Darwin - Schirn Frankfurt

Von Affen und Menschen

Die Schirn-Kunsthalle präsentiert im Darwinjahr rund 150 Werke bekannter Künstler des 19. und 20. Jahrhunderts. art sprach mit der Kuratorin über die Evolution, Mythen und den Nationalsozialismus.

Vor 200 Jahren wurde der Naturforscher Charles Darwin geboren, vor 150 Jahren veröffentlichte er sein Schlüsselwerk "Über die Entstehung der Arten". Dass dies ein Anlass für eine Kunstausstellung sein soll, mutet zunächst merkwürdig an. Doch Pamela Kort, Kuratorin der Schau in der Schirn-Kunsthalle, ist überzeugt: "Darwins Theorien waren damals in aller Munde. Es wäre doch seltsam, wenn die Künstler darauf nicht reagiert hätten." Diese These will die Ausstellung anhand von 150 Gemälden, Zeichnungen und Lithografien sowie seltenem Dokumentationsmaterial beweisen. art-Korrespondentin Sandra Danicke sprach mit der Ausstellungsmacherin.

Frau Kort, Sie kuratieren in der Schirn Kunsthalle eine Ausstellung, die sich mit den Auswirkungen der Popularisierung von Darwins Evolutionstheorie auf die bildende Kunst beschäftigt. Wie kam es dazu?

Pamela Kort: Die Idee entwickelte sich aus den Ausstellungen, die ich zuvor in der Schirn Kunsthalle Frankfurt gemacht habe. In "Grotesk! 130 Jahre Kunst der Frechheit" zum Beispiel zeigten wir Bilder, auf denen viele hybride Wesen zu sehen waren. Später habe ich mich gefragt, was der Impuls für diese Mischwesen gewesen sein mochte. Für eine Weile blieb diese Frage unbeantwortet. Bei den Vorbereitungen zu "I like Amerika. Fiktionen des Wilden Westens" wurde ich näher mit den Ideen von Aby Warburg vertraut. Warburg war sehr an Darwins Ideen interessiert. Er ist 1895 nach Amerika gereist und kam dort in Kontakt mit vielen darwinistischen Anthropologen. Sie haben sich mit Nachleben, Ritualen, Sprachen und sozialen Strukturen beschäftigt. Ich sagte mir: Wenn Wissenschafter über darwinistische Überlebenstheorien nachgedacht haben, dann müssen auch Künstler Stellung zu diesem Thema bezogen haben. Erst dann kam es mir in den Sinn, dass die hybriden Wesen eine Reaktion auf diese Theorien sein könnten.

Wie sucht man denn nach Kunst, die sich mit Darwinismus beschäftigt?

Mein Ausgangspunkt war: Es müssen Künstler sein, die sich stark mit Naturgeschichte auseinandergesetzt haben. Sonst wäre es nur eine Vermutung. Dann hat man natürlich gewisse Vorstellungen, welche Motive infrage kommen, und man ackert Bücher durch...

Haben sich die Künstler denn nicht zu dem Thema geäußert, gibt es keine Schriftstücke, die ihr Interesse an darwinistischen Theorien belegen?

Eher wenig. Das Thema war um 1872/1900 einfach in der Luft, die Zeitschriften waren voll davon. Man musste nicht explizit darüber reden. Außerdem haben viele dieser Künstler darum gekämpft, ihre Kunst durchzusetzen. Das war schwierig genug in einer Zeit, in der neue Kunstrichtungen in erster Linie aus Frankreich kamen. Hinzu kam, dass Darwins Ideen so vehement diskutiert wurden, dass nur wenige Künstler gewagt haben, dazu direkt Stellung zu beziehen. Eine große Ausnahme war Gabriel von Max.

Wie lässt sich das belegen, gibt es da Texte oder Zitate?

Gabriel von Max war ein Darwinist. Seit 1870 hat er nicht nur Affenbilder gemalt, die von seinem Interesse an den evolutionären Ideen Darwins zeugen, sondern er hat damals auch begonnen, eine "wissenschaftliche Sammlung" aufzubauen. Diese Sammlung ist von evolutionären Theorien nicht zu trennen. Sie ist in ethnographische, anthropologische und prähistorische Abteilungen gegliedert, die keinen Zweifel daran lassen, dass Gabriel von Max nach dem Ursprung der Menschheit gesucht hat. Wir haben drei Vitrinen seiner Sammlung mit Schädeln, Skeletten, Fossilien und verschiedenen ethnographischen Objekten, die heute dem Reiss Engelhorn Museum in Mannheim gehören, rekonstruiert.

Wie steht es mit Odilon Redon, von dem Sie ebenfalls Arbeiten zeigen. Gibt es bei ihm Belege für ein Interesse an Darwinismus?

Es ist bekannt, dass Redon bei Armand Clavaud, einem Botaniker und Darwinisten, studiert hat. Bei Redon ist die Beschäftigung mit dem Darwinismus ganz offensichtlich. Es gibt aber auch andere wie Arnold Böcklin: Er hat keine Bibliothek hinterlassen, hat kein Tagebuch geführt, da wissen wir natürlich eher wenig, nur dass er sich für Naturgeschichte begeistert hat. Aber die Bilder, die er nach 1871 gemalt hat, suggerieren, dass es sich bei den Dargestellten um Mischwesen handelt, die aus einer frühen Lebensepoche stammen. Man ahnt, dass es tatsächlich Bilder von einer so genannten Tiefenzeit sind, die Wesen – so genannte fehlende Zwischenglieder – darstellen, die nicht überlebt haben und die nicht durch fossile Überreste belegt werden können.

Der Nationalsozialismus hat Darwins Theorien benutzt

Aber seltsame Mischwesen gab es doch auch schon früher in der Malerei, etwa bei Hieronymus Bosch.

Ja natürlich, aber das ist ja kein Argument. Einer von Darwins Fürsprechern in London, der britische Biologe Thomas Henry Huxley, hat schon in 1863 in seinem Buch "Evidence of Men’s Place in Nature" gesagt: "… und wenn auch die seltsamen Formen der Centauren und Stayrn nur im Bereich der Kunst existieren, so kennt man heute sicher und nachweislich Geschöpfe, die dem Menschen in ihrem wesentlichen Bau noch näher stehen als jene."

Auf dem Bild "Triton und Nereide", das Sie in der Ausstellung zeigen, ist aber kein evolutionäres Frühstadium, sondern eine mythologische Szene abgebildet: der Meeresgott Triton mit der Nymphe Nereide.

Die Wesen, die wir in Böcklins Bildern sehen, haben wenig mit der klassischen Mythologie zu tun. Die stimmen mit keiner Geschichte überein, die wir kennen. Ein Bild wie "Triton und Nereide" ist eben kein richtiges mythologisches Bild. Es ist eher ein Bild von einem verschwundenen evolutionären Moment.

Sie zeigen nicht nur Arbeiten von Darwins Zeitgenossen.

Die Ausstellung umfasst ungefähr 100 Jahre. Der Darwinismus hatte ja Höhen und Tiefen. Nach 1900 war es etwas ruhiger um ihn geworden, im Ersten Weltkrieg war der Darwinismus dann wieder im Gespräch, weil die Frage nach der "Natürlichkeit" der natürlichen Auslese an Bedeutung gewann. Der Nationalsozialismus hat Darwins Theorie dann für seine eigene Ideologie benutzt. Dadurch hat sie eine negative Konnotation bekommen, die in Deutschland teilweise leider immer noch erhalten ist.

"Darwin. Kunst und die Suche nach den Ursprüngen"

Termin: 5. Februar bis 3. Mai, Schirn Kunsthalle, Frankfurt/Main. Katalog: Wienand Verlag, zirka 30 Euro, im Buchhandel zirka 40 Euro.
http://www.schirn-kunsthalle.de/