Made in Munich - Haus der Kunst

Die Karnickel in der Kunst

Nach New York und London ist München heute ein Zentrum für künstlerische Editionen. Eine spannende Fortsetzungsgeschichte, die bis in die späten Sechziger zurückreicht und von familiären Kunsthändler-Verbandelungen erzählen könnte. Das Haus der Kunst bereitet nun die Münchner Editionen der letzten 40 Jahre auf, päsentiert sie aber lieblos wie ein Kaufhaussortiment.

Kunst, die sich alle leisten können – ein solches Versprechen kann nur aus den späten Sechzigern kommen. Aus einer gerade auch an den Akademien rebellischen Zeit der Happenings und Performances. Und natürlich war die gesellschaftliche Vermehrung des ästhetischen Glücks nur zu machen, indem man Kunstwerke vervielfältigte, aus ihrem Status des Einzigartigen und Exklusiven und Bürgerlichen holte.

Die Rede ist von der Erfindung des Multiples oder auch der künstlerischen Editionen jenseits herkömmlicher druckgrafischer Verfahren. München war ein frühes Dorado für die kunsthändlerischen Aktivitäten im Editionsbereich. Hier produzierte Joseph Beuys bereits 1970 seinen Film "Transsibirische Bahn", ehe er eine ganze Reihe von Multiples verlegen ließ. So ist es nur naheliegend, dass man diesem frühen München-Phänomen endlich mal auf die Spur kommt, zumal das Editionsgeschäft wegen des hohen Qualitätsniveaus hier nach wie vor blüht. Nach New York und London ist München heute der wichtigste Produktionsort für Editionen.

Im Haus der Kunst werden nun in der Ausstellung "Made in Munich" Editionen von 1968 bis 2008 gezeigt, darunter Multiples, Fotomappen, Videos, Plattencover, 16-Millimeter-Filme, Porzellan, Plakate, ja sogar eine komplette Sitzgruppe von Franz West. Und man reibt sich erst einmal die Augen. Dicht an dicht sind Auflagenwerke arrangiert, die weder formal noch ideell eine Liaison eingehen, außer dass sie vielleicht in ihrer jeweiligen Abteilung einer ähnlichen Zeit angehören. Ist das eine Verkaufsausstellung? Darf man sich seine Weihnachtspräsente hier gleich nach dem an der Wand ausgebreiteten Kunstwarenkatalog bestellen? Hier und da sieht man einen von Olaf Metzel mit einer unnachgiebigen Kunststoffdecke überzogenen Stehtisch in Knallrot aus der Edition "Red Party" (2008) herumlümmeln. Dummerweise aber sind die meisten Multiples aus der Pionierzeit wie etwa die wunderbaren Arbeiten von Blinky Palermo gar nicht mehr zu bekommen, es sei denn auf dem "Secondary Market".

Das Versprechen "Kunst für alle" hat sich nicht eingelöst

Wer nicht zu den Eingeweihten gehört oder sich in die Urgründe des in den Siebzigern fast schon verwandtschaftlich verbandelten Münchner Galeriewesens eingearbeitet hat, dürfte dieser basarartigen Ausstellung eher ratlos gegenüberstehen. Man mag nachvollziehen, wenn sich die an der Münchner Editionslegende Beteiligten jetzt gegenseitig auf die Schultern klopfen. Nichts gegen ein Familientreffen! Aber warum sollte man dabei unbedingt applaudierend zusehen, ohne irgendwie die Verschwägerungen erkennen zu können? Über einer Sektion zu den Siebzigern prangt die rätselhafte Überschrift "Stoffwechsel für Heiner Friedrich". Er war es vor allem, der mit seiner Münchner Galerie den hohen Standard für Editionen festlegte. Und so wünscht man sich, durchaus infiziert von dem spannenden Thema, eine Editionsausstellung, die Geschichten erzählt und nicht pure Masse ohne Beipackzettel addiert. Die zeigt, was heute gerade wieder im Editionsgeschäft möglich ist und damals vielleicht schon nichts als pure Seifenblase war. Das Versprechen "Kunst für alle" hat sich jedenfalls nicht einmal annähernd eingelöst. Vor allem dann nicht, wenn sie wie die Siebdruck-Serie "Kent State" (1970) von Richard Hamilton eine 5000er Auflage hatte. Sie lag wie Blei in den Regalen.

Jörg Schellmann war fast von Anfang an als Editionsgalerist mit dabei: "Meine Erklärung für den heutigen Erfolg ist: Die meisten Leute wollen einen berühmten Künstler besitzen, und die sind teuer. So bleibt vielen gar nichts anderes übrig, als eine Edition zu kaufen, wenn sie etwas Authentisches und schön Signiertes besitzen wollen". Die größte Wertsteigerung hat er bei Warhol erlebt: "Das hat sich verfünfzehnfacht. Ein Blatt das ursprünglich 3000 bis 4000 Mark gekostet hat, bringt heute um 25 000 Euro." Andy Warhol ist in der Ausstellung mit einer psychedelisch aufgeladenen "Geburt der Venus" frei nach Sandro Botticelli vertreten. Die Schaumgeborene schaut aber etwas traurig auf ihre karnickelhaft vermehrte Nachbarschaft. Und man kann es ihr auch gar nicht verübeln. Wer möchte schon als Pop-Diva zusammen mit schnöden Rosenthal-Porzellantassen ein Komplott bilden?

"Made in Munich. Editionen von 1968 bis 2008"

Termin: bis 22. Februar 2009, Haus der Kunst, München.
http://www.hausderkunst.de/

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