Woh­nen in der Kunst - Wolfsburg

Zwischen Kunst und Gemütlichkeit

Das Kunstmuseum Wolfsburg widmet sich den menschlichen Wohnräumen der letzten 150 Jahre, beginnend beim Biedermeier bis zum modernen Design von heute.

Der moderne Architekt hat seinen Kunden gerne hinter Glas, der moderne Mensch aber liebt seine Rollos und Vorhänge. Der Streit zwischen privat und öffentlich schwelt seit den zwanziger Jahren, als Bauhaus-Architek­ten den Innenraum mit Panoramascheiben nach außen verlängern wollten, den Mietern Privatsphäre auf dem Präsentierteller aber unangenehm war.

Vergleicht man Bü­roneubauten und Einfamilienhaussiedlungen, dann wirkt zumindest in Deutschland der Zwist so unversöhnlich wie nie. Die einen sind Paradies für Voyeure, die anderen Wohnnester hinterm Jägerzaun.
In Wolfsburg wird die Spannung von Transparenz und Cocooning nun in einer großen Ausstellung auf dem Feld von Kunst und Design durchgespielt. Beginnend mit der Romantik und dem Biedermeier lädt die Themenschau "Interieur/Exterieur – Woh­nen in der Kunst" zu ei­nem Streifzug durch die Herausforderun­gen des modernen Stils ein – und zeigt dabei diverse Versuche den Widerspruch aufzulösen. Mo­derne Höhlenwelten wie Ver­ner Pantons "Visiona 2" von 1970 suchen den Kompro­miss in psychedelischen Formen. Werner Sobeks Wohnei aus Glas "R 129" experimentiert mit Offenheit und Rückzug durch intelligente Verdunkelungsfolien. Und Nachempfindungen von Walter Gropius’ Haus Muche oder Piet Mondrians Atelier zeigen, wie selbstbewusst der Baustoff Licht einen Raum gestalten kann.

Manie zu Entgrenzungen, Synergien und Umwertun­gen

Ein zweiter tragender Gegensatz der Ausstellung ist der von freier und angewandter Kunst. Obwohl die Manie zu Entgrenzungen, Synergien und Umwertun­gen dazu geführt hat, dass der Unterschied von Hoch- und Gebrauchskultur scheinbar obsolet geworden ist, will Kunstmuseums­direktor Markus Brüderlin, der die Schau kuratiert hat, die feine Trennung deutlich machen. Brüderlin ist sich durchaus bewusst, dass sich Kunst und Design in den letzten 100 Jahren näher gerückt sind, will die unterschiedlichen Qualitä­ten der zwei Disziplinen aber dennoch sinnlich darstellen: "Wir schaffen Analogi­en in Gegenüberstellungen, um den Besu­cher da­zu anzuregen, die Differenzen zu sehen."

Auf einem Parcours, der von dem Ausstellungsarchitekten Dieter Thiel im Rhythmus von geschlossenen und flexib­len Räumen gestaltet wird, stehen nun die Wohnkapseln der in Los Angeles leben­den Künstlerin Andrea Zittel im leichtgängigen Interieur von Jasper Morrison. Die amorphen Raumteiler von Ronan und Erwan Bouroullec werden kontrastiert mit einem Iglu von Mario Merz. Die minimalistische Malerei von Niele To­roni trifft auf die Ornamente der Wiener Sezession. Zahlreiche Künstler, die sich mit Interieur künstlerisch beschäftigt haben, sollen das Konfliktfeld von Kunst und Gemütlichkeit weiter ausloten. Von Edvard Munch über Donald Judd zu Matthias Weischer werden in Wolfsburg rund 70 Positionen der letzten 150 Jahre zeigen, was Wohnwelten über das menschliche Dasein zu erzählen wissen.

"Interieur/Exterieur – Woh­nen in der Kunst"

Termin: bis 13. April 2009, Kunstmuseum Wolfsburg. Katalog: Hatje Cantz Verlag, 39,80 Euro
http://www.kunstmuseum-wolfsburg.de