Thomas Ruff - Castello di Rivoli Turin

Alle Bilder sind biografisch

Der deutsche Fotokünstler Thomas Ruff präsentiert in Turin, neben bekannten Zyklen wie "Nächte", "Nudes" und "Retuschen", zum ersten Mal seine neue Serie "jpegs" – irritierende Pixellandschaften, mit ganz besonderen ästhetischen Reizen. Kuratiert wurde die Ausstellung von der künftigen Leiterin der Documenta 13, Carolyn Christov-Bakargiev.

"Ich lebe mein Leben, und manchmal stoße ich auf etwas, was mich interessiert, aufregt oder amüsiert, auf Dinge, die mich nicht mehr loslassen, und dann kommen solche Sachen dabei heraus", sagt Thomas Ruff, 51, und deutet den langen Saal im Schloss Rivoli hinunter, in dem rund 80 wandfüllende Fotos hängen. Ruff ist ein nüchterner Zeitgenosse, der seine Themen mit ausführlichen Serien umkreist.

Berühmt wurde der Becher-Schüler durch seine passbildartigen Porträtfotos, die er ab 1986 im Großformat abziehen ließ. Auf diese Porträts verzichtet die Ausstellung in Rivoli und setzt stattdessen mit neun kleinen, "Retuschen" genannten Porträtfotos ein, Illustrationen aus einem medizinischen Werk, die Ruff 1995 handkoloriert hat. Sie zeigen namenlose Patienten, deren traurige Gesichter auch durch blaue Lidschatten, Rouge und rote Münder nicht gesünder wirken. Eine gute Einführung in ein Werk, in dem sich bisher alles um die Bearbeitung vorgefundener Bilder drehte.

Die Ausstellung verfolgt keine chronologische Ordnung und zeigt gleich neben den kleinen "Retuschen" großformatige Digitaldrucke der Serie "Zycles", die in den letzten Jahren entstanden sind. Ruff begann 2007 mit Hilfe mathematischer Formeln schwingende Linien in einem unbestimmt tiefen Raum zu erzeugen, die er dann als großformatige Inkjet-Prints auf der Leinwand sichtbar macht. Diese Bilderzeugung hat eigentlich mit der Fotografie nichts mehr zu tun. Die schwindelerregende Tiefe des Raums hat den Künstler immer fasziniert. 1989 wählte er den Sternenhimmel mit seinen Galaxien, Milchstraßen und Nebeln zum Thema. "Für mich war es ja technisch nicht möglich, die Sterne zu fotografieren", sagt Ruff, "ich kaufte die Negative bei der Europäischen Südsternwarte, die ein Teleskop in den Anden stehen hat. Aufgrund der Licht- und Luftverschmutzung kann man in Mitteleuropa keine Fotos vom Himmel machen." Eine wissenschaftliche Erkenntnis vermitteln die großen Fotos der Serie "Sterne" nicht. Der Sternenhimmel erscheint als abstraktes Muster. Am Bild der Sterne hat Ruff nichts verändert. Er hat das Weltall akzeptiert, so wie es ist, ohne Retusche.

Bestandsaufnahmen des Alltäglichen

Fasziniert davon, noch etwas in absoluter Dunkelheit sehen zu können, arbeitete Ruff zwischen 1992 und 1995 mit einem militärischen Nachtsichtgerät, das für den Golfkrieg entwickelt wurde. Das Sehinstrument kann noch Restlichtelektronen erfassen, die für das menschliche Auge nicht mehr sichtbar sind. Kombiniert mit einer Kamera entstanden die grünlichen, unheimlichen Bilder der Serie "Nächte", Aufnahmen von ganz unspektakulären deutschen Wohnvierteln, die wie potenzielle Tatorte erscheinen.

"Alle Bilder, die in der Ausstellung hängen, sind biografisch", sagt Ruff. Zu sehen sind auch einige der 155 Fotos der Serie "jpeg" aus seinem Bilderarchiv, in dem die Erinnerung an unsere Zeit mit irritierenden Pixellandschaften und verschwommenen Wackelbildern aufbewahrt ist. Ölquellen in Flammen, Überschwemmungen und Atompilze. Bilder, die erschrecken und gleichzeitig einen ästhetischen Reiz ausüben. Von nahem besehen ist da nur eine abstrakte, verpixelte Oberfläche, tritt man ein paar Meter zurück wird das Dargestellte erkennbar.

Bestandsaufnahmen des Alltäglichen sind auch die Pornobilder der Serie "Nudes". "Sie sind der heutigen Realität auf jeden Fall näher, als die Aktfotos von Helmut Newton", sagt Ruff. Er hat sie im Internet gefunden und durch elektronische Bildbearbeitung verfremdet. In Rivoli sind sie in einen abgetrennten Raum verbannt, an dessen Eingang ein gedruckter Hinweis Jugendliche unter 18 Jahren vom Besuch zurückhält. Die Fotos sind in der sogenannten "Petersburger Hängung" dicht über die rosarot gestrichenen Wände verteilt. Eine Inszenierung, die auf den Voyerismus der Besucher abzielt und viel kritisiert wurde. "Das Jugendverbot muss ja sein", sagt Ruff, "das ist in bestimmten Ländern einfach so. In Deutschland hatte ich damit nie ein Problem."

Aber dieses Schweinchenrosa der Wände? "Ich habe verschiedene Farben ausprobiert", sagt Ruff und lacht, "das Rosa gefiel mir dann am besten. Aber vielleicht bin ich da ein bisschen unter italienischen Einfluss geraten." Die Schau von Thomas Ruff wurde noch von der ehemaligen Leiterin, Ida Gianelli, geplant. Kuratiert hat sie Carolyn Christov-Bakargiev, frischgewählte Leiterin der Documenta 13 und bis Ende 2009 Interims-Direktorin in Rivoli.

"Thomas Ruff"

Termin: bis 21. Juni, Castello di Rivoli, Turin
http://www.castellodirivoli.org/

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