Robert Rauschenberg - Gestorben

Ein Titan tritt ab

Robert Rauschenberg, der letzte große US-Künstler der Pop-Art-Generation, ist mit 82 Jahren gestorben.

Es ist immer wieder ein Schock, wenn ein großer Künstler plötzlich stirbt. Doch bei Robert Rauschenberg mischt sich in die Trauer um den Verlust eines der wichtigsten Künstler der Gegenwartskunst auch ein bisschen Unglauben. Hat uns Bob, wie seine Freunde ihn nannten, nicht schon öfter an der Nase herum geführt?

Er hat Hurrikans überlebt und Schlaganfälle, das gleißende Rampenlicht, Mega-Ruhm und vorübergehende Ignoranz. Als vor zwei Jahren seine große Ausstellung "Combines" mit den berühmten Assemblage-Arbeiten der fünfziger und sechziger Jahre in den USA und Europa tourte, wurde er noch einmal gefeiert wie ein Weltstar. Und obwohl er inzwischen an den Rollstuhl gefesselt war und durch einen Schlaganfall halbseitig gelähmt, ließ er es sich nicht nehmen, zu den Eröffnungen nach Los Angeles, Paris und Stockholm höchstpersönlich anzureisen.

"Die Presse reagierte so, als hätte ich ihr etwas vorenthalten", sagte Rauschenberg damals im art-Gespräch – einem seiner letzten Interviews, wie man jetzt wohl annehmen muss. "Vor 50 Jahren, als diese Arbeiten entstanden, konnte ich damit nicht mal meine Miete begleichen." Das hat Rauschenberg aber nie vom Arbeiten abgehalten. In seiner über 60 Jahre umspannenden Karriere hat er weit über 6000 Werke geschaffen, Editionen und Drucke nicht mitgerechnet. Und er hat die Kunstwelt immer wieder revolutioniert. So etwa Anfang der fünfziger Jahre, als er rein weiße und dann monochrom-schwarze Bilder malte. Berühmt wurde der in Texas geborene Künstler mit seinen dreidimensionalen Assemblage-Bildern, für die er Fundstücke wie einen ausgestopften Seeadler ("Canyon", 1959) oder eine Angora-Ziege ("Monogram") auf Bildkörper monitierte. Gleichzeitig experimentierte er mit Fotocollagen, Siebdruck und skulpturalen Objekten. 1964 gewann er als erster amerikanischer Künstler den großen Preis der Venedig-Biennale.

Anstatt sich auf diesem Ruhm auszuruhen und eine florierende Bilderwerkstatt aufzubauen, wandte er sich von dem bekannten Terrain ab und stürzte sich in Kooperationen mit Theater und Balett. John Cage und Merce Cunningham gehörten zu seinen engsten Freunden und Weggefährten. Mit ihnen erarbeitete er auch eine Choreographie, bei der er 30 Schildkröten mit Taschenlampen auf dem Panzer auf der dunklen Bühne eine Art Schildkrötenballett aufführen ließ.

Anfang der siebziger Jahre verließ Rauschenberg New York und siedelte sich weit abseits der boomenden Kunstmetropole auf Captiva Island, einer Halbinsel in Florida an. Dort hat er ungeachtet des an- und abflauenden Hypes um seine Person kontinuierlich weitergearbeitet – auch als er durch Krankheit zunehmend unbeweglicher wurde. Auf die Frage, ob er manchmal an den Tod denkt, sagte er im art-Interview: "Nein. Ich arbeite jeden Tag, das hält mich am Leben. Das hat mich auch durchhalten lassen, als wir letztes Jahr eine Serie schlimmer Hurrikane in Florida hatten. Fünf tobten innerhalb kurzer Zeit über unsere Insel und zerstörten die Wohnhäuser, deckten die Dächer ab, rissen die Fenster weg, entwurzelten Bäume. Ich saß den Sturm in meinem Atelier aus."

Wir müssen es wohl glauben, dass er diesen letzten Lebenssturm nicht mehr aussitzen konnte, sondern diesmal wirklich für immer mit fortgerissen wurde. Zurück bleibt sein unsagbar vielschichtiges Werk, das noch Generationen von Künstlern beeinflussen wird. Bye-bye, Bob, wir werden dich vermissen.

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