Mike Kelley - Ausstellungen

Plastisch gewordener Fiebertraum

Der amerikanische Multimedia-Künstler Mike Kelley stellt in der Sammlung Goetz in München und im Bozener Museion aus
Dunkelzonen:Das Werk des Amerikaners in zwei Ausstellungen

folgt

Wie Kandor, die Hauptstadt auf dem zerstörten Planeten Krypton, wirklich aussah, weiß nur Superman. Der Comiclegende nach hütet der aus dem Weltraum gefallene Held die geschrumpften Überreste von Kandor unter einer Glasglocke. Als der amerikanische Künstler Mike Kelley 2007 seine unterschiedlichen Versionen von Kandor in einem neuen Werkzyklus vorstellte, staunte man nicht schlecht: Unter meterhohen Glasstürzen betörte im Dunkel des Raums eine abgehobene Landschaft mit in Rot, Blau, Grün, Gelb und Violett getönten Kandor-Modellen.

Videoprojektionen, Ambientklänge und Wellness-Brunnengegurgel ließen einen sinnesberauscht in die plastisch gewordene Fiktion abtauchen. Die Miniaturstädte aus Gussharz waren von unten beleuchtet und suggerierten einen urbanistischen Fiebertraum, zusammengesetzt aus futuristischorientalischen Bauten, bizarren Kristallen und Flakons wie aus der Edelparfümerie.

Ein großer künstlerischer Wurf, in dem man zu Recht Kelleys kritische Haltung zu der technokratischen Entwicklung in den USA und den Utopieblasen kondensiert sah. Ingvild Goetz, eine der wichtigsten Privatsammlerinnen von Mike Kelley, hat „Kandor 7“ erworben und lässt nun um die stolze Trophäe eine Überblicksschau in ihrer Münchner Sammlung ranken. Kurator ist der 1954 in Detroit geborene und heute in Los Angeles lebende Kelley selbst. Als Anhänger der psychedelischen Kultur wird der Künstler vor allem wegen seiner aberwitzigen Exkursionen in die Dunkelzonen verdrängter sexueller Erlebnisse geschätzt. Kelley hat bei Goetz die stichpunktartig alle Phasen seines Werks abbildende Sammlung von rund 40 Arbeiten nach chronologischen Gesichtspunkten aufgebaut.

Dazu gehört auch das nach Vorbild eines Möbelprospekts arrangierte Musterkinderzimmer „Unisex Love Nest“ von 1999, in dem Geschlechterrollen zerfleddert werden. Kelley wünscht sich, dass man vor allem sein Frühwerk neu betrachtet: „Die Gemälde auf Papier stammen von 1976, meinem letzten Jahr im Grundstudium. Ich war in erster Linie als Maler ausgebildet worden. In den neunziger Jahren nahm ich mir diese frühen Werke nochmals vor und malte in einigen Fällen weiter an ihnen. Das war etwa zur selben Zeit, in der ich angefangen habe, am ‚Educational Complex‘ zu arbeiten.“

Just diese Arbeit von 1995 findet man im Zentrum einer zweiten Kelley-Schau, die das Museion in Bozen vom Zentrum für zeitgenössische Kunst Wiels in Brüssel übernommen hat (dort war sie von April bis Juli 2008 zu sehen). Es ist ein Architekturmodell mit Nachbildungen all jener Schulen, die Kelley besuchte. Die Leerstellen in seiner Erinnerung an den „geistigen Missbrauch“ sind als weiße Flächen gekennzeichnet. Vor allzu schlichten biografischen Rückschlüssen sei aber gewarnt.

Mike Kelley

Termine: München, 1. Dezember bis
25. April 2009; Bozen, 17. Januar bis 19. April 2009.
Katalog: München, 35 Euro.
http://www.sammlung goetz.de

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