selbst, den Großteil kaufte er über Jahre hinweg von Jana Hebnarová, einer Nachbarin, die sich seit dem Tod von Tichýs Mutter 1991 um den heute 81-Jährigen kümmert.
Das hat Buxbaum hinter vorgehaltener Hand manche üble Nachrede eingetragen. Er habe die Fotos einfach mitgenommen, lautet der zentrale Vorwurf. Tichý selbst spricht 2005 in einem Artikel der „Zeit“ von „abgenom-men“. Buxbaum erklärt dagegen: "Die Bilder lagen am Boden, Tichý lief auf ihnen herum, sie verdarben stapelweise in feuchten Räumen oder verrotteten im Freien. Tichý hat mir immer wieder Fotografien geschenkt, ebenso seinen Nachbarn und auch verschiedenen Besuchern. Er hat aber nur selten Geld angenommen. Als Gegenleistung bot ich ihm an, ihn zu unterstützen, um seinen Alltag zu erleichtern."

In "Worldstar", einem beklemmenden Tichý-Porträt der deutschen Filmemacherin Nataša von Kopp, das 2007 auf der Filmschau Baden-Württemberg als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet wurde, sieht man Buxbaum beim Besuch des Künstlers. Im Schlepptau hat er einen Galeristen, eine Kunsthistorikerin und einen Journalisten, die in Kartons mit alten Fotos wühlen, während Tichý, verwahrlost und von den fremden Leuten sichtlich irritiert, Bier trinkt und ansonsten wenig Begeisterung für seinen späten Ruhm zeigt. Auch die Kölner Galeristin Susanne Zander hat den tschechischen Einsiedlerkünstler schon besucht und bestätigt, dass Buxbaum die Verhältnisse korrekt schildert:
"Tichý misst seinen Fotografien keine Bedeutung bei. Die Arbeiten lagen verstreut im Haus herum. Er hat auch kein finanzielles Interesse daran. Sehr wohl ist er durch den Erfolg und die große Aufmerksamkeit, die ihm so zu Teil wurden, berührt." Er sei mental, psychisch und physisch in sehr wechselnden Zuständen und dadurch manchmal schwierig einzuschätzen. Dennoch sei er am Kunstgeschehen interessiert. Man weiß auch, dass Tichý die Prager Kunstakademie besucht hat.

Diese Widersprüchlichkeit, die auch in Tichýs ambivalentem Verhältnis zu öffentlicher Anerkennung begründet liegt, macht den Handel mit seinen Werken schwierig. Tobia Bezzola verzichtete 2005 auf Ankäufe für das Kunsthaus Zürich. Matthias Arndt, der ein paar Wochen vor Bezzola in seiner Berliner Galerie Tichý ausstellte, will ihn bis auf weiteres nicht mehr zeigen. "Weitere Ausstellungen sind nicht geplant, bis wir ein klares Mandat von Seiten des Künstlers beziehungsweise dessen autorisierter Erben oder Verwerter des Kunstbestandes erhalten", erklärt Arndt.

Beachtung mag Tichý, seine Arbeiten interessieren ihn nicht

Erben sind keine bekannt, gleichwohl versucht, wer mit dem Werk zu tun hat, sich so weit wie möglich abzusichern. Susanne Zander hat ein Konvolut von Fotografien Tichýs für ihre Galerie erworben und vor anderthalb Jahren den Ankauf der Arbeiten des Museums für Moderne Kunst in Frankfurt vermittelt. Gekauft wurden diese Werke von Jana Hebnarová. "Tichý hat ihr alle fotografischen Arbeiten überlassen, und sie hat sich diese Schenkung wohl auch notariell bestätigen lassen", sagt Zander. Die Fotografien, die -Susanne Zander erworben hat, sind rückseitig von der Nachbarin signiert, um so die Rechtmäßigkeit des Verkaufs zu bezeugen. Die Arbeiten, welche die Villa Grisebach im November 2007 zur Auktion brachte, tragen auch die Provenienz Jana Hebnarová. Udo Kittelmann selbst will zu den Marktgerüchten keine Stellung nehmen. Er betont: "Wir haben dieses Konvolut erworben, weil ich absolut von der künstlerischen Qualität Tichýs überzeugt bin und weil auch der Preis stimmte." Außerdem ergeben sich für den Direktor „Anknüpfungspunkte sowohl an die dokumentarische wie auch an die künstlerische Fotografie“.
Der Vorwurf der Bereicherung hat sich neben der nicht überprüfbaren Übergabe des Materials auch an der Stiftung "Tichý Oceán" und ihrem Projekt "Artists for Tichý – Tichý for Artists" entzündet, die Buxbaum 2004 gegründet hat. Zeitgenössische Künstler werden gefragt, ob sie ein eigenes Werk gegen ein Fo-to Tichýs eintauschen wollen. Über 250 Arbeiten teils von Stars wie Fischli/Weiss und Jonathan Meese kamen so zusammen und wurden 2006 im Museum Moderner Kunst in Passau gezeigt. So be-komme man kostenlos eine Sammlung zeitgenössi-scher Kunst, lautet hier der Vorwurf. Buxbaum aber verweist darauf, dass er derzeit "einen großen Teil von Tichýs Werk" in die Stiftung "Tichý Oceán" in der Tschechischen Republik einbringe und "dafür in Prag ein Haus gemietet hat, in dem sich die Werke bereits befinden, um ein Museum zu eröffnen. Hier sollen auch die Werke des Tauschprojekts ein dauerhaftes Zuhause finden".

Wie auch immer man die Legitimität der Akteure beurteilt, so bleibt das allgemeinere Problem, wie man mit einem Werk umgeht, das von seinem Schöpfer weitgehend missachtet wurde. "Ist jeder Schnipsel, der nun in den Handel kommt, ein Werk im Sinne Tichýs? Waren viele Abzüge nicht einfach Rohmaterial, das er selbst erst dann und nur in denjenigen Fällen, wo er die Fotos mit den von ihm handgefertigten und bemalten Passepartouts versah, als eigentliches Werk betrachtete?", fragt Tobia Bezzola. Ein typisches Nachlass-Problem: Was Künstler zurückbehalten, aber nicht vernichtet haben, wird von außen neu gesichtet und verwertet. Vielleicht sind im Moment von dem Markterfolg viele überfordert. Von der künstlerischen Qualität des fotografischen Werks sind alle Beteiligten jedoch überzeugt.

"Fotograf" im MMK Frankfurt

Termine: 8. März bis 3. August, MMK Frankfurt/Main. Weitere Ausstellungen: bis 23. März, Magasin 3 Stockholm Konsthall; Juni bis September, Centre Pompidou, Paris. Katalog: Hatje Cantz Verlag, zirka 40 Euro.
www.magasin3.com, www.centrepompidou.fr.
Film: "World-star", Regie: Nataa von Kopp, D 2007,
72 Min., DVD erhältlich über www.kloosundco.de

http://www.mmk-frankfurt.de