Martian Museum - Barbican

Kunst für Marsmenschen

Angenommen eine Delegation von Marsmenschen landete auf der Erde und entdeckte dort eine ganze Reihe höchst seltsamer Gerätschaften, die Erdlinge als "zeitgenössische Kunst" bezeichnen. Welche Rückschlüsse könnten die Außerirdischen wohl aus jenen kultisch verehrten Gegenständen ziehen? Würden sie sich nicht ratlos am Kopf kratzen und fragen, wozu all der Plunder auf Erden eigentlich gebraucht wird?
Extravagante Schau in London:Das "Mars-Museum für irdische Kunst"

Anne Hardy, "Outpost", 2007

Mit der Ausstellung "Martian Museum of Terrestrial Art" versucht die Londoner Barbican Artgallery sich dem Phänomen Kunst auf höchst ungewöhnliche Weise zu nähern. Mehr als 150 Kunstwerke wurden nach anthropologischen Kriterien analysiert, als handele es sich um Relikte einer außerirdischen Spezies. Schließlich, so die Kuratoren, fühlten sich die meisten Menschen vor moderner Kunst genauso hilflos, als handelte es sich um Gegenstände aus einer fernen Galaxie.

Vorgeblich für ein Publikum vom Mars hat man nun zahlreiche dieser seltsamen Bilder und Objekte, die menschliche Künstler so produzieren, in Rubriken sortiert, die man sonst aus ethnologischen Museen kennt: "Ahnenkult", "Rituale" oder "Magie und Glauben" heißen die Kategorien, mit denen die Kuratoren einen neuen, von kunsthistorischem Insiderwissen unbelasteten Blick auf die Werke ermöglichen wollen, indem sie Vertrautes fremd erscheinen lassen.

Anstatt, wie meist üblich, die Eigenheiten oder Einzigartigkeit des jeweiligen Kunstwerks in den Vordergrund zu stellen, betont das verwendete Referenzsystem die optischen Gemeinsamkeiten inhaltlich zum Teil höchst unterschiedlicher Arbeiten. Marcel Brodthaers Topf mit aufeinander getürmten Miesmuscheln landete so kurzerhand in der gleichen Abteilung ("Totempfähle") wie ein Eidechsen-Kostüm von Spartacus Chetwynd oder eine Spiegelsäule von Isa Genzken. Andy Warhols "Mao"-Bilder wiederum findet man in derselben Rubrik ("Ikonen") wie Richard Princes Marlboro-Cowboy und ein mit Arielle-Motiven tätowiertes Schwein von Wim Delvoye.

In vielen Fällen völlig kontraproduktiv

Damien Hirsts 38 präparierte Fische mit dem Titel "Isolated Elements Swimming in the Same Direction for the Purpose of Understanding" dagegen werden hier einfach mal als ritueller Glücksbringer für die Jagd interpretiert und deshalb in die gleiche Abteilung wie Andreas Slominskis "Rattenfalle" gesteckt.

Leider haben die Ausstellungsmacher so viel Mühe in die innere Logik ihres fiktiven Alien-Standpunkts und ihre skurrilen Erklärungsversuche investiert, dass der Anspruch, einzelnen Werken gerecht zu werden, zwangsläufig scheitern musste. Absichtliche Fehlinterpretationen der "Marswissenschaftler" steigern zwar die Kurzweil beim Betrachter, das Verständnis für zeitgenössische Kunst wird dadurch aber kaum befördert. Was in Einzelfällen lustig und manchmal sogar inspirierend ist, wirkt in anderen Fällen völlig kontraproduktiv. Cildo Meireles manipulierte Coca-Cola-Flaschen zum Beispiel – der brasilianische Künstler versah sie mit Anleitungen zum Bau eines Molotow-Cocktails, bevor er sie als Pfandflaschen wieder in den Laden brachte – wurden drollig zum rituellen Geschenk unter Staatsmännern umgedeutet und Joseph Beuys’ "Capri Batterie" wird zum Zaubergerät deklariert, das in der Lage ist, Glühbirnen an Bäumen wachsen zu lassen.

Nicht vollständig sicher waren sich die Marsianer übrigens bei Cornelia Parkers mit Brandlöchern versehenen London-Stadtplänen, die Titel wie "Meteorite Lands on the Houses of Parliament" tragen. Ist dies als freundliche Einladung an den Meteoriten gemeint? Oder doch als Abwehrzauber? Die Marsianer grübeln noch.

"Martian Museum of Terrestrial Art"

Termin: bis 18. Mai, Barcican Artgallery, London. Katalog: Merrell, 25,95 Pfund.
http://www.barbican.org.uk/artgallery/event-detail.asp?ID=7038