Immendorff Ausstellung - Congress Center Hamburg

Return on Investment

Das Hamburger Messe- und Kongresszentrum CCH eröffnet heute: "Jörg Immendorff – Sein grafisches Lebenswerk und Skulpturen". Auf 2300 Quadratmetern werden 340 Grafiken, 30 Skulpturen und 250 Stempel gezeigt. Auf der Pressekonferenz wurde deutlich, dass die Debatte der vergangenen Wochen um die Echtheit vieler Immendorff-Gemälde nun auch die Grafiken erfasst hat.
Fragwürdige Kommerz-Retrospektive:Immendorff-Ausstellung unter Verdacht

Malerfürst in der Messehalle: In Hamburg werden ab heute auf 2300 Quadratmetern 340 Grafiken, 30 Skulpturen und 250 Stempel gezeigt

Als der Künstler wenige Jahre vor seinem Tod im Mai 2007 wegen der Nervenkrankheit ALS seine Hände nicht mehr bewegen konnte, begann er, seine Werke von Assistenten malen und per Schablone oder Stempel signieren zu lassen. Die Echtheit der betroffenen Gemälde aus den letzten Lebensjahren steht nun im Zweifel, was Immendorffs Ruf als seriöser Künstler in Gefahr bringt.

Die CCH-Schau veranstaltet Dirk Geuer, ein 38-jähriger Galerist und Sammler aus Grevenbroich. Er ist auch Autor des 2006 erschienen Werkverzeichnisses der Immendorff-Grafiken, das nun als einziger Beleg für deren Echtheit gilt. In Hamburg tritt Geuer als Kurator, Hauptleihgeber und Händler in Personalunion auf. Das Geschäftsmodell ist folgendes: Das CCH stellt im Sommerloch mietfrei seine Räume zur Verfügung, Geuer betreibt einen "Artshop", in dem er während der Schau Immendorff-Grafiken, -Skulpturen und -Stempel verkauft. Auf die Frage, aus wessen Besitz die zum Verkauf stehenden Arbeiten kämen, antwortet er ausweichend. Er spricht stattdessen lieber von "Return on Investment", da er "enorme Unkosten durch die Vorbereitung" gehabt habe.

Erklärungen gibt es keine – und kritische Fragen sind nicht willkommen

Außerdem schildert er ausführlich seine enge Verbindung zu Immendorff, den er mit Anfang 20 aufgesucht habe, weil er "ein Idol" für ihn gewesen sei. 40 Ausstellungen habe er in den vergangenen 18 Jahren weltweit für den Meister organisiert. Auch betont er immer wieder die "enge konzeptuelle Zusammenarbeit" mit Immendorff, der ihm "in den Jahren so viel mit auf den Weg gegeben" habe. Erklärungen zu den Arbeiten bleibt die Kommerz-Retrospektive jedoch weitgehend schuldig – das Werk solle nicht "entmystifiziert" werden, jeder müsse es sich eben – ganz so wie es der Meister am liebsten hatte – "selbst erarbeiten".

In der Ausstellung selbst fällt auf, dass die Provenienz nahezu aller 600 Werke mit "Privatsammlung" angegeben ist. Lediglich zwei Exponate offenbaren ihren Eigentümer: die Stadt Verl und die Albertina in Wien. Auf die Frage, wer die Privatsammler seien, antwortet Till Breckner, Geschäftspartner von Dirk Geuer, dass sie nicht genannt werden wollen. Auf die Frage, wie Immendorffs Signatur auf die Blätter aus den Jahren 2006 und 2007 gekommen sei – als er seine Finger gar nicht mehr benutzen konnte – reagiert er empfindlich: Schablonen und Stempel seien eben Usus gewesen, darauf müsse man sich verlassen. Überhaupt scheinen kritische Fragen auf dieser Pressekonferenz nicht willkommen. Breckner kontert mit rüden Unterstellungen: "Was zahlt Ihnen Michael Werner eigentlich?" Michael Werner ist Immendorffs langjähriger Galerist und als dessen Hauptnachlassverwalter jetzt der strengste Hüter seines Rufs. Er hatte sich unter anderem im "Stern" kritisch zu der Immendorffschen Mal- und Signatur-Praxis der letzten Jahre geäußert – was dem Duo Geuer/Breckner offenbar nicht zu Pass kommt.

Die Hamburger Schau ist nur der Beginn ihrer großspurig in der Broschüre angekündigten "Welttournee". Einzige weitere gesicherte Station: Quito, Ecuador.

"Jörg Immendorff – Sein grafisches Lebenswerk und Skulpturen"

Termin: bis 10. August, Congress Center Hamburg.
http://www.hamburg-messe.de/hmc/content/cch/de/immendorff.php