Liselotte Grschebina / Hannes Kilian - Gropius-Bau Berlin

Die Ästhetik des Aufbaus

Der Berliner Martin-Gropius-Bau präsentiert mit Fotografien aus Palästina und Deutschland zwei faszinierende Künstler derselben Generation und Tradition: Liselotte Grschebina und Hannes Kilian.

Ohne die Umzugspläne von Beni Gjebin, dem Sohn der 1994 gestor­benen jüdischen Fotografin Liselotte Grschebina, würde es die Ausstellung im Martin-Gropius-Bau womöglich nicht geben. Beim Aufräumen in seiner Wohnung im Jahre 2000 erinnerte sich Gjebin, dass die Fotosammlung seiner Mutter in einem Wandschrank lagerte.

Schon 1957 hatte sie das Fotografieren aufgegeben, um ih­rem Mann, einem Arzt, in seiner Praxis zu helfen. Auf Anraten eines Freundes bot Gjebin das Fotokonvolut schließlich dem Israel-Museum in Jerusalem an. Dort konnte man den Zufallsfund kaum glauben: Die 1800 bislang unbekannten Abzü­ge dokumentieren nicht nur die Emigra­tion einer deutschen Jüdin vor der Nazi-Verfolgung nach Palästina, sondern auch, wie sie ihre an der "Neuen Sach­lich­keit" geschulte Ästhetik in ihre neue Hei­mat mitnahm.

Denn Grschebina (Jahrgang 1908), die zunächst in Karlsruhe Gebrauchsgrafik und figurative Malerei studiert hatte, bevor sie sich Ende der zwanziger Jahre an der Kunstgewerbeschule in Stuttgart im jungen Fach der Werbefotografie einschrieb, war eine strikte Verfechterin des "Neuen Sehens", eines ungeschminkten Realismus, den die Avantgarde in den Zwan­zigern zum ästhetischen Programm erklärt hatte.

Deutsche Geschichte wird erfahrbar

So vereint die Ausstellung nicht nur modernistische deutsche Werbefotografie der Weimar-Ära mit der Aufbauästhetik vor und nach der Gründung Israels, sie legt auch Zeugnis ab von der Bildfindung der Fotografie selbst, als viele ihrer Produ­zenten ihr Potenzial, etwa die Montagetechnik, erstmals erkundeten.

Weniger spektakulär ist die Nachlassgeschichte von Hannes Kilian (1909 bis 1999), dem im Gropius-Bau zeit­gleich eine Retrospektive gewidmet ist: über 500 000 Negative hinterließ der deut­sche Pressefotograf, der für deutsche Zeitungen wie "Die Zeit" und internationale Magazine wie "Time Magazine" arbeitete. Sie befinden sich im Archiv des Haus der Geschich­te Baden-Württemberg in Stuttgart.

In der Ausstellung, die vor allem Reportagefotografien zwischen 1937 und 1987 präsentiert, wird deutsche Geschichte erfahrbar: das kriegszerstörte Stuttgart, das geteilte Berlin, politische Repräsentan­ten wie Ludwig Erhard. Durch Kilians Fo­tos werden sie, eben­so wie einfache Arbei­ter oder Künstler, sondern einfühlsam als Menschen mit besonderer Gabe porträtiert.

"Hannes Kilian – Fotografien" und "Eine Frau mit Kamera: Liselotte Grschebina"

Termine: bis 29. Juni, Gropius-Bau, Berlin. Kataloge: Grschebina, 12 Euro; Kilian, Hatje Cantz Verlag, 25 Euro, im Buchhandel 39,80 Euro
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