Ayse Erkmen - Hamburger Bahnhof Berlin

Zitieren, markieren, reflektieren

Die türkische Konzeptkünstlerin Ayse Erkmen macht in ihrer umfangreichen Werkschau im Hamburger Bahnhof Berlin, die Fußnoten zum Eigentlichen. Warum auch aus vielen klugen Randbemerkungen keine gelungene Retrospektive gelingt.

Ayse Erkmen setzt ihr Zeichen vorsichtig. Das Terrain der 1949 in Istanbul geborenen, gelernten Bildhauerin ist die Sorte Kunst, die man als ortsspezifisch bezeichnet, und für die man eher Vokabeln wie "Eingriff" bemüht, als von "Werken" zu sprechen.

Berlin, wo sie 1993 ein DAAD-Stipendium absolvierte, trägt einige dauerhaften Spuren solcher Eingriffe: Eine Hausfassade in Kreuzberg beschriftete sie mit türkischen Verb-Endungen, für ein Berliner Kraftwerk entwarf sie "Warme Bänke" aus von Abwärme beheizten Metallröhren, die die Eingeweide des Baus nach außen zu stülpen scheinen. Von vergänglicherer Schönheit war ihre Aktion für die "Skulptur Projekte Münster" 1997, wo sie, nach der Ablehnung irgendwelcher Interventionen am Dom durch den Domprobst, Steinskulpturen aus dem Landesmuseum an Hubschraubern über dem Domplatz schweben ließ wie vorbeifliegende Engel.

Und auch von "Shipped Ships" 2001 in Frankfurt bleibt nichts als Fotos und Erinnerungen: Damals ließ sie für die Kunstreihe "Moments" mit Kunst im öffentlichen Raum der Deutschen Bank drei Fähren aus Italien, Japan und der Türkei mitsamt Crew nach Frankfurt bringen und dort für fünf Wochen ihren Dienst versehen, als internationaler Perspektivwechsel für alle Beteiligten. Wie aber lässt sich aus dieser Arbeitstechnik, aus Erkmens klugen Kommentaren auf Ausstellungspraxis und Künstlerrolle, aus ihren Reflexionen über die mögliche Rolle von Kunst im öffentlichen Raum eine Retrospektive basteln?

Werke und Projekte neu inszenieren

Dass das nicht ganz einfach ist, merkt man schnell, wenn man nun im Hamburger Bahnhof in Berlin die bislang größte monographische Erkmen-Ausstellung sieht. "Weggefährten" heißt die Schau: Sie will Werke und Projekte, die die Künstlerin in den letzten zwei Jahrzehnten begleitet haben, zitieren, neu inszenieren, wieder hervorholen. Bei ihrer ersten Ausstellung für den DAAD 1993 hatte Erkmen in dessen Villa die Neonröhren aus der Decke geholt und in den Raum gehängt. Jetzt hat der erste Durchgangsraum des Ostflügels des Hamburger Bahnhofs auf diese Weise seine Eingeweide geöffnet, und der Besucher muss durch ein Labyrinth von Leuchtmitteln hindurch, die von der Decke hängen.

Im nächsten Raum geht die Untersuchung der materiellen Grundlagen des White Cube weiter, wenn sich langsam eine der Wände auf die Besucher zubewegt und wieder weg. Hier ist die Auseinandersetzung mit den Museumsräumen noch nicht zu Ende: Mit dickem schwarzen Teppich, aus denen Flächen ausgeschnitten wurden, markiert Erkmen in einem weiteren Raum das historische Bodenmuster. Und auch an der Fassade des Hamburger Bahnhofs hat sie eine zarte Signatur hinterlassen: Linien aus Metall durchkreuzen die alte Bahnhofsuhr und die korrespondierende Schmuckrosette, bescheidene Zusätze zu der von Dan Flavins Leuchtröhren dominierten Museumsfront.

Eine Ausstellung, die Fußnoten zum Eigentlichen macht

Nachdem dann auch noch die Sicherheitsschleuse zur Kenntnis genommen wurde, mit deren Hilfe die Besucher sich selbst über ihre Passage in die Museumsräume bewusst werden sollen, ist also der Museumsraum als solches in alle möglichen Richtungen markiert, reflektiert, ins Bewusstsein gehoben – und man bekommt das Gefühl, durch eine Ausstellung zu wandeln, die Fußnoten zum Eigentlichen macht. Es sind die Videos im ersten Stock, die – neben einem ausgestopften Weißschwanzgnu, der alle zehn Minuten den Besuchern freundlich auf Schienen entgegen fährt – die Leerstelle füllen müssen. Die Videoarbeiten allerdings sind nicht gerade der Bereich, in denen Erkmen Atemberaubendes leistet, sondern eher eine Sammlung bescheidener Ideen, vom brüllenden Metro-Goldwyn-Meyer-Löwen bis zum Sohn Emre, der vor neutral weißer Kulisse zu einem französischen Lied über Istanbul tanzt, in hübscher, aber auch von anderen ausreichend durchdeklinierter Identitätsbastel-Stimmung.

Im Treppenhaus hängt dann noch die Skulptur "Netz" von 2006, ein Wasserfall aus zusammengeknoteten grün-weißen Kleidungsetiketten, die als "Marke" den Namen der Künstlerin vorweisen. Mit ihrer Signatur mag Ayse Erkmen nur ironisch spielen, ansonsten ist ihr Markenzeichen die kluge Randbemerkung. Das führt im öffentlichen Raum oder auf Gruppenausstellungen immer wieder zu poetischen Situationen und guten Interventionen – nachzulesen jetzt auch in dem Katalog zur Ausstellung, der als längst fälliges Werkverzeichnis funktioniert. Aber in diesen Museumsräumen mögen sich die vielen Flüchtigkeiten einfach nicht zu einer überzeugenden Retrospektive versammeln.

"Ayse Erkmen: Weggefährten"

Termin: bis 11. Januar 2009, Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin. Der Katalog ist erschienen im Verlag der Buchhandlung Walther König.
http://www.smb.museum/smb/kalender/details.php?objID=14771&lang=de&typeId=10