Brüssel Biennale - Belgien

Wir sind reif für eine neue Ära

Die erste Brüssel-Biennale überrascht mit einem völlig neuen Konzept – und hat das Potenzial Berlin ernsthaft Konkurrenz zu machen. Manchmal wirkt sie noch unbeholfen, zuweilen auch unprofessionell, aber zumindest immer echt und ursprünglich.

Sprachenstreit, NATO und Europa – ja. Pralinen, ja. Rubens und van Dijk – auch ja. Aber zeitgenössische Kunst? "Dafür war in Brüssel bislang kein Platz", sagt die belgische Ausstellungsmacherin und Kuratorin Barbara Vanderlinden. "Es leben hier zwar viel junge Künstler, aber es gibt kaum Institute, wo sie mit ihren Arbeiten an die Öffentlichkeit treten können."

Was allerdings die längste Zeit so gewesen ist: Erstens kann die belgische Hauptstadt inzwischen gleich mit zwei jungen Kunstzentren aufwarten – neben der ehemaligen Elektrizitätszentrale an der Place Sainte-Cathérine mit der noch imposanteren, ehemaligen Wielemans Ceuppens-Brauerei, die 1930 als größte Europas gebaut wurde. Zweitens können diese beiden Institute ihre Position jetzt verstärken: denn ab sofort hat Brüssel auch eine Biennale für zeitgenössische Kunst zu bieten und soll einmal in zwei Jahren Kunstliebhaber aus ganz Europa anlocken. "Bald werden wir auch für junge Kunst zu einem Begriff und können uns mit Paris, London und Berlin messen!"

Dass der Start dieser Biennale exakt zusammenfällt mit dem Ende der Weltausstellung in Brüssel vor 50 Jahren, ist kein Zufall. Denn das Thema, mit dem sich mehr als 90 Künstler aus aller Welt auseinandergesetzt haben, sind die Versprechungen der Moderne: Was davon ist eingetreten, was hat sich in den letzten 50 Jahren getan? Wie hat sich Europa entwickelt und verändert?

Es geht nicht mehr um Länder, sondern um Netzwerke

Das wichtigste Modernisierungsprojekt, das Brüssel selbst seitdem durchgeführt hat, ist die Nordsüdachse der Eisenbahn – und genau dort liegen auch alle vier Orte, an denen die Biennale stattfindet: angefangen beim Zentralbahnhof und der Nationalen Bank über die Metrostation Anneessens bis hin zum ehemaligen Postzentrum am Südbahnhof mit seinen enormen Hallen.

"Die Berlin-Biennale begann 1997 in einem ehemaligen Postfuhramt!", betont Barbara Vanderlinden nicht ohne Grund. Denn wenn es nach ihr geht, wird Brüssel das Gegengewicht zur Berlin-Biennale: "Wir sind reif für eine neue Ära." Mit dem Organisieren der soundsovielten Biennale, darüber war sie sich im Klaren, würde sie dieses ehrgeizige Ziel nicht erreichen. Das würde dem biennalemüden Kunstfreund allerhöchstens ein Gähnen entlocken: "Selbst der Begriff Kurator ist ja inzwischen negativ geworden."

Selbst nennt sie sich lieber "Art Director". Denn Vanderlinden hat ausgetreten Pfade verlassen und setzt auf ein völlig neues Konzept: Es geht nicht länger um Länder und Nationen, sondern um Netzwerke. Es gibt auch keinen Kurator mehr, der Künstler auswählt. Statt dessen hat sie acht Institute und Museen damit beauftragt, Ausstellungen zu entwickeln: die Zentren für zeitgenössische Kunst Bak in Utrecht, Extra City in Antwerpen und B.P.S.22 aus Chaleroi, das van Abbemuseum in Eindhoven und das MuHKA in Antwerpen, die Künstlerinitiative L’appartement 22 aus Rabat in Marokko, das Bild- und Infozentrum Drik aus Dhaka in Bangladesh sowie das Witte de With aus Rotterdam, wo der deutsche Biennale-Kurator Nikolaus Schafhausen seit 2006 das Zepter schwingt.

Wuchtig-skulpturale und literarisch-poetische Beiträge

Er kann die Notwendigkeit von Vanderlindens Reform nur unterstreichen: "Wir wissen alle, dass es weltweit viel zu viele Biennalen gibt, das steht außer Frage." Aber dieses Konzept, da ist Schafhausen zuversichtlich, könne "Schule machen".

Denn das Ergebnis besticht durch seine große Vielfalt. Die acht Institute hatten die Möglichkeit, in aller Freiheit zu arbeiten, ohne in ein bestimmtes Format gepresst zu werden. Dadurch sind alle Aspekte und Stile vertreten, nicht nur Zeichnungen, Gemälde und Installationen, sondern auch Videos oder eindrucksvolle Fotografien, etwa aus dem politisch gespalteten Bangladesh, das sich am Rande eines Bürgerkriegs befindet. Es gibt literarisch-poetische Präsentationen wie der "Brief an König Leopold" von Extra City über die koloniale Vergangenheit Belgiens. Oder wuchtig-skulpturale Beiträge wie "Fuck architects" des Marokkaners Mounir Fatmi, der mit dem schwarzen Bandsalat von Videokassetten eine faszinierende Wolkenkratzerskyline Manhattans an die Wand zauberte.

Nicht alle Beiträge sind erwartungsgemäß gleichermaßen stark. Aber überdurchschnittliche viele überraschen durch ihren verspielten, experimentellen Charakter – allen voran "Once is nothing" von Bak und dem van Abbemuseum, "Einmal ist keinmal": Statt vor Kunstwerken steht der ratlose Besucher vor weißen Wänden – alles, was von einer herkömmlichen Ausstellung übriggeblieben ist, sind die Hinweisschildchen. Sie stammen von der Ausstellung "Individual Systems", die Igor Zabel 2003 für die Biennale von Venedig machte. Normalerweise versucht jede Biennale die andere zu übertrumpfen und die Erinnerung daran auszulöschen. "Once is nothing" will das Gegenteil: die Erinnerung an eine vergangene Schau wieder lebendig machen. Ein kleines Buch hilft dem Gedächtnis der "Betrachter" dabei auf die Sprünge. Darin stehen zu jedem fehlenden Bild an der Wand eine Erklärungen plus die Abbildung.

"Don’t tell me, show me!"

Zu den stärksten und gesellschaftskritischsten Beiträgen gehört die Schau des Witte de With. Die Versprechungen der Moderne werden gleich zu Beginn auf eine große grauweiße Mauer reduziert: Sie ist so dick wie der israelische Sperrwall und die Berliner Mauer zusammen (die sich bei dieser Gelegenheit als erstaunlich schmal entpuppen) und so hoch, wie die Differenz zwischen den beiden. Hinter ihr setzen sich die verschiedensten Künstler mit der Geschichte der Modernität auseinander: So zeigt die Belgierin Edith Dekyndt das Bild einer transparenten, im Wind flatternden Fahne, entleert von jeglicher nationaler Symbolik – ein streng formales, aber zugleich auch hochpolitisches Werk. Und der Münchner Olaf Metzel kommentiert die Kopftuchdebatte: Seine Skulptur "Turkish Delight" zeigt eine nackte junge Frau, die aufgrund ihres bedeckten Kopfes signalisiert, dass sie sexuell nicht zur Verfügung steht.

Hinweise oder Jahreszahlen zu den Werken fehlen, die Besucher sollen sich völlig unbelastet dem Sehgenuss hingeben können: "Normalerweise wird ja immer erst etwas erklärt oder muss man etwas lesen, bevor man guckt", klagt Witte-de-With-Kurator Florian Waldvogel. "Das finde ich völlig falsch!" Seine Schau will das durchbrechen, deshalb auch der Titel: "Don’t tell me, show me!" Einige seiner Kollegen hätten sich das zu Herzen hätten nehmen sollen: Viele Texte im Katalog sind nicht nur ellenlang, sondern auch völlig hochgestochen und unverständlich formuliert. Einem breiten Publikum wird damit die Hemmschwelle vor zeitgenössischer Kunst mit Sicherheit nicht genommen.

Wobei ausländische Besuchern zuweilen Mühe haben, diese Schwelle überhaupt erst einmal zu finden. Besondere Gründlichkeit jedenfalls darf man von den Biennale-Organisatoren nicht erwarten, an Wegweisern wurde gespart. Die Ausstellung im unterirdischen Metro-Kulturzentrum Anneessens mit utopischen Stadtmodellen und Entwürfen findet nicht jeder auf Anhieb, aufgeben allerdings wäre eine Sünde – denn die Visionen von Luc Deleu, Juliaan Schillemans und Le Corbusier sind faszinierend. Sparen sollte man sich lieber die Nationale Bank. Der Beitrag dort enttäuscht, was allerdings nicht an der Qualität, sondern an der Quantität liegt, denn was als Schau angekündigt wird, entpuppt sich lediglich als eine einzige, wenn auch große Spiegelskulptur.

Brüssler Kunstszene ist wie ein roher Diamant

Im Zentralbahnhof hingegen ist Aufpassen angesagt: Diese Schau könnte vielen entgehen, weil sie zu unauffällig ist. In den schmucklosen Bilderrahmen auf den Bahnsteigen, wo normalerweise Reklame prangt, zeigt das venezolanisch-belgische Künstlerduo Carla Arocha und Stephane Schaenen Detailaufnahmen vom Bahnhof selbst: Treppenstufen und -geländer zum Beispiel. Eine wunderschöne, fast poetische Idee, die das Auge wieder auf das lenken soll, was man nicht mehr sieht, weil man es tagtäglich sieht. Doch Brüssels Pendler werden morgens und abends achtlos daran vorbeirauschen.

Der Biennalebesucher hingegen sollte sich Zeit nehmen. Nicht zuletzt wegen des Rahmenprogramms, mit dem neben dem Palast für Schöne Künste auch viele unbekannte Kunst- und Medienzentren aufwarten – und natürlich auch die ehemalige Wiels-Brauerei: Vom 29. November bis zum 22. Februar 2009 präsentieren sich dort erstmals gemeinsam rund 20 junge belgische Künstler, denen im Gegensatz zu Luc Tuymans der Durchbruch noch nicht gelungen ist.

Eines steht fest: Ohne Pioniersgeist lässt sich die Brüssler Kunstszene nicht erobern. Aber das ist auch gut so. Den Vorwurf jedenfalls, geleckt, gelackt und aufgesetzt zu sein, braucht sie sich im Gegensatz zu Berlin jedenfalls nicht gefallen zu lassen. Dafür hat sie das Potenzial, Berlin ernsthaft Konkurrenz zu machen: Die Brüssler Kunstszene ist wie ein roher Diamant, der noch geschliffen werden muss. Manchmal wirkt diese Biennale noch unbeholfen, zuweilen auch unprofessionell, aber zumindest immer echt und ursprünglich.

Brüssel-Biennale

Termin: bis 4. Januar 2009, Dienstag bis Sonntag 10-18 Uhr, Post Sorting Center, Anneessens-Metrostation, Station Bruxelles-Centrale, National Bank of Belgium, Brüssel, Belgien.
http://www.brusselsbiennial.org/