Die Tropen - Berlin

Im Reich der Paradoxe

Bei den früheren Stationen der Schau in Brasilia und Rio de Janeiro wurden mehr als eine halbe Million Besucher gezählt. In Deutschland ist sie jetzt zum ersten Mal zu sehen – mit 280 alten und neuen Kunstwerken, Skulpturen und Fotografien aus den Regionen zwischen dem nördlichen und dem südlichen Wendekreis.

Der Äquator bildet die Mitte der Weltkugel. Zwischen dem Wendekreis des Krebses und dem Wendekreis des Steinbocks, zwischen 23. nördlichem und 23. südlichem Breitengrad, liegen die Tropen, zugleich Utopia westlicher Sehnsüchte und Alptraum abendländischer Zi­vilisation.

Denn die Tropen sind ein Reich der Paradoxe, hier ist die Natur am reichsten und der Mensch am ärmsten, es ist die einzige Weltregion, in der sich die Alltagskultur im Laufe der letzten Jahrhunderte vor allem in ländli­chen Gebieten kaum verändert hat, während in Metropolen wie Rio de Janeiro, Kinshasa oder Hongkong die Einwohner zu ersticken drohen.

Das von Gegensätzen und Anachronismen geprägte Leben am tropischen Na­bel der Welt folgt seinen eigenen Rhyth­men, Farben, Gesetzen; es ist uns trotz der Entdeckungsarbeit von Forschern wie Alexander von Humboldt oder Claude Lévi-Strauss bis heute fremd geblieben. Deswegen bleiben die Tropen Projektionsfläche der Träume von Zivilisationsflucht und Wahrheitssuche.
Genau dieser Mystifizierung der Tropen geht eine von Alfons Hug, dem Leiter des Goethe-Instituts in Rio de Janeiro und Ausstellungsmacher, initiierte Ausstellung nach, die den Mythos Tropen durch Kunst nicht rational zu erklären, aber zu illustrieren versucht, indem sie alte Stammeskunst mit Werken zeitgenössischer Künstler in Beziehung setzt.

Rund 200 Arbeiten meist anonymer Künstler aus den Beständen des Berliner Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst stehen in fünf thematischen Kapiteln, etwa zu Natur, Politik, Farbenpracht oder urbanem Drama, Malerei, Fotografie, Installation und Multimedia von rund 40 Gegenwartskünstlern gegenüber. Diese stammen teilweise selbst aus tropischen Länden, teilweise setzen sie sich kritisch mit unserer Tropenerwartung auseinander. So hängen Dschungelfotos von Thomas Struth oder Candida Höfers Aufnahmen von in Zoos gehaltenen Giraffen neben Plastiken aus Westafrika, die einen noch unschuldigen Umgang eingeborener Künstler mit Natur und Gott­heiten zeigen, bevor die Tropen zur Dritten Welt verkamen. Der in Berlin lebende Peruaner Fernando Bryce zeichnet lokale Idole nach, der Kölner Marcel Odenbach oder der Peruaner David Zink Yi zeigen afrikanische und südamerikanische Realität im Video.

Von Malern wie Franz Ackermann oder Beatriz Milhazes stammen abstrakte Großformate, die mit dem angeblich typisch tropischen Überfluss von Farbe und Form spielen. Masken aus Sumatra oder Guinea wechseln ab mit Multimedia-Installationen, etwa des Brasilianers Rober­to Cabot, der unter seine Liveaufnahmen von Webkameras aus tropischen Städten von Kalkutta bis Singapur auch Bilder von falschen Tropen mischt, zum Beispiel aus dem Spaßbad „Tropical Islands“ in der um­gewidmeten „Cargolifter“-Halle in Brandenburg.

Ausstellung "Ansichten von der Mitte der Weltkugel"

Termin: 12. September bis 5. Januar, Martin-Gropius-Bau, Berlin
Katalog: "Die Tropen. Ansichten von der Mitte der Weltkugel", Kerber Verlag, 45 Euro
http://www.goethe.de/tropenausstellung