Artist Rooms - Anthony d’Offay

Raus ins Land

Beim Verkauf seiner legendären Sammlung von Nachkriegskunst machte der Brite Anthony d’Offay zur Auflage, dass seine Werke nicht im Depot landen, sondern als Leihgaben möglichst vielen Museumsbesuchern zugänglich sind. Nun ist es so weit: An der ersten Tournee nehmen in diesem Jahr 18 Institute teil.

Zwei Videos des Kaliforniers Bill Viola im Pier Arts Centre in Stromness auf der kleinen schottischen Insel Orkney; sechs Räume mit 136 Arbeiten von Joseph Beuys im De la Warr Pavillon im englischen Seebad Bexhill, einem von sozialistischen Ideen inspirierten Bau von Erich Mendelssohn; 14 Gemälde und Plastiken von Gerhard Richter im "Mima" im nordenglischen Middlesborough; Fotografien von Robert Mapplethorpe im Museum von Inverness ganz im Norden von Schottland – Werke internationaler Künstler auf Tournee durch Großbritannien, ermöglicht durch die Schenkung eines ehemaligen Londoner Galeristen an die Tate Gallery und die National Galleries of Scotland.

Mehr als 30 Jahre lang war Anthony d’Offay einer der einflussreichsten Kunsthändler Londons, seine Galerien in einer kleinen Seitenstraße der Bond Street spielten eine bedeutende Rolle bei der Förderung und dem Verständnis zeitgenössischer Kunst in Großbritannien. Im Jahr 2001 zog er sich völlig unerwartet aus dem Geschäft zurück. "Ich bin 62 und werde nicht jünger", sagte er damals. "Und ich habe mich entschlossen, die Galerie zuzumachen, während sie noch ganz oben ist."

Im Februar 2008 verkaufte er dann, nach langen und zähen Verhandlungen, einen Teil seiner legendären Sammlung internationaler Nachkriegskunst an die Tate Gallery und die National Galleries of Scotland, zum Selbstkostenpreis. Die beiden Institute zahlten für die 725 Werke lediglich, was sie den Sammler gekostet hatten, nämlich 26,5 Millionen Pfund. Ihr wahrer Wert wird auf mehr als 125 Millionen geschätzt.

D’Offays Auflage bei der großzügigen Geste war, dass die Werke nicht einfach in die Sammlungen der beiden Museen eingegliedert, sondern in sogenannte "Artists Rooms" aufgeteilt werden. Jeder "Raum" sollte dem Werk eines Künstlers gewidmet sein, und die Räume sollten auf Tournee durch das ganze Land gehen. "Wenn wir gesagt hätten, dass sie in den Fundus verbannt und nur in unseren beiden Häusern gezeigt werden sollten, hätte er kein Interesse gehabt", sagt Sir Nicholas Serota, Direktor der Tate.

D’Offay begleitet das Projekt als unbezahlter Kurator

An der ersten Tournee nehmen 18 Institute teil, insgesamt werden 30 Artists Rooms zu sehen sein. Die Liste der teilnehmenden Künstler liest sich wie ein Lexikon der Nachkriegskunst, von Diane Arbus und Gilbert & George über Damien Hirst und Bruce Nauman bis zu Ed Ruscha und Andy Warhol. Finanziert wird das ganze durch die beiden Museen und durch eine großzügige Spende des Art Fund in Höhe von jährlich 250 000 Pfund. D’Offay selbst wird dem Projekt fünf Jahre lang als unbezahlter Kurator zur Verfügung stehen. "Sein Wissen und seine engen Beziehungen zu den Künstlern sind unersetzlich", sagte Serota. Einige der Museen, die an der ersten, relativ kurzfristig organisierten Runde nicht teilnehmen konnten, etwa im Südwesten des Landes und in den Midlands, werden im nächsten Jahr dabei sein.

In Stromness bereitet man sich unterdessen schon auf die Videoinstallation vor. Und auch Bill Viola ist in seinem Atelier in Los Angeles tätig. Er hat den Grundriss des Pier Arts Centre vorliegen, um zu entscheiden, welche Arbeit aus seiner eigenen Sammlung im Sommer die zwei Videos des Artist Room ergänzen soll. Wahrscheinlich wird es "Ascension" (2000) sein.

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