Carnival Within - Berlin

Apocalypse Wow

Die Ausstellung "Carnival Within – An Exhibition Made in America" versammelt in den Uferhallen in Berlin-Wedding quer durch Genres und Generationen die kulturellen Dissidenten der letzten Supermacht und überzeugt durch Auswahl, Präsentation und Location.

Amerika und der einstige Arbeiterkiez Berlin-Wedding verbindet viel: An beiden Orten suchen Politik, Wirtschaft und Bürger nach Antworten auf die Strukturkrise der postindustriellen Gesellschaft, unterschiedliche Vorstellungen des Zusammen- oder Aneinandervorbeilebens prallen aufeinander und die problematischeren Aspekte der Hiphop-Kultur erfreuen sich großer Beliebtheit. Dazu gibt es ein Waffenproblem, und wer es sich leisten kann, bewegt sich auf seinen eigenen vier Rädern von A nach B.

Besser hätten sich die Organisatoren von „Carnival Within – An Exhibition Made in America“ den Standort ihrer Ausstellung also kaum aussuchen können: Nicht nur reflektieren die Weddinger Uferhallen auf dreitausend Quadratmetern die weit verbreitete Hoffnung auf eine Transformation von handwerklicher zu symbolischer Produktion – auch versprühen sie jenen fürs Trend-Volk attraktiven spröden Charme, der bereits neue New Yorker Szeneviertel wie Williamsburg auf die internationale Landkarte der Galerienszene gebracht hat.

Faszinierender wie gruseliger Budenzauber

Ebenfalls überzeugend: Die tatsächlich an einen Rummel gemahnende Präsentation der von Gregory Volk kuratierten Schau, die insgesamt 18 amerikanische oder in den USA lebende Künstler aus verschiedenen Generationen präsentiert und Malerei, Zeichnung, Fotografie, Video, Skulptur und Installation unter dem sechseinhalb Meter hohen Dach der einstigen Straßenbahnwerkstatt versammelt, in der noch immer Siegerurkunden des Bowling-Wettbewerbs von 1981 und interessante Schildchen mit Aufschriften wie "Meldespannung", "Torluftschleier" und "Bandenschutz" zu entdecken sind.

In sechs großen weißen Boxen werden die Videoarbeiten präsentiert, von den Wänden und von der Decke blitzt und glitzert es, und Karyn Oliviers lebensgroßes Karussell mit nur einem traurigen Sitzplatz komplettiert den gleichermaßen faszinierenden wie gruseligen Budenzauber, der seine Besucher zwischen den Tanzbären von Anne Chu und unter Spencer Finchs Luftballons in den gruseligen Skulpturen von David Herbert mit amerikanischen Ikonen wie Mickey Mouse oder Superman in grotesk verfremdeten und skelettierten Versionen konfrontiert.

Überhaupt haben es die Kuratoren nicht so mit dem Triumphalismus: Was da von Ferne her leuchtet, ist Nadine Robsinsons Stern namens Wermut, der bereits in der Offenbarung einen Haufen Unheil über die Erde zu bringen droht, Sanford Biggers im Raum schwebendes Grinsen der Cheshire-Katze spielt nicht nur auf "Alice im Wunderland", sondern
auch auf die rassistischen "Minstrel-Shows" des 19. Jahrhunderts an, und aus dem verbrieften amerikanischen Grundrecht auf "The Pursuit of Happiness" macht Lawrence Weiner kurzerhand "A Pursuit of Happiness – ASAP". Das von Nina Katchadourian fotografierte Deli an der Straßenecke in Brooklyn feiert seine "GRAND OPENING" inklusive Buchstabendreher, Peggy Preheims minuziöse Bleistiftzeichnung schlaff herabhängender "Stars and Stripes" ist so klein geraten, dass es für amerikanische Verhältnisse nahezu unamerikanisch wirkt.

Ebenfalls einen genauen Blick verdienen die in der heimatlichen Kleinstadt in Upstate New York entstandenen Fotografien der im Alter von nur 33 Jahren gestorbenen Tracey Baran, die ihre Sujets im dünn besidelten Grenzgebiet zwischen Schönheit und Verzweiflung fand und in den dampfenden Resten eines Stock Car Race die Vorboten der Apokalypse aufscheinen lässt. Die Mission der Kuratoren, eine im Sinne Michail Bachtins karnevalesk "umgestülpte Welt" in all ihren Facetten zu zeigen, kann also getrost als erfüllt betrachtet werden.

Was allerdings aus dem Wedding werden soll, in dem auch immer wieder gerne Normalität zeitweise suspendiert wird? Nun ja: Nachdem nacheinander Mitte, Prenzlauer Berg, Friedrichshain, Kreuzberg und inzwischen sogar Teile Neuköllns für viele Kunstschaffende und Kunstvermittler schwierig zu finanzieren geworden sind, haben sich die ersten Raum-Pioniere auf der Suche nach bezahlbarem Raum und einer neuen "Wild Frontier" ohne Starbucks und Toursitenströme nun im rauen Norden der Stadt niedergelassen. Besonders beachtenswert unter den Neuansiedlungen ist übrigens die Galerie "Feinkost" in der Bernauer Straße – gegründet von Aaron Moulton, einem Amerikaner.

"Carnival Within – An Exhibition Made in America"

Termin: bis 03. Mai 2009, Uferhallen im Wedding, Berlin Uferstraße 8–11,
Di - So 12–18 Uhr
http://www.discover-us.org/discover/ausstellung.php