Tony Cragg - Kunsthalle Karlsruhe

Organische Formen aus künstlichem Material

Die Kunsthalle Karlsruhe zeigt unter dem Titel "Second Nature" 120 Skulpturen, Zeichnungen und Grafiken des in Wuppertal lebenden englischen Bildhauers Tony Cragg.

Als Tony Cragg Ende der siebziger Jahre die Kunstszene eroberte, hatte er ein unverwechselbares Markenzeichen: Assemblagen aus Dingen, die ihm die Wegwerfgesellschaft frei Haus geliefert hatte. Aus Plastikmüll, Blechteilen, ausgrangiertem Spielzeug, verrostetem Küchengerät und anderem "armen" Material formte er Wandbilder, etwa Silhouetten von Menschen.

Inzwischen ist Cragg zu einem der bedeutendsten Plastiker der Gegenwart avanciert, der unter anderem auf der Documenta in Kassel, den Biennalen von Venedig und São Paulo vertreten war und 1988 mit dem Turner Prize der Tate Gallery in London geehrt wurde. Jetzt widmet ihm die Kunsthalle Karlsruhe eine Ausstellung, in der neben 15 großformatigen Skulpturen auch seine Zeichnungen zu sehen sind.

Damals wie heute ist Tony Craggs Grundthema das Ineinanderübergehen der natürlichen in die künstliche, das heißt, vom Menschen gestaltete Welt. Einst hatte er etwa die Silhouette eines Eisbären aus Kunststoffflaschen, ausgequetschten Tuben und Styroporbrocken geformt. Heute gießt er wuchernde Formen aus dem pflanzlich-organischen Bereich – wabernde Tentakeln, wie versteinert wirkende Mollusken, Schnecken oder Trilobiten – aus künstlichem Material wie Fiberglas oder aus kühler Bronze. Die überzieht er häufig auch noch mit einem farbigem Lack, wohl, um das Artifizelle hervorzuheben.

Kultur als zweite Natur des Menschen

Der Titel der Ausstellung, "Second Nature", reflektiere "eine kulturphilosophische Grundüberlegung, die besagt, dass Kultur die zweite Natur des Menschen darstellt. Diese zweite Natur schaffen wir nicht nur, indem wir Natur als Landschaft, unsere Biosphäre verändern, sondern auch an und in uns selbst, indem wir unsere anthropologischen Dispositionen überformen und kultivieren", so Museumskustodin Kirsten Claudia Voigt. Zeichnung und Skulptur "stehen sich in seinem Schaffen weitgehend autonom gegenüber – dennoch entspinnen sich starke und befruchtende Dialoge zwischen beiden Sektoren".

Tony Cragg lebt seit 1977 in Wuppertal, wo er 2006 den verwilderten Park rund um die Villa Waldfrieden erwarb. Das konsequent aus organischen Formen gestaltete Haus gehörte einst dem Lackfabrikanten Kurt Herberts, der Architekt Franz Krause hatte es 1946 entworfen. Herberts hatte hier zur Zeit des Nationalsozialismus als "entartet" gebrandmarkte Künstler wie Willy Baumeister oder Oskar Schlemmer beherbergt. Tony Cragg hat das Gelände in einen Skulpturenpark verwandelt, in dem seine oft meterhohen Skulpturen erwandert werden können und wo er auch Ausstellungen zeigt – bis 31. März sind acht Plastiken des Spaniers Eduardo Chillida zu sehen.

"Tony Cragg: Second Nature"

Termin: bis 3. Mai. Katalog: DuMont Buchverlag, 29 Euro, Hardcover im Buchhandel 49,95 Euro. Das Museum der Moderne in Salzburg übernimmt die Ausstellung vom 27. Juni bis 4. Oktober.
http://www.kunsthalle-karlsruhe.de/

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