Sharon Lockhart - Wiener Secession

Gelähmte Arbeitswelt

Die Wiener Secession zeigt zum ersten Mal die neuesten Filme und dazugehörigen Fotoserien der US-Künstlerin Sharon Lockhart.

Als Sharon Lockhart 2007 ihre neue Arbeit "Lunch Break" recherchierte, sprach noch keiner von Kurzarbeit in der Automobilindustrie. Die Künstlerin nahm im amerikanischen Bundesstaat Maine den zerdehnten Pausenalltag von Werftarbeitern auf. Die Wiener Secession präsentiert nun erstmals den aufwändig hergestellten Zyklus aus Filmen und Fotografien. Ein Gleichnis zur wirtschaftlichen Ohnmacht der Gegenwart?

Bereits nach wenigen Minuten wird einem fast schwindelig. Schwer zu sagen, was der eigentliche Auslöser ist. Schließlich fährt die Kamera vollkommen ruhig den unendlich langen Gang einer Schiffswerft in Bath entlang. Es muss an der Zeitlupenaufnahme liegen, an den verzögerten Bewegungen der Arbeiter, die den Gang mit seinen antiquierten Spinden säumen. Oder vielleicht schlägt einem auch der metallene, gedämpfte von Stimmen und Musik untermischte Sound auf den Gleichgewichtssinn.

Sharon Lockhart hat in ihrem neuen Film "Lunch Break" nichts als die Mittagspause in einem Korridor der Werft Bath Iron Works im US-Bundesstaat Maine gefilmt – 80 Minuten lang. Und man kann sich schwer von der perspektivischen Sogfahrt der Kamera losen, auch wenn man weder sensationelle Begebenheiten vorgeführt bekommt noch jemals an das Ende des Korridors zu gelangen scheint. 42 Arbeiter sitzen meist für sich isoliert herum, lesen, dösen, essen und kramen in ihren Spinden. Kuriose Nebensächlichkeiten fallen ins Auge: in einer Ecke abgestellte Werkzeuge, verblasste Aufkleber an den Schränken, das Karo eines Flanellhemds, die Schnürsenkel von gleichsam bleischweren Schuhen.

Unter den Argusaugen der Künstlerin

Es ist ein Realismus, der wie aus der Zeit gefallen ist, der am Beginn des 21. Jahrhunderts eine historische Schiffswerft im Zustand ihrer Lethargie oder Ohnmacht zeigt. Der neue Film von Sharon Lockhart hatte eben in Wien Premiere, im Jugendstilgebäude der Secession. Selten gesteht man dort einem Künstler, einer Künstlerin die kompletten Ausstellungsräume über drei Stockwerke zu. Lockhart bespielt sie bei aller Strenge locker mit ihrem zweiten Film "Exit" sowie dazugehörigen Fotoserien.

Und wie immer, wie auch schon bei ihrem mit Jugendlichen in der kalifornischen Natur vorsichtig eingeübten Zyklus "Pine Flate" (2005) oder im berühmten Theater von Manaus gedrehten Film "Teatro Amazonas" (1999) geht der Arbeit eine minuiöse Langzeitrecherche voran. Ein Jahr soll die 1964 in Massachusetts geborene Künstlerin in der Schiffswerft recherchiert haben. Das sieht man den beiden Filmen vor allem insofern an, als sich die Arbeiter offenbar an die Argusaugen der Künstlerin gewöhnt haben und nicht weiter Notiz von ihr nehmen. Zwischen der Überwachung des Kameraobjektivs und der Nische zur Selbstinszenierung, entfalten die Arbeiten von Lockhart ihr Spannungsmoment.

Exotische Konzeptkunst

Exotisch aber sind vor allem die Lunchboxen der Bath-Werftarbeiter. Hier hat man es nicht mit den ordinären "Brottaschen" zu tun, sondern mit fast schon skulpturalen Objekten voller Schrammen und persönlicher Eigenarten. Lockhart nimmt die Lunchboxen wie eine Anthropologin mittels einer Fotoserie in drei Arbeitsschritten auseinander, prüft deren Inhalt auf Herz und Nieren. Die Aufnahmen sind in einem Studio entstanden, wie sie überhaupt meist mit Experten, auch Filmemachern und Komponisten zusammenarbeitet.

"Lunch Break" schildert eine von Umstrukturierungen betroffene Welt, in der nur Männer im arbeitsfreien Ausnahmezustand vorkommen und Frauen allein in der Abwesenheit existieren, höchstens im Arrangement der Lunchbox aufscheinen. Der wie in Lähmung begriffene Fließbandcharakter der Werft erzählt zugleich von dem Ende der industriellen Epoche. Lockharts Realismus ist gnadenlos objektiv und liefert doch genug Raum für Spekulationen. Sie zeigt, dass gute Konzeptkunst durch eine in ihrer Präzision fast schon mysteriöse Bildsprache überwältigen kann.

"Sharon Lockhart: Lunch Break"

Termin: bis 18. Januar 2009, Friedrichstraße 12, Secession, Wien.
http://www.secession.at/kunst/08_lockhart_d.html