Helga de Alvear - Sammlung Falckenberg

Ein Leben für die Kunst

Vor der Fertigstellung ihres eigenen Museums in Cáceres im Jahr 2010 zeigt der Sammler Harald Falckenberg in den Phoenix-Hallen in Hamburg-Harburg einen Teil der Sammlung zeitgenössischer Kunst der Galeristin und Mäzenin Helga de Alvear aus Madrid. Unsere Korrespondentin kennt die leidenschaftliche Kunstsammlerin bereits seit Jahren – und schrieb ein sehr persönliches Porträt über eine der wichtigsten Frauen der spanischen Kunstszene.

Ihre Galerie ist seit vielen Jahren ein hell leuchtender Stern am kulturellen Firmament der spanischen Hauptstadt. Dass die Galeristin Helga de Alvear nebenbei eifrig zeitgenössische Kunst sammelte, war lange nur einem kleinen Kreis von Vertrauten bekannt.

Wie eine Bombe schlug daher vor einigen Jahren die Nachricht ein, dass ein Konvolut von sensationellen 2000 Werken der Gegenwartskunst mit vielen großen Namen der internationalen Kunstszene in Depots auf die Übereignung an die Öffentlichkeit warte. Dafür sind unterdessen alle vertraglichen Vereinbarungen unter Dach und Fach. Da sich die physische Übergabe aber durch schleppende Bauarbeiten am künftigen Hort verzögert, ist eine signifikante Auswahl aus dem reichen Fundus von Gemälden, Skulpturen, Fotografien, Zeichnungen und Video-Installationen auf die Reise nach Hamburg geschickt worden, wo sie gegenwärtig unter "Helga de Alvear und Harald Falckenberg im Dialog" im Phoenix-Kulturzentrum zu sehen ist.

Wer wie Helga de Alvear mit an Selbstverleugnung grenzender Diskretion eine Kollektion zusammenträgt, die als weltweit bedeutendste ihrer Art gilt, wer diese dann ohne Feierlichkeit und Pomp der Allgemeinheit überlässt, fordert unweigerlich Fragen nach der Person und ihren Beweggründen heraus, die beantwortet werden wollen: Sie war eine junge Helga Müller aus Deutschland, die auf ihrer Pilgerrunde zu den Quellen fremder Sprachen in Madrid den jungen andalusischen Architekten Jaime Alvear, ihren späteren Ehemann, kennen lernte. War etwa da schon ihre Liebe zur Kunst erwacht? Vielleicht auf vage, fast unbewusste Weise. Gern erzählt sie von den bunten Steinen, Abfällen aus Edelsteinschleifereien, die sie als kleines Kind im heimatlichen Kirn an der Nahe unweit von Idar-Oberstein gesammelt hatte. Dabei sei früh ihr Sinn für Farben und für abstrakte Formen geweckt worden.

Begegnung mit einer Pionierin der Avantgarde

Erst durch ihren Ehemann wurde die Hinwendung zur Kunst konkret. Über seine Freunde ergaben sich Kontakte zu der Madrider Künstlergrupe "El Paso" mit Antonio Saura, Manuel Millares, Gerardo Rueda, Rafael Canogar und vor allem zu deren Galeristin, der legendären Juana Mordó. Die Begegnung mit dieser Pionierin der Avantgarde sollte sich als schicksalhaft für die junge Helga Müller de Alvear erweisen. Als Mitarbeiterin der Galerie entwickelte sie im Laufe der Jahre eigene Kriterien und reifte zur eigenständigen Galeristin. Sie blieb aber bis zum Tod der Seniorin 1984 nach außen die unauffällige Angestellte. Dabei war sie, nachdem sie zunächst mit einer Kapitalspritze eingesprungen war, längst alleinige Inhaberin der Galerie. Mit gleicher Treue führte sie das Ausstellungsprogramm mit den angestammten Künstlern einer bereits klassisch gewordenen Avantgarde fort, das sie nur nach und nach behutsam durch Arbeiten jüngerer spanischer und immer mehr auch ausländischer Künstler ausweitete.

Erst 1995, parallel zum Umzug vom großbürgerlichen Madrider Salamanca-Viertel in prächtige lichte Räume nahe beim Museum Reina Sofía vollzog sie einen Bruch. Seitdem führt sie die Galerie nicht nur unter ihrem eigenen Namen, sondern widmet sich vorwiegend der Förderung jüngster Kunst und der besonderen Pflege von Videoinstallationen und Fotoarbeiten. Maßgebend bei der Auswahl ist für sie, dass die Arbeiten neue Sichtweisen aufzeigen, dass sie das zeitliche Umfeld reflektieren, und dass sie das Produkt ernsthafter Forschung sind.

Es sind dieselben Kriterien, die auch die Sammlerin Helga de Alvear bei ihren Ankäufen leiteten. Vielleicht hatte sie daneben stets noch einen weiteren Aspekt im Sinn: die Tauglichkeit der Arbeiten für eine breite Öffentlichkeit. Klar ist, dass sie bereits vor längerer Zeit Antennen ausgefahren hatte, um diskret Möglichkeiten einer öffentlichen Präsentation ihrer Kollektion zu sondieren. Dabei wurde ihr durchaus Interesse signalisiert. Es fehlte aber an Bereitschaft, die einzige Bedingung der Mäzenin für eine Überlassung zu erfüllen: ein angemessenes Gehäuse zu bieten.

Abnabelung von ihrer Sammlung

Jetzt wartet eine "Casa Grande" darauf, nach notwendigen Umwidmungsarbeitens als "Centro Helga de Alvear" genutzt zu werden. Das große Haus steht nicht etwa in Madrid, sondern in der westspanischen Provinzhauptstadt Cáceres. Dort, am Rande der berühmten historischen Altstadt mit ihren Kirchen und imposanten, wappengeschmückten Adelspalästen aus dem XV. und XVI. Jahrhundert hat die Regionalregierung von Extremadura zugleich das Gebäude und zwölf Millionen Euro für die Umwandlung zum Kunstzentrum bereitgestellt.

Ursprünglich sollte im Jahr 2007 die erste Bauphase mit der Übergabe von 3500 Quadratmetern Fläche für die Kunst abgeschlossen sein, und zwei Jahre später sollten weitere 6500 Quadratmeter einschließlich eines Skulpturengartens folgen. Aber das Bauen dauert. Als neues Datum für den Abschluss der ersten Phase ist jetzt Ende 2009 angesetzt.
Ob es dabei bleibt – wer weiß das schon? Es scheint der Stifterin nicht wichtig zu sein. Die Abnabelung von ihrer Sammlung, in die sie so viel Denken und Fühlen eingebracht hat, die mit ihr gewachsen ist und mit der sie selbst gewachsen, reifer und, was Einsichten in die Kunst betrifft, weiser geworden ist, hat ja längst begonnen.

Und schließlich wird sie ihrem Werk auch in Zukunft verbunden bleiben. Sie wird als Vizepräsidentin der für den laufenden Betrieb des Zentrums zuständigen Stiftung, der ihre Kollektion übereignet wird, Einfluss nehmen und darüber wachen können, dass von dem großen Haus Impulse ausgehen und es zu dem lebendigen Kunstzentrum wird, das es in ihrer Vorstellung längst ist. Die Galeristin, Sammlerin und Stifterin, Ehefrau, Mutter von drei Töchtern und sechsfache Großmutter hat zwar schon die biblische Markierung eines langen Lebens überschritten, aber sie ist noch voller Tatendrang.

"Helga de Alvear im Dialog mit Harald Falckenberg"

Termin: bis 15. März 2009, Phoenix-Kulturstiftung, Hamburg-Harburg.
http://www.sammlung-falckenberg.de/

Mehr zum Thema im Internet