Madonna meets Mao - Dresden

Madonna meets Mao

Kunstbegegnung zwischen Ost und West: die Sammlung des Großindustriellen Pierre T.M. Chen aus Taiwan in Dresden.

Mit dem Gemälde "Tante Marianne" hatte alles begonnen. 1965 von Gerhard Richter nach einem Familienfoto gemalt, zeigt es den Künstler als Kind auf dem Schoß seiner jungen Dresdner Tante. Jahrzehnte später wurde publik, dass die an Schizophrenie erkrankte Marianne Schönfelder den Euthanasiegräueln der Nazis zum Opfer fiel. Durch diese Enthüllungen wurde das Bild unerwartet zu einer kritischen Ikone deutscher Vergangenheit.

Ein sehr deutsches Bild. Als es 2006 unter den Hammer kam, versuchte Martin Roth, Generaldirektor der Dresdner Kunstsammlungen, mitzubieten. Glücklos: Ein damals noch unbekannter Bieter aus Asien bekam den Zuschlag für 3,1 Millionen Euro. Das deutsche Bild schien für Deutschland verloren. Würde es jemals wieder in der Öffentlichkeit auftauchen? "Das Bild gehört nach Dresden", fand Roth und entdeckte es nach kurzer Zeit in der Sammlung des Elektronikmagnaten Pierre T.M. Chen in Taiwan. Es gab nur wenig Verhandlungsbedarf, und das Wunder geschah: Seit zwei Jahren befindet sich Richters Tante als Dauerleihgabe in Dresden.

Pierre Chen erwies sich als großzügiger Leihgeber, wenn auch nicht ganz uneigennützig. Denn noch bis Januar 2008 zeigen die Kunstsammlungen Dresden in ihrem noblen Lispiusbau Schlüsselwerke aus Chens Sammlung. Das kann man als Dankesgeste verstehen oder gar als ein Werben um den Sammler. Da ist zusätzlich der repräsentative Katalog in drei Sprachen, und zur Eröffnung ließ sich sogar Andreas Gursky blicken, der mit seinen Massenpanoramen "Madonna 1" und "Mayday IV" in der Kollektion vertreten ist. Madonna stand dann auch Patin für den poppigen Ausstellungstitel "Madonna meets Mao".

Höhepunkte der westlichen Nachmoderne

Die Alliteration soll, so die Ausstellungsmacher, die angestrebte Kunstbegegnung zwischen Ost und West illustrieren; zwei visuelle Kulturen sollen inspirierend aufeinandertreffen. Zum Ausklang des großen "China in Dresden"-Jahrs passt das vortrefflich. Das China-Projekt zog spektakulär vorüber, mit vier kapitalen Ausstellungen zwischen Tradition und Gegenwartskunst und in engem Schulterschluss mit Pekings Kunsthütern. Nach der Volkrepublik nun Taiwan, ohne Scheu vor diplomatischen Verstimmungen. Solche würden wohl nach den olympischen Spielen und anderen Verwirrungen auch gewichtigere Anlässe brauchen. Also Kulturbegegnung. Im benachbarten Dresdner Schloss läuft gerade eine solche, mit Erfolg. "Goldener Drache – Weißer Adler" nennt sich eine so zauberhafte wie gründlich konzipierte Präsentation, in der höfischer Prunk aus der Verbotenen Stadt und aus dem barocken Dresden miteinander verglichen werden. Die kostbaren Exponate werden dort treffsicher zueinander in Bezug gesetzt.

Doch wie steht es um Mao und Madonna, ergänzen sich diese vergleichbar schlüssig? Beim Betreten des Hauptraums wird der Besucher von Höhepunkten der westlichen Nachmoderne geradezu geblendet. So etwas, zumindest in dieser Dichte, hat man im – nicht gerade von Gegenwartskunst verwöhnten – Dresden noch kaum gesehen: Peter Doig trifft Mark Tansey an der Stirnwand, Gerhard Richter, Andy Warhol, Francis Bacon geben sich die Ehre, und auch Anselm Kiefer kann sich zentral und unkommentiert behaupten. Es sind die Westklassiker, die den ersten Eindruck bestimmen. Die groß angekündigte Gegenüberstellung der Kulturen bleibt leider völlig auf der Strecke. In engen Nebengelassen findet sich dann noch die eher bemühte Begegnung einer Richterschen Abstraktion mit dem informellen Werk des Pariser Exilchinesen Zao Wouki (*1921).

Mao als Motiv chinesischer Pseudopolitkunst

Bis er vor etwa 15 Jahren entschlossen mit dem Erwerb von Westkunst begann, sammelte Pierre Chen vornehmlich Werke von Landsleuten aus Taiwan und vom Festland, lässt sie aber in der Ausstellung nicht mit dem nötigen Selbstbewusstsein auftreten. Eine Entdeckung gibt es immerhin noch auf der oberen Galerie. Dort flankieren zwei gewohnt sparsame Arbeiten von Cy Twombly fast ätherisch einen pulvergeschwärzten Wandschirm von Cai Guo-Qiang (*1957). Eine schöne Konstellation, von deren Art man sich gerne noch mehr gewünscht hätte.

Selbst der titelgebende Mao, so beliebtes wie monotones Motiv chinesischer Pseudopolitkunst, wird von den Westlern Richter und Jose Maria Cano beansprucht. Vielleicht ist das aber auch gut so und letztlich ehrlich: Im Wesentlichen schien es bei dieser Ausstellung darum zu gehen, der exzellenten Auswahl westlicher Positionen, die Pierre Chen seit Anfang der neunziger Jahre für zweifellos astronomische Summen erworben hat, einen würdigen Rahmen zu geben. Das ist gelungen. Als Folge dieser strategischen Referenz an den kultivierten und großherzigen Mann aus Taiwan könnte es ja auch gelingen, "Tante Marianne" endgültig nach Dresden zu holen.

"Madonna meets Mao"

Ausgewählte Werke aus der Sammlung der Yageo Foundation, Taiwan. Termin: bis 11. Januar 2009, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Kunsthalle Lipsiusbau (Brühlsche
Terrasse). Katalog 19, 90 Euro.
http://www.skd-dresden.de/

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