Experimenta Folklore - Kunstverein Frankfurt

Mehr als nur Tracht und Jodeln

Der Frankfurter Kunstverein wirft einen ungewohnten Blick auf Volkstümliches und zeigt, in welchen überraschenden Erscheinungsformen Folklore und Volksmusik heute existieren.

Die große, bunte Kuhglocke hängt um seinen Hals, der starre Vampirblick sieht irgendwie schräg, ja fast beängstigend aus – so sitzt Olaf Breuning da auf einem Hotelzimmerbett. In seinem Film "Home 2" (2007) schreckt der Künstler nicht vor grotesken und selbstironischen Aktionen zurück, um den Ethnotourismus zu persiflieren, eine Entwicklung, die mit ihren folkloristischen Inszenierungen nur noch wenig mit lebendigen Traditionen zu tun hat.

Volksmusik und Folklore – gibt es das heute noch und wie sieht es aus? Um diese Begriffe dreht sich die Ausstellung "Experimenta Folklore" im Frankfurter Kunstverein. Die Gruppenausstellung beschäftigt sich mit dem Phänomen Volksmusik und Folklore in der zeitgenössischen Kunstproduktion. 20 Künstlergruppen aus zehn verschiedenen Ländern stellen ihre Arbeiten noch bis zum 1. März 2009 vor. Denn was Volksmusik ist, davon hat jeder eine mehr oder weniger feste Vorstellung. Diese gründlich durchzuschütteln, hat sich nun der Frankfurter Kunstverein mit dieser Ausstellung vorgenommen.
In ihren Arbeiten nähern sich die Künstler dem Begriff Folklore aus vielen Perspektiven, und zeigen oft mit Humor, dass es hier um mehr als nur das Genre populärer volkstümlicher Musik geht, sondern um die Gesamtheit aller volkstümlichen Überlieferungen von Ritualen, Tänzen, Märchen, Kleidung und Kunsthandwerk. Viele stellen Fragen nach der Bedeutung von Brauchtümern, Reimen, Riten in unserer Zeit. Verständlich, dass die Definition des Begriffs im Laufe der Jahrhunderte erweitert wurde: Heute umfasst sie alle existierenden Arten traditioneller Musik. Und dazu gehören laut Kurator Tobi Maier eben auch neuere Erscheinungsformen wie Rap. Schließlich sind die brasilianischen Repentistas, die Stegreif-Raps singen, ein fester Bestandteil der Straßenmusikerszene. Gleich mehrere der ausstellenden Künstler zeigen Arbeiten, die sich mit dieser lebendigen Tradition befassen.

Schallplatten zu Schüsseln

Neben Installationen, Musikperformances, Videos, Fotografie und Collagen, gibt es auch ein paar handwerkliche Projekte. Doch wenn das deutsch-britische Duo juneau/projects eine ihrer Holzsägearbeiten "Alpenland Micro" betitelt haben, zeigen sie damit ihre kritische Distanzierung und keine Dekoration für die gute Stube. Nach Häkeldeckchen, Hirschgeweihen und possierlichem Kopfschmuck werden die Besucher hier nämlich vergebens suchen. Der Brite Andy Holden hat für die "Experimenta Folklore" alte Schallplatten in eine Schüsselform geschmolzen und mit dekorativen Mustern bemalt. Die Gestaltung der Platten ist grob, improvisiert und zum Teil angelehnt an die Erinnerungen Holdens aus der Zeit, als er im Kairoer Museum ägyptische Keramik studierte.

Zum Filmprogramm mit mehreren Dokumentarfilmen gehört auch Sung Hyung Chos "Full Metal Village", der den Clash traditioneller und populärer Kulturen beschreibt. Obwohl der Fokus der Arbeit auf ein Heavy-Metal-Festival gerichtet ist, dokumentiert der Film auch, wie sich die Identität der Menschen vor Ort über die Jahre hinweg mit dem Festival verknüpft hat.

Wer sich Volksmusik und Folklore bisher also als verstaubte und aussterbende Begriffe vorgestellt hat, wird bei der "Experimenta Folklore" eines Besseren belehrt. Immer dort, wo Menschen ihr soziales und gesellschaftliches Zusammenleben gestalten, sind auch Volksmusik und Folklore zu finden. Also überall.

Experimenta Folklore

Termin: bis zum 1. März 2009, Frankfurter Kunstverein, Frankfurt a.M.
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