Henri Matisse - Staatsgalerie Stuttgart

Menschen, Masken, Modelle

Die Staatsgalerie Stuttgart widmet sich in ihrer Ausstellung "Matisse – Menschen, Masken, Modelle" den Porträts des französischen Malers Henri Matisse. Die Höhepunkte: frühe Selbstporträts und die kubistischen Formexperimente.

Natürlich ging es nicht um Biologie. Nicht um schlichte Physiognomie oder die "organisch genaue Wiedergabe", wie Henri Matisse es nannte. Er wollte "Gefühl". Wenn er Frauen male, so suche er nach einer "Beziehung zum Modell". Das ist kühn geschwindelt. Zumindest legt die Ausstellung "Matisse – Menschen, Masken, Modelle" in der Staatsgalerie Stuttgart das Gegenteil nahe: Matisse ging es gerade nicht um Individualität und Ausdruck, nicht um Schönheit und Anmut, sondern allein um die Malerei.

Auch wenn seine Modelle mehr von den Launen des Meisters mitbekamen als die meisten seiner Weggefährten, auch wenn sie um seine Panikattacken und Schlafstörungen wussten, in den zahllosen Porträts, die Matisse im Lauf seiner Karriere verfertigte, ist die persönliche Beziehung zu den Modellen das Nebensächlichste. Mehr als hundert Exponate haben der Direktor Sean Rainbird und die Kuratorin Ina Conzen nun in der Staatsgalerie Stuttgart zusammengetragen, darunter hochkarätige Leihgaben aus aller Welt.

Die Rubriken lassen einen Schwerenöter ersten Grades vermuten. 1916 bis 1917: Laurette. 1917 bis 1927: Henriette. 1917 bis 1927 Antoinette. Dazu "Lydia und die anderen", die Spanierin, die Geigerin, die Pianistin, Mademoiselle L.L., die Ballerina und die Tänzerin. Doch was im unterkühlten Wechselausstellungsraum der Neuen Staatsgalerie präsentiert wird, ist keineswegs ein Streifzug durch die Amouren des Monsieur Matisse, sondern eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem mitunter spröden Genre Porträt. Nicht um Menschen geht es hier, sondern um formale Fragen – wie bei der "Algerierin" (1909), die in ihrem grünen Bademantel vor einer zweidimensionalen, ornamental angereicherten Fläche posiert. "Mademoiselle Yvonne Landsberg" gerät Matisse mit ihrem energisch wegstrebenden Pelz wie ein Paradebeispiel der futuristisch beschleunigten Welt.

Matisse wird im Lauf der Jahre lustvoller

Wenn Matisse 1906 "Marguerite lesend" malt, so zeigt er nicht das Psychogramm eines Kindes, sondern eine zentrierte Dreieckskomposition in Weiß und Rot. Nur selten spricht Leidenschaft aus den Bildern – wie ausnahmsweise bei "Laurette mit Kaffeetasse" (1917), die sich schnurrend auf dem Diwan streckt. Vielfältig, in der Qualität wechselhaft ist der Streifzug durch Matisse' Porträtkunst. Es gibt tolle Überraschungen wie die "Frau auf dem Hocker" von 1914. Verloren sitzt eine Frau im grauen Nirgendwo eines Innenraumes, in dem die Tragik der gesamten allzu menschlichen Existenz schwelt. Dann wieder versucht sich Matisse in der kubistischen Formzerstückelung.

Als er das Ehepaar Stein porträtiert, ahnt man, dass er die Tradition überwinden will, aber nicht weiß, in welche Richtung er gehen soll. Auch im zeichnerischen Werk entpuppt sich Matisse als erstaunlich mittelmäßig, als suchend, alle Möglichkeiten auslotend, hier brav gestrichelt, dort linkisch schraffierend. Dann wieder gelingt ihm ein schneller Wurf, eine prägnante Maske in Aquatinta oder eine schnelle Zeichnung, wie aufs Tischtuch geworfen, die in aller Reduktion doch das Wesentliche besitzt. Matisse wird im Lauf der Jahre nicht nur farbiger, sondern auch zupackender und lustvoller. Einige Interieurs erstellen zum Schluss den Zusammenhang zum legendären, geliebten Meister der ornamentalen Dekoration. Die Figur ist hier endgültig zur Staffage verkommen, die sich nun nicht mehr als Teil der Komposition zeigt, sondern konkret behaupten muss gegenüber Teppichmustern, Vorhang- und Tischtuchdekors.

"Matisse – Menschen, Masken, Modelle"

Termin: bis 11. Januar 2009, täglich 10 bis 18 Uhr, Donnerstag 10 bis 21, Montag geschlossen.
http://www.staatsgalerie.de/aus_matisse/