Lutz Mommartz - Kunst-Werke Berlin

Der Mann, der meine Visitenkarte gegessen hat

Lutz Mommartz hat in den sechziger Jahren damit begonnen, den deutschen Experimentalfilm zu revolutionieren – und wird bis heute von seinen Studenten dafür verehrt.
Als wär's von Beckett:Großartige Videoarbeiten von Mommartz im KW Berlin

Lutz Mommartz: "Selbstschüsse / Self Shots", 1967

Wer sich derzeit in die Berliner Kunstwerke aufmacht, um sich die Ausstellung "...5 minutes later" anzusehen, in der Künstler wie Thomas Demand, Thomas Rentmeister oder Annette Kelm nur fünf Minuten Zeit für ihre Arbeit hatten, kann außer dieser gelungenen Konzeptschau noch eine Überraschung erleben: In den obersten zwei Stockwerken gibt es nämlich die rare Gelegenheit, die großartigen Videoarbeiten des Düsseldorfer Künstlers Lutz Mommartz zu sehen.

In den abgedunkelten Räumen laden Sitzpolster und Perserteppiche zum Ausruhen und Zuschauen ein. Die insgesamt vier Filme laufen abwechselnd und entwickeln durch ihre leichtfüßige Abgedrehtheit unmittelbar eine angenehme Sogwirkung. In der "Weg zum Nachbarn" von 1968 sieht man nur das Gesicht einer jungen Frau. Sie bewegt sich lasziv auf und ab, man weiß nicht, worauf sie da eigentlich reitet, aber es sieht genussvoll aus. Ihr Blick ist leicht entrückt und irgendwie fesselnd, was an dem eindeutigen Bewegungsrhythmus liegen mag.

In "Die Treppe" (1967) bewegt man sich in einer radikalen Subjektiven durch eine Wohnung: von der Küche durch den Flur ins Badezimmer, geht mit dem Protagonisten, mit dessen Augen man zu sehen scheint, aufs Klo, dreht den Wasserhahn auf und wieder zu. Neben der schnellen Handlungsabfolge fasziniert auch die unspektakuläre Einrichtung einer 08/15-Wohnung aus den sechziger Jahren.

"Das hast Du geschafft, Lutz"

Mit "Selbstschüsse" gewann Mommartz 1967 das Experimentalfilmfestival Knokke-le-Zoute. In diesem Kurzfilm wirft er seine Kamera immer wieder in die Luft und fängt sie auf. Er hatte vier Filme eingereicht, die alle angenommen wurden. Dabei war Mommartz in der Filmszene ein kompletter Neuling. Eigentlich hatte der damals 33-Jährige bislang als Oberinspektor beim Düsseldorfer Stadtbauamt gearbeitet und 16-Millimeter-Film erst ganz neu für sich entdeckt. Es folgten tiefschürfende Interpretationen seiner Werke in allen möglichen Fachzeitschriften, die Mommartz aber nicht weiter beeindruckten. Er bewahrte seine Leichtigkeit, die stets auf einer Idee und der intensiven Interaktion mit der Kamera beruht. Und so potenziert sich noch die unmittelbare Wirkung seiner Arbeit, was besonders gut an einem gefilmten Beziehungsgespräch nachzuvollziehen ist, das im Dachstuhl der Kunstwerke gezeigt wird. In "Als wär’s von Beckett" (1975) hält er einfach nur die Kamera auf ein Paar: Sie thematisiert in selbst erniedrigender Art und Weise ihre Sehnsucht nach seiner Zuwendung und er lässt sie stoisch immer wieder abprallen.

Von 1978 bis 1999 lehrte Mommartz als Professor für Film an der Kunstakademie Münster und wird bis heute von ehemaligen Studenten verehrt. So schreib einer aus seiner Filmklasse 1978 am 26. September 2007 in Mommartz’ Gästebuch auf seiner Webseite: "Dem Mann, der meine Visitenkarte gegessen hat, der meine Sicht verändert hat und mich gleichzeitig hat machen lassen, der mir auch heute noch nicht aus dem Kopf geht. Das hast Du geschafft, Lutz."

"Mommartzfilm – Dreharbeit"

Termin: bis 9. März, Kunst-Werke, Berlin.

(credit Filme: archive.org)
http://www.kw-berlin.de/

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