Philip Scott Johnson - "YouTube"-Video

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte

Der Computerkünstler Philip Scott Johnson, 41, wird im Internet gefeiert. Seinen Kurzfilm "Woman in Art" haben sich über acht Millionen Menschen angeschaut, die Kommentare dazu reichen von "Brillant! Erstaunlich!" bis zu "Zum Verlieben!". art-Autorin Felicitas Rhan sprach mit dem Künstler über den überraschenden Erfolg und seine Inspiration.
Der "YouTube"-Überraschungs-Hit:Interview mit dem Macher des Kurzfilms

Haben Sie alle erkannt? Aufmerksame art-Leser können im Kurzfilm von Johnson ihr Kunstgeschichtswissen testen

Ihr Kurzfilm "Woman in Art" wurde allein im Internetportal "YouTube" über acht Millionen mal gesehen. Waren Sie überrascht von dem unglaublichen Erfolg und den fast durchweg positiven Kommentare?

Ja, sehr. Als ich den Film am Anfang ins Internet stellte, hat sich keiner das Video angeschaut. Es wurde im ersten Monat nur 800 Mal angesehen. Ich dachte, ich hätte meine Zeit verschwendet. Dann, wohl mehr über Nacht im Juni letzten Jahres, wurde es zu einer weltweiten Sensation. In drei Wochen wurde es über drei Millionen Mal angeschaut.

Stellt die Internetpräsenz einen wichtigen Bestandteil ihres Ideenkonzeptes dar oder ist sie für Sie nur ein Mittel, ein größeres Publikum zu erreichen?

Beides. Ich schätze die Anonymität des Internets und die gleichzeitige Möglichkeit, ein weltweites Publikum ansprechen zu können. Das Internet erlaubt es mir und jedem anderen, etwas zu erschaffen und dies der ganzen Welt mit einem Mausklick mitzuteilen. Das ist in vielerlei Hinsicht sehr demokratisch. Wenn Leute es mögen, dann werden sie reagieren. Ich brauche keinen Agenten oder Produzenten, der für mich arbeitet. Heute kann ich ein Publikum erreichen, so wie es vor zehn oder 20 Jahren geradezu unmöglich war.

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Strecken Teaser

Was fasziniert den Betrachter an Ihrem Film?

Er vereint Kunst, Musik und Geschichte in einem Kurzfilm. Das ist etwas Neues in der Welt der Online-Videos, bei denen die meisten Themen jugendlich und albern sind. Zudem gibt es keine Sprache, sondern nur schöne Bilder mit schöner Musik. Eine Sprachbarriere kann also niemanden hindern, sich das Video anzuschauen.
Außerdem erzählt der Film die Kunstgeschichte der letzten 500 Jahre. Alle diese Bilder bringe ich zusammen, um die Illusion einer Frau, zusammengeschmolzen aus allen Gesichtern, entstehen zu lassen. Die Idee der weiblichen Schönheit gibt es seit vielen Jahrhunderten, und es ist ein beliebtes Thema, das sowohl Männer als auch Frauen anzieht. Laut einer "YouTube"-Statistik haben 50 Prozent Männer und 50 Prozent Frauen den Film gesehen.

Die Presse nannte sie den Frauenverwandler. Was sagen Sie dazu?

Jede Kunst ist subjektiv. Ich habe Bilder gewählt, die mir persönlich zusagen und die repräsentativ für bestimmte Stilrichtungen der Kunstgeschichte sind. Ich wollte auf verschiedene Art und Weise zeigen, wie Gesellschaft und Kunst die weibliche Schönheit im Lauf der Jahrhunderte dargestellt haben. Alle meiner bekannteren Arbeiten beinhalten einen Verwandlungs- und Transformationsprozess, den ich mit einem "Morphing Programm" herbeiführen konnte.

Wovon lassen Sie sich inspirieren?

Zunächst wollte ich klassische Kunst so verwandeln, wie sie im 21. Jahrhundert attraktiv ist. Ich habe verschiedene Ideen ausprobiert, mich dann aber für die Verwandlung der Gesichter entschieden.
Erst wollte ich nur eine Epoche darstellen, zum Beispiel die Kunst der Renaissance. Aber dann habe ich mich entschieden, mit der Kunst aller Epochen, von da Vinci bis Picasso, zu arbeiten.

Halten Sie Ihren Film "Woman in Art" für Kunst?

Ja. Es mag eine einfache Idee sein, aber ich habe eben etwas geschaffen, was noch kein anderer vor mir gemacht hat.