J. Henry Fair - Ifa-Galerie Berlin

Wie fotografiert man Erderwärmung?

In den Fotografien des amerikanischen Künstlers J. Henry Fair vereinigt sich das Grauen industrieller Verwüstung mit der Schönheit abstrakter Kompositionen. Die Berliner Ifa-Galerie präsentiert in ihrer Gruppenausstellung "Schauplatz Natur: Tanz auf dem Vulkan" (bis 12. Oktober) neue ästhetische Katastrophen Fairs. art-Korrespondent Kito Nedo hat den Fotografen auf einen abenteuerlichen Flug nach Polen begleitet.
Wie fotografiert man Erderwärmung?:Ästhetische Katastrophen von J. Henry Fair

Der giftige Abfall, den J. Henry Fair hier fotografiert hat, entsteht bei der Herstellung von Düngemitteln in einem Werk in Szczecin (Stettin), etwa 120 Kilometer von Berlin

Die Berliner Auguststraße liegt noch in einem süßen Schlummer, als der New Yorker Fotograf J. Henry Fair aus seinem kleinen Hotel kommt. Es ist fünf Uhr morgens, das Taxi steht bereit, um uns zum kleinen brandenburgischen Flughafen Straußberg zu bringen. Fair bugsiert seine Fototasche in den Kofferraum, ein bisschen verschlafen, doch guter Dinge. "Ihr wisst gar nicht, worauf ihr euch eingelassen habt", witzelt der Amerikaner zu Beginn der dreiviertelstündigen Taxifahrt durch das erwachende Berlin und später durch das Brandenburger Umland.

13588
Strecken Teaser

Das schnelle Frühstück im Auto besteht aus einer Banane – von Kaffee und anderen Getränken hatte Fair abgeraten, denn während der bevorstehenden vier Stunden in der viersitzigen Cessna gibt es schließlich keine Gelegenheit, auf die Toilette zu gehen.

Seit fünf, sechs Jahren begibt sich Fair zu nachtschlafender Zeit auf seine Streifzüge mit Kleinflugzeugen und Kamera über Industriegebiete dieser Erde. Gezählt hat er seine Flüge nie. Morgens, wenn die Sonne noch tief steht, sind die Bedingungen oft ideal. Die Bilder, die er von seinen Rundflügen über Braunkohletagebauen, Papierfabriken, Düngemittelherstellern, Chemiefabriken oder Heizkraftwerken zurückbringt, vereinigen in sich das Grauen industrieller Verwüstung mit der Schönheit abstrakter Kompositionen, die in nie gesehenen Farben schillern.

Zwischen Umweltaktivismus, Kunstfotografie und Journalismus

"Industrial Scars" – "Industrielle Narben" oder "Oil & Water" nennt er die Serien, die dann in schmalen Katalogen veröffentlicht oder in Ausstellungen gezeigt werden, wie zurzeit in der Berliner Ifa-Galerie. Seine Hoffnung, so Fair, sei, dass sein Publikum, von der Schönheit seiner Bilder angelockt, anfange zu fragen, was dahintersteckt und welche Rolle sie selbst bei der ganzen Sache spielen. "Als Konsument hat man die Macht, die Dinge zu beinflussen", ist er sich sicher. "Wenn wir aufhören, umweltschädliche Dinge zu kaufen, wird die Industrie aufhören, sie zu produzieren." Den eigenen Standpunkt zu bestimmen, ist schon schwieriger: irgendwo zwischen Umweltaktivismus, Kunstfotografie, Journalismus und Datenerhebung.

Das Innere der Cessna, die schon auf dem Rollfeld in Straußberg bereitsteht, fühlt sich weniger komfortabel an als das Taxi, dass uns zum Flughafen brachte. Ohne großes Zögern startet der wortkarge Pilot die Maschine und zieht sie nach dem Start schnell nach oben. Bald schon glänzt unter uns die Oder, Fair will einige Fabriken und ein Heizkraftwerk auf der polnischen Seite fotografieren. Konzentriert dirigiert der Fotograf den Piloten, der in trichterartigen Schleifen die Anlagen umkreist, deren Koordinaten ihm Fair zuvor per E-Mail geschickt hatte.

Bei geöffnetem Fenster und den Sucher fest ans Auge gepresst, findet der Fotograf seine Bilder, von deren Abzügen er hofft, dass "die Leute sie nicht nur deswegen mögen, weil sie so gut zum Sofa passen". Immer wieder dirigiert Fair die Maschine über Kohle, rauchende Schlote und Müllberge, über riesige Abwassertanks und Gleisanlagen, auf denen Lastzüge auf ihre Be- oder Entladung warten. "Das sieht schön aus", ruft der Pilot plötzlich in sein Headphone, als drei Berge mit Produktionsabfall chemisch grün in der Morgensonne leuchten. "Ziemlich schöne Farben", stimmt Fair zu und drückt auf den Auslöser. "Wie fotografiert man Erderwärmung?", hatte er vorhin im Taxi noch gefragt. Der Antwort ist er nun ein Stück näher.

"Schauplatz Natur: Tanz auf dem Vulkan"

Termin: bis 12. Oktober, Ifa-Galerie, Berlin. Gruppenausstellung mit Arbeiten von: J. Henry Fair, Sarnath Banerjee, Barbara Blasin, Eva Castringius, Nikolaus Geyrhalter, Sabine Gisiger, Laura Kikauka, Alexander Ugay, Frank Westerman, ZITABL.
http://cms.ifa.de/?id=5073