Daniele Buetti - Interview

Firmennamen sind wie unsere guten Kumpel

Der Schweizer Künstler Daniele Buetti wurde durch seine Kugelschreibertätowierungen, mit der er die aggressive Medienmaschinerie und den Konsumzwang reflektierte, bekannt. Für seine neuen Arbeiten kombiniert er nun auf abenteuerliche Weise mittelalterliche Stiche, Votiv- und Pressebilder. art sprach mit Buetti über sein Spiel mit Marken, die Aura der Zerstörung – und Kurt Cobain.

Herr Buetti, Ihr Ausstellungstitel "Maybe You Could Be One Of Us" beschreibt das ambivalente Versprechen, mit dem die Welt der Marken immer wieder aufs Neue die auf Distinktion und Zugehörigkeit bedachte Kundschaft ködert. Wie begann ihre kritische Auseinandersetzung mit der Konsumgesellschaft und warum haben Sie angefangen, Models zu "tätowieren" – sind wir alle nur Träger kapitalistischer Brandzeichen?

Daniele Buetti: Mir ging es dabei um grundsätzliche Fragen, die am Anfang meiner Arbeit standen. Eine Frage, die mich stets begleitete, ist, warum das Individuum selten in der Lage ist, sich ein eigenes Urteil der Welt zu bilden. Das ist immer zentral gewesen.

Wir kennen etliche Experimente, in denen das Individuum durch eine größere Gruppe stark beeinflusst wird. Und je größer die Gruppe, desto stärker ihr normativer Einfluss. Das kennt man auch aus dem Berufsleben. Und heute üben Werbung, Modeindustrie, Konsumgesellschaft diesen Einfluss auf uns aus. Aber ich denke, dass es schon immer so gewesen ist.

Aber haben sich unsere Werte denn nicht verändert?

Natürlich gibt es einen Wertewandel: In der Antike ging es um Erkenntnis, im Mittelalter um den Glauben und später in der Neuzeit um die individuelle Freiheit. Es ging um Werte wie Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, und im 20. Jahrhundert ist der höchste Wert das Eigentum gewesen. Und zumindest für unsere so genannte "erste Welt" würde ich mir wünschen, dass wir zu einem Postmaterialismus gelangen, weil wir eigentlich schon alles haben. Aber als Künstler würde ich mir nie anmaßen, Antworten zu haben. Ich sehe meine Aufgabe darin, Fragen zu stellen. Und bestimmte wiederkehrende Fragen lebendig zu halten – mit unseren heutigen formalästhetischen und technologischen Möglichkeiten.

Und wann haben Sie mit den "Tätowierungen" angefangen?

Nachdem ich anhand des von mir selbst entworfenen "Flügelkreuzes" alle Möglichkeiten vom Symbol bis zum Markenlogo durchdekliniert hatte, habe ich mit den "Tätowierungen" 1994 in New York – wo Zeichen eine unglaubliche Präsenz haben – im Rahmen eines Atelierstipendiums angefangen. Meine erste Arbeit fand im öffentlichen Raum statt: Ich hatte einen behelfsmäßigen Stand aus Pappe mit Fotos von Kugelschreiber-Zeichnungen auf Haut und kleine Flaggen der wertvollsten multinationalen Konzerne – Coca Cola, General Motors, IBM, Phillip Morris und so weiter. Diese Logo-Tattoos habe ich auch für einen Dollar angeboten. Leider lief das Geschäft sehr schlecht, und so bin ich nach zwei, drei Monaten zurück ins Atelier gegangen. Das war eine interessante Zeit, Mitte der Neunziger: Die sozialistischen Utopien waren zusammengebrochen, und Religion galt noch als Privatangelegenheit. Dazu gab es eine Jahrhundertende-Stimmung, wie sie immer wiederkehrt – in dieser Situation entdeckte das Ich den eigenen Körper als öffentliche Bühne. In New York war das sehr fühlbar, und das hat mich auf soziokultutureller Ebene immer mehr interessiert. In dieser Zeit sind dann die Werkgruppen "Looking for Love" und "Good Fellows" entstanden.

Und warum dieses ständige Spiel mit den multinationalen Marken?

Die großen Firmennamen sind wie unsere guten Kumpel. Sie begleiten uns ein Leben lang! Von der Geburt bis zum Tod – Coca Cola ist immer da. Und man vertraut ihnen ja auch. Natürlich habe ich als kritischer Jugendlicher in den siebziger Jahren die Konzerne als Ausdruck imperialer Politik kritisiert, aber irgendwann ist mir dann auch aufgefallen, das es ein komplexeres Spiel ist, das zwei Positionen braucht. Dieses Spiel war immer wichtig für mich – der extreme Wiener Aktionismus, bei dem man kathartische Erfahrungen macht, hat mich nie interessiert. Ich liebe das "So-tun-als-ob" – daher blieb es beim Kugelschreiber. Und natürlich ist es auch schön, mit kleinem Aufwand eine große Wirkung zu erzielen. So kommen wir auch zurück zum Bedürfnis der Gruppenzugehörigkeit. Jeder Mensch hat dieses Bedürfnis, egal ob es um eine Kirche, einen Fußballverein, eine politische Gruppierung oder eine Marke geht. Im Prinzip ist das egal. Man möchte nicht alleine sein mit sich und der Welt.

In Ihrer neuen Ausstellung "Snowflakes over a Burning House" bei Haunch of Venison in Zürich entdecken Sie das Mittelalter als Inspiration. Was fasziniert Sie daran – leben wir gar im Angesicht neuer Kreuzzüge, grassierenden Aberglaubens und öffentlicher Selbstgeißelung schon in einem neuen "dark age"?

So weit würde ich nicht gehen. Die Klammer schließt sich auf einem anderen Weg: In der Ausstellung gibt es Bilder, die an mittelalterliche Stiche erinnern, Votivbilder und aktuelle Pressefotos. Das ist der Fundus. All dies verdichtet sich für mich zu einem zeitgenössischen Genrebild. Dazu soll der Titel eine gewisse Labilität entstehen lassen – einerseits etwas extrem idyllisches, beruhigendes, andererseits das brennende Haus. Eine Widersprüchlichkeit, die mich immer begleitet. Ein Wechselspiel zwischen der Zerstörung von Oberfläche und dem Generieren von Inhalt und Aura. Und natürlich reflektiere ich in meiner Arbeit mein Umfeld auch immer mit: Wie sind die kulturellen, ökonomischen, sozialen Bedingungen? Und genau so widersprüchlich ist eben auch die Schweiz. Dieses Bild der Aufrichtigkeit, das man Jahrzehnte gehabt hat, geht spätestens seit den Neunzigern zugrunde. Auch wenn diese Phänomene nicht Teil der aktuellen Ausstellung sind, fließen sie immer wieder in meine Arbeit ein – beispielsweise 2003 in Zürich, wo ich im Helmhaus die Arbeit "Auf allen Knien" gemacht habe, die stark in diese Richtung interpretiert wurde.

"Smells Like The End of Revolution" nannten Sie – auf den Sänger der Grunge-Band Nirvana, Kurt Cobain, und die Vermarktbarkeit von Rebellion anspielend – eine Show in Innsbruck. Sind Sie desillusioniert von der jungen Generation, oder wie erleben Sie diese in ihrer Klasse an der Kunstakademie Münster?

Ich muss natürlich versuchen, mich selbst in dieses Alter zurückzuversetzen – und wenn es mir gelingt, erlebe ich sie genau so, wie ich mich selbst damals erlebt habe. Generell sehe ich keine Unterschiede. Klar gibt es generationsspezifische Fragestellungen. Die sind im Einzelnen unterschiedlich. Aber um auf Kurt Cobain zurückzukommen: Ich hatte das Faksimile der Tagebücher durchgeblättert, und es war immer wieder schön zu erfahren, wie genau er dieses postpubertäre Moment exemplarisch durchlebt und formuliert hat. Es ist die Zeit, in der man eine unendliche Wut auf die Welt und eine endlose Energie hat, einen riesengroßen Drang nach Veränderung und ein ziemlich ausgeprägtes Ego – und all das ist ein wahnsinnig schönes Potenzial. Nun gilt es, dieses Potenzial zu verwerten. Das ist immer die große Herausforderung der Jugend. Was mache ich? Wie gehe ich mit der Energie um? Manchmal geht sie nach außen, manchmal ist sie auch autodestruktiv. "Verwertung" ist dabei gar nicht im Sinne
gesellschaftsfähiger Produktivität gemeint, es geht um diese kreative Energie, die immer auch gefährdet ist, genau wie der gesamte kreative Mensch. Das habe ich bei Cobain wiederentdeckt.

Gleichzeitig hat er dadurch die Marke "Nirvana" und das massenkompatible "Grunge"-Konzept geprägt. Haben Sie selbst manchmal Angst, dass auch Ihre Kunst zur Marke werden könnte und tragen Sie nicht auch gelegentlich Markenkleidung?

Nein und nein, das hat mich nie interessiert.

Daniele Buetti

Termine: "Snowflakes over a Burning House", bis 11. Oktober, Haunch of Venison Zürich. "Maybe You Can Be One of Us", 5. Oktober bis 23. November, Kunsthalle Recklinghausen; "Maybe You Can Be One of Us", 5. Oktober bis 30. November, Kunstmuseum Mühlheim an der Ruhr.
http://www.haunchofvenison.com/en/#page=zurich