Radar - Marion Ackermann

Marion Ackermann über Emily Wardill

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Aktuelle Lieblingskünstlerin von Marion Ackermann: Emily Wardill

Emily Wardills 16 mm-Werke entfalten einen magischen Sog. Sie sind anspruchsvoll, fordern und überfordern. Denn der Betrachter versucht mit der Komplexität der Bilder, deren Überlagerungen, einer Überfülle an Informationen, einer fast schmerzhaften sinnlichen Präsenz und einem Hin- und Hergeworfensein zwischen Text, Bild und Klang zurecht zu kommen. Allein schon der unübersetzbare Titel einer im letzten Jahr entstandenen Filmarbeit verweist auf ihre Arbeitsweise der Addition unterschiedlicher Elemente im Prinzip der Collage: »Sick Serena and Dregs and Wreck and Wreck«. Dieses Werk sah ich in der Ausstellung »Weder Entweder Noch Oder« im Württembergischen Kunstverein Stuttgart – und war verwirrt, fasziniert und euphorisch. Ausgangspunkt für Emily Wardills Arbeiten ist jeweils ein Bild, das im Kontext ihres Werkes zur Metapher wird. So wie es in »The Diamond (Descartes’ Daughter)« ein Diamant ist, der durch ein Lasersystem geschützt ist, sind es in »Sick Serena and Dregs and Wreck and Wreck« mittelalterliche Glasfenster, deren Motive von Bleistegen zerschnitten sind. Rein formal betrachtet geht es in beiden Fällen um das segmentierte Bildfeld, die mächtige, alles überlagernde Linie und eine schillernde Farbigkeit des Lichts. Unterlegt von chorischen Gesängen werden in rhythmischem Wechsel Ausschnitte aus Glasfenstern sichtbar, in harten Brüchen sind tableaux vivants dazwischengeschaltet, die in verschiedenartigsten formalen Analogien mit jenen verknüpft sind. Ein Leitthema ist die Berührung: Eine Hand wird über eine brennende Kerze gehalten, eine andere in Wasser getaucht, Füße werden mit den Händen gewärmt. Die Schauspieler sind in farbenprächtige Kostüme gekleidet und erscheinen in besonderes, oft farbiges Licht getaucht. Emily Wardill scheint auf ganz elementare Weise zu untersuchen, was ein Bild ausmacht, wie es zum Leben erweckt werden kann, welchen Anteil daran die subjektive Wahrnehmung und die Kraft der Suggestion haben. Es geht letztlich um die Frage, wie sich Wahrnehmung und Wirklichkeit miteinander verknüpfen. Ich finde es beeindruckend, dass sich Emily Wardill solchen philosophischen Themen mithilfe einer ganz eigenwilligen Montage aus bildlichen, textlichen, musikalischen und performativen Elementen widmet. Der Einfluss von Theater und Performance sind unverkennbar. Mir persönlich schossen unterschiedlichste Assoziationen aus dem Film- und Kunstbereich durch den Kopf: von Wim Wenders leitmotivischer Verwendung des Opals in »Bis ans Ende der Welt« oder der Atmosphäre in den Greenaway-Filmen bis hin zu dem Pathos von Bill Viola und den Posen bei James Coleman.
Obwohl die Filmprojektionen von Emily Wardill alles andere als minimalistisch sind, haben sie eine ungeheure Radikalität. Diese weist auch der jüngst entstandene 16 mm-Film »Sea Oak« (2008, 51 Min.) auf: Er kommt vollkommen ohne Bilder aus! Interviews aus der linksorientierten Denkfabrik »The Rockridge Institute« in Berkeley, Kalifornien, wurden aneinandergereiht.
Alle Werke von Emily Wardill kennzeichnet, dass Ansätze zur Narration identifizierbar sind, diese jedoch unvermittelt abbrechen und sich auflösen. Die Künstlerin arbeitet mit Elementen der Dramatisierung: So wird der gigantische Schatten eines sich drehenden, elektrischen Ventilators an eine rote Wand geworfen oder es tritt ein Mann auf, der einen exzessiv gelockten Bart hat.
Erwartungen werden geweckt, aber nicht erfüllt. Wir – die Betrachter – werden gefangen im Oszillieren zwischen Bild und Illusion, Erkenntnis und Konfusion, Vertrauen und radikalem Nicht-Wissen.