Artur Zmijewski - Berlin

Provokation als erfolgreiche Strategie

Der polnische Künstler Artur Zmijewski wurde durch schockierende Performances mit Behinderten und KZ-Überlebenden bekannt. Für seine aktuelle Ausstellung "Democracies" in der Berliner DAAD-Galerie hat er an den verschiedensten Orten den öffentlichen Raum als Ort von Konflikten und Machtdemonstrationen untersucht und erklärt, was Jörg Haiders Begräbnis und der 1. Mai miteinander zu tun haben.

Herr Zmijewski sie tragen festes Schuhwerk, sportliche Kleidung und unter dem dunklen Kapuzensweater ein rotes T-Shirt – man könnte Sie für einen Globalisierungsgegner halten. Waren Sie auf der Demo gegen die Krise?

Zmijewski: Nein, ich kann leider nicht überall sein. Aber gerade erst war ich in Warschau auf einer Demonstration von Kohlekumpeln und Stahlarbeitern, die vor dem Wirtschafts- und Gesundheitsministerium gegen niedrige Löhne protestierten. Meine Möglichkeiten sind beschränkt, ich kann nur eine bestimmte Auswahl von Ereignissen dokumentieren. Und was die Kleidung betrifft, mag ich einfach diesen harten Style – die Schuhe sind übrigens aus dem Baumarkt.

Warum stellen Sie in Ihrer Ausstellung kommentarlos Jörg Haiders Begräbnis und den Kreuzberger 1. Mai nebeneinander?

Meiner Meinung nach handelt es sich in beiden Fällen trotz völlig unterschiedlicher Inhalte um ein politisches Ereignis, zu dem auch die Bevölkerung Zugang hat. Genau wie die Machtdemonstration einer polnischen Militärparade, wo dann ein Teil der europäischen NATO-Kriegsmaschinerie zum Anlass für ein Picknick wird.

Sie haben auch Ereignisse in der West Bank gefilmt. Wurde das nicht irgendwann gefährlich?

Das war schon sehr ungemütlich. Insbesondere bei einer Demonstration in Bili´n fühlte ich mich wie auf dem Schlachtfeld. Doch dort habe ich wie ein Journalist gearbeitet, und Journalisten gehen nun einmal Risiken ein, um die Öffentlichkeit über bestimmte Ereignisse und deren Bedeutung zu informieren und viele von ihnen zahlen dafür einen hohen Preis – sie sterben. Das war wohl die riskanteste Situation. Diese Gummimantelgeschosse können gefährlich sein, wenn man sie in den Rücken bekommt. Aber an anderen Orten ist es gefährlicher, dort sterben mehr Menschen.

Warum dieser Rollenwechsel vom Künstler zum Reporter?

Damit die von mir gedrehten Filme keinerlei Kunst enthalten. Sind darin etwas künstlerische Strategien zu entdecken? Wobei das natürlich auch typisch für die Perversion des Kunst ist: Bittet man einen Künstler, etwas Rotes zu produzieren, besteht das Ergebnis wahrscheinlich aus grünen Punkten oder ist transparent. Oder ist aus Holz. Etwas komplett Unerwartetes – wobei genau das natürlich erwartet wird. Wir erwarten von Kunst geradezu, dass sie "tricky" ist.

Sie gelten durch ihre bisherige Arbeit als Provokateur. Braucht Kunst heute noch Provokation?
Provokation ist eine erfolgreiche Strategie, deswegen verwenden Künstler sie ja. Es gibt dieses beständige Hintergrundgeräusch der Informationen, Bilder und Texte, ein einziges Chaos. Will man auch vor diesem Hintergrund, der das Publikum beständig ablenkt, noch im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen, muss man diese pornografischen Elemente benutzen, die die Leute provozieren, in dem sie Skandale produzieren. Nur so bekommt man einen direkten Zugang zu den Leuten.

Während ihrer Ausstellung wird sich das Programm ändern – welche Filme werden hinzugefügt?

Bilder einer Antikriegsdemonstration in Tel Aviv aus dem Januar 2009, da während der Demonstration im Fernsehen der Einmarsch bekannt gegeben wurde. Dann das öffentliche Verlesen eines offenen Briefes seitens der polnischen Kirche gegen künstliche Befruchtung. Zuletzt habe ich meinen Kameramann nach Winnenden geschickt, um dort die
öffentlichen Trauerzeremonien zu dokumentieren, zu denen hunderttausend Teilnehmer erwartet worden waren, aber nur 7000 kamen. Da fragt man sich doch, warum.

"Democracies"

Termin: bis 9.5., daadgalerie, Zimmerstr. 90/91, Berlin
Öffnungszeiten: Montag bis Samstag: 11–18 Uhr
http://www.berliner-kuenstlerprogramm.de