Entropa - David Cerny

Die Humorprobe

David Cerny, der böse Bube der tschechischen Kunstszene, hat wieder einmal zugeschlagen. Sein schwarzhumoriges Kunstwerk für das EU-Ratsgebäude lässt die Wogen der Empörung hochschlagen, nimmt es doch sämtliche Negativklischees der 27 EU-Nationen schonungslos in einem gigantischen Puzzle aufs Korn. Doch damit nicht genug: Ein Eklat um die Urheberschaft der 27 Puzzleteile, die unter Cernys Regie angeblich alle von Künstlern aus den jeweiligen Ländern geschaffen wurden, erschüttert Tschechien und Europa.

Als die tschechische Nachrichtenagentur "CTK" am Dienstag die einzelnen Schöpfer der Großskulptur kontaktieren wollte, kam sie dem Fake der Arbeit "Entropa" auf die Spur. Ob Agnes Cerese aus Ungarn, John O'Conell aus Irland, Francesco Compredoni aus Italien oder Vilma Stasiulyte aus Litauen – keiner dieser Kunstschaffenden existierte. Die Recherche in Telefonbüchern und auf den ebenfalls gefälschten Websites blieb fruchtlos.

Gemeinsam mit seinen Kollegen Kristof Kintera, einem bekannten tschechischen Künstler und Tomas Pospiszyl, einem renommierten Kunsthistoriker konstruierte Cerny ein perfektes böhmisches Dorf mit europäischem Anstrich. "Wir wussten, dass es herauskommen würde," sagt Tomas Pospiszyl, "wir wussten nur nicht genau, wann". Gemeinsam mit
Cerny tritt er am Donnerstag zur offiziellen Enthüllung von "Entropa" in Brüssel auf. Das multimediale Werk wird dann in Betrieb genommen: Diverse Elemente bewegen sich, ein elektronisches Schriftband leuchtet, und aus den Miniatur-Kühltürmen der österreichischen Kernkraftanlagen steigt Dampf.

Man hätte es sich eigentlich denken können, was passiert, wenn Cerny einen Auftrag von derartiger politischer und öffentlicher Tragweite bekommt. Sein Bronzetrabant auf Füßen, mit dem er die Umbrüche von 1989 kommentierte, war da ja eher noch niedlich. Doch bereits seine Bausätze, mit denen man sich wahlweise Jesus Christus oder ein Vergewaltigungsopfer aus Einzelteilen zusammensetzen konnte, kamen weniger harmlos daher. Und erst recht nicht seine lebensgroße Figur von Saddam Hussein, die nach Damian-Hirstscher Manier in einer Art Aquarium schwebte. Das hätten die Auftraggeber, allen voran Vize-Premier Alexandr Vondra, vielleicht in Betracht ziehen sollen, bevor sie Herrn Schwarz (dt. für Cerny) und seinen enstprechend gefärbten Humor erwählten. Im Grunde wollte man wohl einen provokativ-humorigen Beitrag – wenn denn die nationalen Nestbeschmutzungen von realen europäischen Künstlern gekommen wären, hätte man sie sicherlich anders wahrnehmen können.

Nun ist die Aufregung groß und für Zensur ist es zu spät. Die Verantwortlichen, besonders Vondra, fühlen sich getäuscht: "Ich war unangenehm überrascht, als ich erfuhr, dass der Urheber des Kunstwerks "Entropa" tatsächlich David Cerny war und dass es nicht von 27 Künstlern geschaffen wurde, die alle Mitgliedsstaaten der EU repräsentieren. Der Vertrag zwischen dem Regierungsbüro der Tschechischen Republik und dem Künstler verlangt klar, dass es ein Kooperationsprojekt mit Künstlern aus allen 27 EU-Ländern sein soll. David Cerny hat die volle Verantwortung dafür, dass er seine Aufgabe und sein Versprechen nicht erfüllt hat. In dieser Situation ziehen wir weitere Schritte in Betracht." So lautet Vondras etwas hilfloses Statement zur symbolischen Lage der europäischen Nationen.

"Meine Entschuldigung war nötig, denn die Leute sind wirklich nett"

Mittlerweile hat sich Cerny auf seiner Internetseite für sein Vorgehen entschuldigt und bestätigt, dass der gesamte Coup ohne das Wissen von Regierung und Außenministerium vonstatten ging. Wie hätten die Auftraggeber auch angesichts einer perfekt gestylten Hochglanzbroschüre, die jeden der erfundenen Künstler und seinen Beitrag professionell vorstellt, auch ahnen können, dass hier Phantome am Werk sind. "Das Außenministerium hat das Projekt inklusive der Publikation konfinanziert und uns absolut vertraut. Jetzt fühlen sich die Offiziellen zu Recht hinters Licht geführt. Die Entschuldigung war nötig, denn diese Leute sind wirklich nett", räumt Pospiszyl ein. Nichtdestoweniger verteidigt er die künstlerische Freiheit für "Entropa": "Täuschungen und Irreführungen sind Teil der tschechischen kulturellen Identität und unseres Erbes." Sofort führt man sich natürlich an den Fall des erfundenen tschechischen Expressionisten Bohumil Samuel Kecir (art 8/2007) erinnert, der vor einigen Jahren den Kunstmarkt und die Presse durchgeisterte.

Ein Werk über Mechanismen offizieller Kunst

In Brüssel wird sich heute zeigen, wie souverän man mit dem Fall Cerny umgeht. Vielleicht wäre die Schwejksche Größe angeraten, zu dem Coup zu stehen und den tschechischen Galgenhumor als EU-weites Markenzeichen einzuführen, vielleicht auch als Gegenentwurf zu profilloser Politik? So viel Selbstironie, gepaart mit einer beherzten Flucht nach vorn, müsste doch drin sein. Schließlich zeigt "Entropa" (das nicht von ungefähr auf "Entropie", nämlich auf "das Maß von Unordnung in einem geschlossenen System" anspielt), die Schwierigkeiten, Europa als ein Ganzes zu begreifen und ist nicht vordergründig als Beleidigung gemeint. Im Einzelfall haben die bissigen Stereotypen jedoch bereits zu diplomatischen Verstimmungen geführt. So beschwerten sich die Bulgaren, als türkisches Plumpsklo dargestellt worden zu sein. Großbritannien erscheint aufgrund seiner oft proklamierten Insel-Distanz zur EU nur als Leerstelle, und die Autobahnen auf dem deutschen Puzzleteil könnten sogar als Hakenkreuz gelesen werden. Für Frankreich ordnet Cerny einen landesweiten Dauerstreik ("Grève!") an und Rumänien wird als niedlicher Dracula-Erlebnispark vorgeführt.

Trotzdem bezweifelt Pospiszyl, dass es zu rechtlichen Konsequenzen für den Künstler kommen wird: "Sein Vertrag ist zum Glück sehr vage formuliert. Es könnte bloß passieren, dass David kein Geld dafür bekommt, was böse wäre, weil er viel investiert hat. Dass man die Arbeit abbauen wird, kann ich mir nicht vorstellen, dazu ist sie viel zu komplex." Außerdem, so Pospiszyl, enthülle "Entropa" und der Skandal darum eine Menge über Mechanismen öffentlicher bzw. offizieller Kunst, über Heuchelei und falsch verstandene politische Korrektheit. Davon ist hier tatsächlich keine Spur zu finden – ab morgen kann man sich vor Ort in Brüssel überzeugen. Die Belgier selbst werden wohl nichts gegen die Cernysche Verkürzung ihrer nationalen Identität auf eine Schachtel Pralinen einzuwenden haben. Die sieht süß und eigentlich ganz nett aus.

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