Michaël Borremans - Kestnergesellschaft Hannover

Gesten der Verstörung

Die Kestnergesellschaft Hannover zeigt Michaël Borremans und bietet erstmals einen Überblick über seine Filmarbeiten.

"People must be punished" steht auf einem Bild ("The Swimming Pool", 2001) von Michaël Borremans. Die repressive und gewalttätige Aussage wird darauf ins Surreale gewendet: Auf die Brust eines jungen Mannes schreibt eine anonyme Hand diesen Satz, während im Vordergrund Badegäste in einem Miniaturpool schwimmen und der Szene beiwohnen. Diese Art von beklemmenden Settings, die offene und verdeckte Formen von Gewalt und Abhängigkeit zeigen, haben den 1963 in Belgien geborenen Künstler bekannt gemacht.

Die Sichtbarmachung verdrängter Traumata, persönlicher und historischer Ängste verbindet ihn mit seinem Landsmann Luc Tuymans. Die Verschiebung von Zeitebenen und das Auflösen von Größenverhältnissen als Mittel der Komposition erinnern an Neo Rauch. Aber Borremans Arbeiten sind weniger vordergründig als die statisch mit Bedeutung aufgeladenen Sujets seines Leipziger Kollegen und weniger hermetisch als die Gemälde von Tuymanns. Die gedeckten Farben, die perfekte Maltechnik, die Verbindung von Schrift, Zeichnung und pastosen Gestus verdichten sich bei Borremans zu einer präzisen und unprätenziösen Rhetorik des Bildermachens. Die Figuren wirken auf seinen Bildern häufig isoliert und Borremanns fokussiert ihre Gesten, vergrößert und betont deren innere Anspannung. So schafft er es ohne Effekte, existenzielle Fragen nach dem Einzelnen und der Gemeinschaft zu stellen und die teilweise absurde Interaktion der Protagonisten zu beschreiben.

Die Filme changieren zwischen bewegtem und gemaltem Bild

Sein Repertoire an Ausdrucksmöglichkeiten umfasst neben Malerei und Zeichnung auch Filmarbeiten. Diese Filme erweitern und bestätigen das Oeuvre des Künstlers überzeugend und konsequent. Die Kestnergesellschaft Hannover zeigt als Schwerpunkt der Ausstellung "Automat" die aktuellen Filmarbeiten von Michaël Borremans. Die Filme, insgesamt sind sechs Projektionen zu sehen, sind gleichwertige und eigenständige Arbeiten, die zwar thematisch oftmals mit den Gemälden und Zeichnungen korrespondieren, aber keinen Moment lang das Gefühl aufkommen lassen, das es sich hier um Skizzen oder missglückte Erweiterungsversuche der Malerei handeln könnte.

Von der Qualität eines Films konnte man sich schon auf der Berlin-Biennale 2006 in der alten jüdischen Schule überzeugen. Die Präsentation auf einem Monitor changierte zwischen bewegtem und gemaltem Bild, zwischen Video und Leinwand. In Hannover hat sich Kurator Martin Germann dafür entschieden, die Filmarbeiten großzügiger zu präsentieren und das Untergeschoss, bis auf einen Raum, der eine konzentrierte Auswahl von wenigen kleinformatigen Gemälden zeigt, komplett verdunkelt.

Atmosphäre der Beklemmung und Bedrohung

Am überzeugendsten ist die raumfüllende Projektion "The Storm" (2006). Drei Männer sitzen in weißen glänzenden Anzügen erschöpft auf Stühlen. Das Material ihrer Kleidung erscheint wie eine Mischung aus Satin und Drillich, die Anzüge könnten gleichermaßen das Kostüm von drei professionellen Performern oder die Kleidung von Gefangenen sein. Die weiße Uniformität steht in einem deutlichen Kontrast zur schwarzen Hautfarbe der Männer. Diese Tatsache bekommt eine unterschwellige Bedeutung für die Rollenzuschreibung in Bezug auf Ethnie, Identität, Kultur und Diskriminierung, ohne dass Borremans explizit darauf hinweist. Eigentlich passiert gar nichts, das Bild flackert, die Kamera blendet auf und ab, die Männer sitzen da und starren vor sich hin.

Die drei tauchen abermals im Film "The Feeding" (2006) auf, dieser ist allerdings weitaus langatmiger und bedeutungsschwerer inszeniert. Die Filme sind immer dann am intensivsten, wenn sie sich der Stille und Präzision von Borremans Malerei und Zeichnung nähern und die Möglichkeiten des Films in einem minimalen Sinne genutzt werden. Aber alle Filmarbeiten verbindet die Tatsache, dass Borremans es schafft eine Atmosphäre der Beklemmung und Bedrohung zu erzeugen und Bildwelten zu schaffen, in denen die Gesten, Blicke, Berührungen oder beiläufige Handlungen der Protagonisten eine abgründige Bedeutung bekommen. Allem, so scheint es, liegt ein Konflikt und eine Verstörung zugrunde. Michaël Borremans bringt das in allen Medien zum Ausdruck, ganz gleich, ob er zeichnet, malt oder filmt: Die Inszenierungen überzeugen und verstören.

"Michaël Borremans – Automat"

Termin: bis 21. Juni 2009, Kestnergesellschaft Hannover. Katalog: Michaël Borremans / Automat, Hrsg. Martin Germann, Veit Görner, Kestnergesellschaft, Hannover. Deutsch, Englisch, 2009. 72 Seiten, 40 farbige Abbildungen
http://www.kestner.org/de/ausstellungen/michael_borremans/infos_zur_ausstellung.html