Adel Abdessemed - Fondazione Sandretto

Skandal ohne Ausstellung

Proteste von Turiner Tierschutzvereinen und Vertretern der Kulturverwaltung haben bisher die Eröffnung einer Ausstellung des algerisch-französischen Künstlers Adel Abdessemed in der "Fondazione Sandretto Re Rebaudengo" in Turin verhindert.

Die Vernissage der von Francesco Bonami kuratierten Schau von Videoprojektionen und Fotos mit dem Titel "Le Ali di Dio" (Die Flügel Gottes) war eigentlich für den 12. Februar geplant. Die Proteste richten sich vor allem gegen die Videoinstallation "Don’t trust me" (2008), bei der auf sechs Bildschirmen das Erschlagen von Tieren mit einem Hammer dokumentiert wird. Adel Abdessemed hat die Szenen in einem mexikanischen Schlachthaus aufgenommen. Ein Schwein, eine Kuh, ein Pferd, eine Ziege, ein Reh und ein Schaf werden aus dem Stall gezerrt und mit einem Hammerschlag auf den Kopf getötet. Das ganze dauert nur wenige Sekunden. Man sieht den Hammer in der Luft und das zu Boden gehende Tier.

Diese Videos haben vor einem Jahr bei einer Ausstellung in Los Angeles sogar zu Morddrohungen gegen die Leiter der Galerie geführt, so dass die Ausstellung nach wenigen Tagen geschlossen wurde. Und gegen diese Videos protestierten jetzt auch die Tierschützer in Turin, ohne sie gesehen zu haben. Patrizia Sandretto sagte umgehend die Eröffnung der Ausstellung ab und lud die Vertreter der verschiedenen Tierschutzvereine zu einem gemeinsamen Ausstellungsbesuch ein, an dem auch der Kurator und der Künstler teilnahmen.

Dabei wurde bis spät in die Nacht diskutiert, und man einigte sich schließlich darauf, in der Ausstellung Beschriftungen anzubringen, die deutlich machen, dass die Videos in einem mexikanischen Schlachthof aufgenommen und die Tiere nicht extra für Filmaufnahmen getötet worden waren. Außerdem soll jeder Besucher schon an der Kasse darauf hingewiesen werden, was ihn erwartet. Jugendlichen unter 14 Jahren soll der Besuch untersagt sein.

Patrizia Sandretto versucht gelassen zu bleiben: "Italien ist heute in einer so schwierigen Situation. Ich will auf keinen Fall, dass diese Ausstellung für polemische Zwecke missbraucht wird." Sie hat die Stiftung zur Förderung junger Kunst 1995 gegründet, und 2002 eröffnete sie ihre Kunsthalle. Im Verwaltungsrat ihrer Stiftung sitzen die Protagonisten der Turiner Finanz, der Industrie und des Verlagswesens. Aber warum zögert sie, bei so viel Macht im Rücken, die Ausstellung endlich zu eröffnen? "Wir arbeiten daran, dass diese Ausstellung vom Publikum besucht werden kann, ohne dass Gefühle verletzt werden", sagt sie ausweichend.

Eine Klage wegen "Anstiftung zur Gewalt"

Langsam wird klar, dass wieder einmal die Politik im Gebiet der Kultur ihre giftige Wirkung entfaltet. Turins Dezernent für Umwelt, Domenico Mangone, hat gegen die "Fondazione Sandretto" Anzeige erstattet. Er sieht in der Videoarbeit von Abdessemed "Anstiftung zur Gewalt". Der Turiner Staatsanwalt Raffaele Guariniello leitete routinemäßig Ermittlungen ein. Der Videofilm "Don’t trust me" liegt auf seinem Schreibtisch.

Die Ausstellung in der "Fondazione Sandretto" wird vermutlich geschlossen bleiben. In seinen weiteren, für die Ausstellung geplanten Arbeiten steht wie so oft bei Abdessemed das Thema der Angst in einer von Gewalt bestimmten Welt im Mittelpunkt. Ein auf der Seite liegendes, ausgebranntes Autowrack aus Terrakotta trägt den Titel "Practice Zero Tolerance" (2008). Abdessemed zeigt die Grausamkeit der Menschen und konstruiert als allgemeinverständliche Metapher Szenen, in denen sich Tiere gegenseitig auffressen.

Tiere sind ein häufiges Motiv, um Gefahr und Gewalt zu thematisieren. In der inszenierten Fotoserie "Separation" (2006) schleicht ein Löwe durch die Stadt, als ob hinter der Straßenecke Afrika läge, und auf dem Bürgersteig vor Abdessemeds Pariser Wohnung laufen Wildschweine ("The seven brothers", 2006). Er führt seine Aktionen durch, ohne eine Erlaubnis einzuholen. Adel Abdessemed hat Gewalt sehr nah erlebt. Er wurde 1971 im nordalgerischen Constantine geboren, besuchte die Kunstakademie in Algier. 1992 begann in seinem Land der Bürgerkrieg. Der Direktor seiner Kunstakademie wurde vor seinen Augen ermordet. 1994 verliess er Algerien und zog nach Frankreich. Der Pariser Galerist Kamel Mennour, auch er Algerier, hat Abdessemed entdeckt. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 verließ er New York. "Die große Mehrheit der Amerikaner hielt alle Araber und Muslime für potenzielle Terroristen", sagt er. In seiner Videoarbeit "Hot Blood" hat er diese Erfahrung thematisiert. Und jetzt ist er wieder auf dem Weg nach New York. Die Galerie Zwirner richtet ihm dort im April eine Ausstellung ein. Das Turiner Zwischenspiel ist ihm rätsehaft geblieben.

"Adel Abdessemed: Rio"

Termin: 3. April bis 2. Mai, Galerie David Zwirner, New York
http://www.davidzwirner.com/

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