Antoni Tàpies - Porträt

Ich arbeite nach dem Zufallsprinzip

Er gilt zu den bedeutendsten zeitgenössischen Künstlern: Der katalanische Maler und Graphiker Antoni Tàpies feiert am kommenden Samstag seinen 85. Geburtstag.

Ein alter Pullover, Holzklötze, Stofffetzen: Die neuesten Bilder von Antoni Tàpies in der Madrider Galerie Soledad Lorenzo zeigen die ungebrochene Freude des spanischen Malers und Objektkünstlers am Experimentieren. Angefangen hat er damit schon als Kind. "In unserer Küche hatten wir eine Art Sand, um die Kochtöpfe blank zu polieren. Eines Tages kam ich auf die Idee, ihn mit Klebstoff zu vermischen", sagte er einmal.

Was damals eher ein Spiel war, wurde Hauptbestandteil seiner Arbeit: Erde, Leim und Marmorstaub bilden die Grundlage vieler der reliefartigen und oftmals düsteren Material- und Mauerbilder von Tàpies, der am kommenden Samstag (13. Dezember) 85 Jahre alt wird. Obwohl er als einer der größten Künstler der Gegenwart gefeiert wird, sieht sich der aus Barcelona stammende Maler selbst als "einfachen Amateur" an, der "immer noch auf der Suche nach dem perfekten Bild ist". "Im Grunde habe ich in meinem Leben nur ein einziges Bild mit unzähligen Variationen gemalt", gestand der Autodidakt mit abgebrochenem Jurastudium in einem Interview.

Selbst im hohen Alter und trotz seiner schwindenden Sehkraft und seiner Herzprobleme – im Sommer wurde ihm ein Herzschrittmacher eingesetzt – ist Tàpies ein Arbeitstier geblieben. Pro Jahr entstehen um die 60 Werke, mehr als 8000 sind es inzwischen insgesamt. Dabei geht er stets intuitiv vor: "Ich arbeite nach dem Zufallsprinzip. Wenn ich ins Atelier gehe, weiß ich nicht, was dabei herauskommt", sagte er kürzlich im Gespräch mit dem Kunsthistoriker Daniel Giralt-Miracle.

"Ich empfinde mich als Realist"

In der Anfangszeit ließ Tàpies sich von den Werken von Künstlern wie Paul Klee, Joan Miró, Marcel Duchamp, Pablo Picasso, Jean Fautrier oder Jean Dubuffet anregen. Auf seine surrealistische und dadaistische Phase blickt der katalanische Maler aber mit gemischten Gefühlen zurück. "Dieser Einfluss war nicht so vorteilhaft, weil er
mich meiner Spontaneität beraubte." Harsche Kritik übte er etwa am Surrealisten Salvador Dalí: "Künstler wie er malen doch wie Schüler", sagte er einst über seinen berühmten Landsmann.

Tàpies sieht sich entgegen der vorherrschenden Meinung auch nicht als abstrakten Künstler: "Ich empfinde mich als Realist, denn mein gesamtes Werk steht für den Versuch, die Wirklichkeit zu begreifen." Dabei ist sein düsteres Weltbild in den vergangenen Jahren zunehmend einer optimistischeren Betrachtungsweise gewichen, die sich auch in
seinen Werken niederschlägt. Dazu zählen Arbeiten mit Papier und Karton ebenso wie Skulpturen aus Schamott-Ton und großformatige Gemälde, in die er alltägliche Gegenstände wie Kleidungsstücke, ein Sieb oder eine Tasse miteinbezieht.

Die Aura des Geheimnisvollen

Seit den 1960er Jahren sind seine bevorzugten Stilmittelgeometrische sowie mathematische Zeichen und vor allem Kreuze und Buchstaben. Das "A" steht dabei für seinen Vornamen, das "T" für den seiner Ehefrau Teresa. Ein weiteres Element in seinem Werk ist die fernöstliche Mystik. Tàpies hat sich intensiv mit dem Taoismus und dem Zen-Buddhismus auseinandergesetzt. All dies verleiht seinen meist in Schwarz, Grau oder Ocker gehaltenen Bildern die Aura des Geheimnisvollen.

Unter der Franco-Diktatur (1939-1975) saß der katalanische Künstler wegen seiner kritischen Haltung zum Regime zeitweise im Gefängnis. Mit seinem guten Freund, dem Dichter Joan Brossa (1919-1998), und anderen Malern hatte er 1948 die Gruppe "Dau al Set" (Würfel mit sieben Augen) gegründet. Es war die erste künstlerisch-literarische Avantgardebewegung, die sich im Franco-Staat hervorwagte. "Als Künstler hat man auch eine gesellschaftliche
Verantwortung", beschrieb Tàpies einst seine politische Überzeugung. Jörg Vogelsänger, dpa

"Accrochage"

Bis Januar 2009 sind Tàpies Werke auch in Deutschland zu sehen: In der Galerie Boisserée, Drususgasse 7 – 11, Köln
http://www.boisseree.com/