Peter Kogler - Wien

Ameise, Gehirn, Ratte und Röhre

Peter Kogler zählt zu den bekanntesten österreichischen Künstlern. Das Wiener Museum Moderner Kunst widmet ihm nun eine umfassende Werkschau mit über 100 Arbeiten von 1979 bis heute. Die Ausstellung ist ein faszinierendes Spiel mit Virtualität, Wahrnehmung – und Albinoratten.

Wer schon immer wissen wollte, was es mit den computergenerierten Arbeiten von Peter Kogler auf sich hat, kann in der aktuellen Ausstellung im Wiener Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig (MUMOK) einige Antworten finden. Kogler, am internationalen Kunstmarkt einer der erfolgreichsten Österreicher, zeigt in dieser Werkpräsentation seinen künstlerischen Werdegang und lässt Einblicke in die Entwicklung seiner Ideen und Themen zu.

Architektur, Raum und das Lebewesen, das organisiert und gruppiert auftritt, interessieren den Künstler schon zu Beginn seines Schaffens in den frühen achtziger Jahren. So begegnet man am chronologischen Anfang der Schau Motiven aus Stummfilmen der zwanziger Jahre, umgesetzt in schematisierte Kohlezeichnungen, die an ein Storyboard erinnern. Die Frühwerke beschäftigen sich mit Räumlichkeit, Perspektive und der zeichenhaften Umsetzung von Gegenständen. Jedoch sehr vereinfacht: Modelle aus Karton und Papier wirken teils wie kindliche Bastelarbeiten. So werden einem Haus mit Fenster-Augen und Tür-Mund menschliche Züge verliehen. Ein Aspekt, dessen Bedeutung in späteren Arbeiten noch klarer hervortritt. Die Figur des Menschen selbst wird in mannigfaltiger Wiederholung zum Ornament verarbeitet und trägt zur Gestaltung eines riesigen Bilderrahmens bei. Schnell wird klar, dass der Künstler im Spiel zwischen Natur und Technik, Organik und schematisierten Formen sein großes Thema findet.

Die nächste Station in der Kogler-Geschichte führt durch einen von Ameisen besetzten Gang zu großen Leinwänden. Diese fügen sich aus kleinen gleichformatigen Bestandteilen zusammen, um schließlich ein homogenes Gesamtes zu ergeben, ähnlich dem Stück-für-Stück-Auftragen einer Tapete. Kogler hat nun das perfekte Tool für die Umsetzung seiner künstlerischen Anliegen gefunden: den Computer. Die Maschine, die Natur generieren und virtualisieren kann, die nachahmt und gleichzeitig eine neue Art der Wahrnehmung evoziert. Das auf den ersten Blick ornamentale Bild aus einzelnen Sequenzen fordert das menschliche Auge heraus, etwas in ihm zu erkennen. Kogler selbst spricht dabei von dem natürlichen Drang des Menschen, in abstrakten Bildern Gesichter zu sehen. Und wirklich: Aus den einheitlichen Gewinden und Quadraten tauchen zwei Augen und ein Mund auf. Da ist es wieder, das Haus mit dem lustigen Gesicht!

Das Gehirn als begehbares Labyrinth

Röhren, Ameisen und Gehirne kann man als die wichtigsten Motive ausmachen, die der Künstler in den folgenden Jahren und bis heute verwendet. Wie sich Pixel aneinanderreihen, so ordnen sich auch die Ameisen, die auf den Wänden des Ausstellungsraumes Straßen und Röhrensysteme legen. Das wohlbekannte Insekt agiert als Sinnbild für das gleichgeschaltete Individuum in einer Organisation, für Konformität und Ordnung. Andererseits ist das Tier als häuslicher Störenfried und durchaus aggressiver Nahrungsvertilger eine lästige Komponente des Alltags. Das Gehirn, die zentrale Schaltstelle des Menschen, wird zum Labyrinth, das man in der Ausstellung sogar tatsächlich durchwandern kann, die Hirnwindung zur Rohrleitung, die ein entfremdetes Muster an die Wand zeichnet.

Der Witz an Koglers Arbeiten ist, dass die auf den ersten Blick einleuchtend einfach verwendeten Symbole und Sequenzen doch einen doppelten Boden erkennen lassen und die Wahrnehmung auf die Probe stellen. Der Betrachter spielt dabei als konstante Position eine wichtige Rolle, denn von ihm ausgehend wird ein begrenzter Raum in verschiedenen Schichten wahrgenommen. Das Auge liest das Davor und Dahinter und verarbeitet somit die vom Künstler geschaffenen Zeichen zu einem Bild. Dass der Raum um uns durch Koglers Interventionen nicht mehr nur Wand, Boden und Decke ist, wird besonders in der Bild- und Soundinstallation im ersten Geschoss der Ausstellung sichtbar. Man betritt einen Raum, der durch die Projektion von Rastersystemen seine Räumlichkeit komplett verloren hat. Der Betrachter steht mitten in der virtuellen Vernetzung, und siehe da: Die projizierten Flächen verändern sich. Dieser rauschartige Eindruck wird durch die verzerrte Sound-Untermalung noch verstärkt. Die konforme Ordnung wird durchbrochen, die verschiedenen Schichten der Wahrnehmung offensichtlich vorgeführt.

Beim Verlassen der Ausstellung zu abendlichen Stunden kann man noch beobachten, wie sich Albinoratten über die dunkle Fassade des MUMOK hermachen. Schön regelmäßig, in geordneten Bahnen. Also kein Grund zum Fürchten.

"Peter Kogler"

Termin: bis 25. Januar 2009, Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig, Wien. Katalog: 39 Euro
http://www.mumok.at/programm/ausstellungen/peter-kogler/

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